Die Tat in Stade macht fassungslos. Der mutmaßliche Täter ließ sich in der Absicht zu töten zu der Jugendeinrichtung bringen, wo es um das Sorgerecht für seine kleine Tochter gehen sollte. Mutter und Tochter waren dort untergekommen, und es liegt nahe, den Grund der Unterbringung darin zu suchen, dass der Mann gewalttätig war.Er sei nicht „absolut gewalttätig“ gewesen, hieß es von der zuständigen Polizeipräsidentin, mit anderen Worten: „nur“ relativ gewalttätig. Wie er an seine Waffe kam, wie gewalttätig er tatsächlich war, das werden zwei der Fragen sein, die genauer beantwortet werden müssen, um zu beurteilen, ob der Tod von sechs Frauen und Männern hätte verhindert werden können.Wirklich ein „singulärer Fall“?Die blinde Wut des Mannes richtete sich offensichtlich gegen die Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung. Dabei handelt es sich um die Unterkunft eines privaten Trägers, der sich im Auftrag der Jugendhilfe um Frauen mit Kindern kümmert. Das ist keine Ausnahme, sondern eher schon die Regel in einer chronisch überlasteten staatlichen Sozialarbeit, die den um sich greifenden Missständen nicht mehr Herr wird.Sorgerechtsfälle sind zudem emotional besonders intensive Fälle, in denen Väter sich oft benachteiligt fühlen, Mütter bedroht werden und die Schwelle zur Gewalt häufig überschritten wird. Nimmt man beides zusammen, Überlastung und Aggression, ist es nicht mehr weit bis nach Stade.Der konkrete Fall mag anders liegen. Immerhin hatten sich alle sechs Personen auf das Gespräch mit dem Mann vorbereitet, die dann alle dessen Mordlust zum Opfer fielen.Die Versicherung der Behörden, es handele sich um einen „singulären Fall“, diente der Distanzierung von Gerüchten, es handele sich bei dem mutmaßlichen Täter, einem Deutschen türkischer Herkunft, um den Angehörigen eines ortsbekannten Clans oder bei der Tat um die Abart eines „Ehrenmords“.Ein singulärer Fall – das stimmt vielleicht in diesem besonderen Zusammenhang. Aber Gewalt und Bedrohung in zerrütteten Verhältnissen – das ist kein singulärer Fall in der Sozialarbeit für Frauen, Kinder und Jugend. Stade steht insofern für ein gesellschaftliches Phänomen, das außer Kontrolle geraten und bis ins Mark erschüttern kann, dessen tragische Explosion aber nicht wundern sollte.
Tote in Stade: Amok gegen die Sozialarbeit
Gewalt, Verzweiflung und überlastete Sozialbehörden begleiten die Jugendhilfe und viele Sorgerechtsfälle. In Stade führte die Mischung offenbar zur Katastrophe.













