Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte ist eine erstaunlich präzise Beschreibung der Gegenwart – aber sie hat einen blinden FleckIm neuen Buch schildert Francis Fukuyama seinen intellektuellen Werdegang. Und fragt sich, woran die westlichen Demokratien kranken.Lukas Leuzinger02.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGleiche Rechte zu haben, ist nicht genug: Francis Fukuyama versucht die innere Zerrissenheit in etablierten Demokratien zu verstehen. Aufnahme: Zürich, 2025.Dominic Nahr / NZZVon allen lebenden Autoren ist Francis Fukuyama wohl jener, der am meisten zitiert wird, ohne dass er gelesen worden wäre. Es ist zu einem intellektuellen Running Gag geworden, süffisant darauf hinzuweisen, dass sich die Prognose des politischen Philosophen vom «Ende der Geschichte» als falsch bis hochmütig erwiesen habe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allerdings: Das wird Fukuyamas These kaum gerecht. Ursprünglich hat er sie in einem Aufsatz mit dem Titel «The End of History?» 1989 veröffentlicht (notabene noch vor dem Mauerfall). Darauf aufbauend schrieb er 1992 das Buch «Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch». Der zweite Teil ist entscheidend. Denn wer das Buch zu Ende liest, merkt: Fukuyamas Ausblick auf das «Ende der Geschichte» ist keineswegs ein euphorischer – im Gegenteil. Wohl um die Bedeutung dieses Zusatzes zu betonen, hat er ihn nun zum Titel seines neuen Werks «Der letzte Mensch» gemacht.Der autobiografische Charakter des Buches bietet interessante Einsichten in den Werdegang Fukuyamas – und zwar nicht nur intellektuell. So erfährt man, dass der Denkarbeiter nebenbei auch Holzhandwerker ist, der seine eigenen Möbel zimmert; oder dass er passionierter Fotograf ist und eine beachtliche Sammlung von alten Nikon-Kameras besitzt.Natürlich spielt auch Fukuyamas Familiengeschichte eine Rolle. Er wurde 1952 in Chicago als Sohn japanischstämmiger Amerikaner geboren. Der Zweite Weltkrieg, während dessen mehrere Familienmitglieder interniert wurden, hat auch bei Francis Fukuyama Spuren hinterlassen.Später Bruch mit den NeokonservativenIdeologisch war Fukuyama ursprünglich ein klassischer amerikanischer Liberaler, bevor er, unter dem Einfluss von Denkern wie Leo Strauss oder Allan Bloom, konservativer wurde. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde er zu einem prominenten Vertreter des Neokonservatismus.Der Bruch folgte mit dem Irakkrieg 2003, den Fukuyama zunächst befürwortete, obwohl er nach eigenem Bekunden schon früh erkannte, dass die USA kaum eine stabile Demokratie im Irak würden etablieren können. Dennoch stellte er sich erst nach über einem Jahr öffentlich gegen den Einmarsch, was er damit erklärt, dass er sich scheute, alte Freunde vor den Kopf zu stossen.Gleichwohl blieb Fukuyama Teil dessen, was man als den internationalistischen Mainstream in der amerikanischen Aussenpolitik bezeichnen kann (oder zumindest konnte). Entsprechend begleitete er Donald Trump seit Beginn von dessen politischer Karriere mit leidenschaftlicher Ablehnung, so wie er sich gegen alles stellt, was sich in die Kategorie «Populismus» einordnen lässt. Zugleich kritisiert er auch die identitätspolitischen Übertreibungen der Linken immer wieder scharf. Fukuyama ist politisch heimatlos geworden.Praktisch über seine gesamte Karriere ist Fukuyama öffentlich vor allem mit dem Begriff vom «Ende der Geschichte» in Verbindung gebracht worden. Doch was hat es mit dem «letzten Menschen» auf sich?Nihilistische BewegungenIm Kern lautete Fukuyamas 1992 formulierte These: Der Mensch strebt nach Freiheit und Anerkennung durch andere. Das einzige System, das dieses Bedürfnis bisher dauerhaft befriedigen konnte, ist die liberale Demokratie, die gleiche Rechte für alle garantiert. Daran hat sich – allen Unkenrufen zum Trotz – nichts geändert. Die autoritären Systeme Putins oder Xis wirken bis jetzt nicht besonders attraktiv; jedenfalls ist kein überwältigender Einwanderungsdruck in Richtung Russland oder China erkennbar.Bloss: Was passiert, wenn alle Menschen gleiche Rechte haben? An diesem Punkt taucht der «letzte Mensch» auf, wie ihn Friedrich Nietzsche beschrieben hat: ein Wesen ohne Stolz und Ambition, das sich mit rein materiellen Freuden bescheidet. Im «Ende der Geschichte» steigen wir also zu seelenlosen Konsummaschinen ab.Oder etwa doch nicht? Viele Menschen geben sich nicht damit zufrieden, gleichberechtigt und wohlhabend zu sein. Sie suchen nach einem neuen Antrieb. Wie Fukuyama in seinem Buch von 1992 schrieb: «Die Erfahrung lehrt, dass Menschen, die für die gerechte Sache nicht mehr kämpfen können, weil diese bereits in einer früheren Generation gesiegt hat, gegen die gerechte Sache kämpfen.»Das erklärt aus Sicht von Fukuyama den heutigen Unmut und die innere Zerrissenheit in vielen etablierten Demokratien. Die «woke» Linke ebenso wie die identitäre Rechte haben keine kohärente Alternative zur liberalen Demokratie. Ihr Widerstand ist im Kern nihilistisch: Sie streben nach der Zerstörung um der Zerstörung willen.Woher kommt die Verbitterung?So gesehen hat sich Fukuyamas düsterer Ausblick auf das «Ende der Geschichte» als erstaunlich präzise Beschreibung der Gegenwart erwiesen. In heutigen Konflikten steht weniger die Konkurrenz unterschiedlicher politischer Modelle im Zentrum als der Kampf um Anerkennung – sei es von immer marginaleren Minderheiten innerhalb von Gesellschaften oder ehemaligen beziehungsweise aspirierenden Supermächten auf geopolitischer Ebene.Fukuyama vermag allerdings nicht zufriedenstellend zu erklären, wie die Verbitterung gegenüber den Eliten innerhalb westlicher Demokratien zustande kommt. Ist es wirklich nur Langeweile und Nihilismus? Vielleicht bietet das Buch auch deshalb kaum Erklärungsansätze, weil sich der Widerstand gegen ein Establishment richtet, dem Fukuyama seit Jahrzehnten selber angehört und das fatale Fehlkalkulationen wie beim Irakkrieg zu verantworten hat. Hier liegt der wirkliche Fehler des politischen Philosophen – und der blinde Fleck des Buches.Wohl auch deshalb stellt Fukuyama im Nachwort mit der Überschrift «Die Zukunft der liberalen Demokratie» viele Fragen, ohne wirklich Lösungen zu präsentieren. «Bis heute hat niemand eine Architektur gefunden, die den letzten Menschen am Ende der Geschichte beherbergen könnte», schreibt er am Ende als Fazit. Und wirkt dabei ähnlich orientierungslos wie der letzte Mensch, den er beschreibt.Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt? Hoffmann-und-Campe-Verlag, Hamburg 2026. 272 S., Fr. 39.90.Passend zum Artikel
Fukuyamas These vom «Ende der Geschichte» ist nach wie vor wichtig – aber sie hat einen blinden Fleck
Im neuen Buch schildert Francis Fukuyama seinen intellektuellen Werdegang. Und fragt sich, woran die westlichen Demokratien kranken.








