Nein, das war keine Clankriminalität und auch kein Femizid. Stade lenkt den Blick auf ein unterbelichtetes Problem: den Schutz von Sozialarbeitenden.
M an kann nach einer so brutalen, erschütternden Gewalttat wie in Stade den eigenen Reflexen bei der Arbeit zusehen. Dem geradezu übermächtigen Drang, möglichst schnell eine Erklärung, ein Muster, eine klare Gut-böse-Zuordnung zu finden, die ein solches Ereignis in die schon vorhandenen Weltbilder einfügt. Das ist menschlich, niemand kann sich davon freimachen. Trotzdem führt es nicht selten in die Irre. In diesem Fall vermuteten die einen schnell Clankriminalität (türkischstämmig! Mercedes-AMG-Fahrer!), die anderen schnell einen Femizid oder erweiterten Femizid. Durch die Ermittlungen schält sich nun immer mehr heraus: Der Hintergrund war ein lang anhaltender Sorgerechtsstreit – und zwar nicht zwischen den beiden Elternteilen, sondern den Eltern und dem Jugendamt.
Diesen hat die Patentante des drei Monate alten Babys und mutmaßliche Fluchtwagenfahrerin schon Tage vor der Tat in einer langen E-Mail an verschiedene Medien geschildert. Demnach hatte das Jugendamt das Kind aus der Familie genommen, weil bei einer Notfallbehandlung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) der Verdacht aufgekommen war, das Baby könnte geschüttelt worden sein. Wobei nicht klar ist, von wem: Es könnten der Vater, die Mutter oder auch andere Kontaktpersonen gewesen sein. Die Familie leugnet das, spricht von einem unglücklichen Zusammenstoß, einem Unfall. Sie opponiert gegen eine Notoperation, genauso gegen die Inobhutnahme. Mitarbeitende der Medizinischen Hochschule zeigten nicht nur die mutmaßliche Kindesmisshandlung an – sondern auch den Vater, von dem sie sich bedroht fühlten.












