Die Stimmung in der Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war ohnehin schlecht, als sie sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch auf die Rückreise aus Nordamerika begab. Doch da dürfte sie noch nicht geahnt haben, dass sie quasi mit der Landung mit der nächsten heiklen Großbaustelle konfrontiert werden würde. Zum peinlichen frühen WM-Aus und allerlei anderen verbandspolitischen Konflikten gesellen sich nun einmal mehr Aktivitäten der Strafjustiz. Das Thema diesmal: ein Korruptionsverdacht im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2024.Wie die Staatsanwaltschaft Bochum und das Landeskriminalamt Köln in einer gemeinsamen Erklärung mitteilten, ermitteln sie wegen des „Verdachts der Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung“ rund um die Vergabe von Tickets bei diesem Turnier. Dabei kam es am Mittwoch an mehreren Orten in ganz Deutschland zu Durchsuchungen, darunter auch in den Stadtverwaltungen von damaligen Ausrichterorten und mehreren Unternehmen in Nordrhein-Westfalen und Bayern sowie in der DFB-Zentrale. Zunächst hatte Bild darüber berichtet.ExklusivDFB-Affären:Bitte keine Razzia!Unterlagen? Haben wir nicht. Oder etwa doch? Ein Schreiben des DFB an die Justiz in der aktuellen Fotoaffäre wirft die Frage auf, ob der Verband die Behörden in die Irre geführt hat.Im Kern geht es nach der Darstellung der Ermittler um „mutmaßlich gewährte, nicht genehmigte Vorteile, (…) die ein damals für eine Gastgeberstadt tätiger Beschuldigter von hierfür Verantwortlichen der ausrichtenden Gesellschaft erhalten haben soll“ – unter anderem in Form eines Länderspielbesuches. Zudem sollen „den Gastgeberstädten von insoweit Verantwortlichen der ausrichtenden Gesellschaft auch exklusive Vorkaufsrechte für Eintrittskarten angeboten worden sein, die seitens der Gastgeberstädte zum Teil in Anspruch genommen und auf unterschiedliche Art verwendet worden sind“.Die EM 2024 wurde in zehn Städten ausgetragen: Das Eröffnungsspiel stieg in München, das Finale in Berlin, außerdem richteten Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig und Stuttgart Spiele aus. Organisiert wurde das Turnier von der Euro 2024 GmbH. Diese Gesellschaft war ein gemeinsames Joint Venture des DFB sowie der Europäischen Fußball-Union (Uefa).Vertreter der nordrhein-westfälischen Landespolitik kündigen ein hartes Vorgehen anIm Fokus der Ermittlungen stehen ein 66-jähriger Mitarbeiter einer Stadtverwaltung eines nordrhein-westfälischen Austragungsortes sowie ein 46-Jähriger, der für die Euro 2024 GmbH tätig war. So soll der Mitarbeiter der Stadtverwaltung zum Halbfinalspiel Spanien gegen Frankreich nach München eingeladen worden sein und dadurch einen finanziellen Vorteil erlangt haben. Nun prüfen die Ermittler offenkundig, ob dieses Muster öfter und auch in anderen Städten angewandt worden ist. In jedem Fall dürfte der Mitarbeiter der Euro-GmbH bei diesen Ermittlungen die Schlüsselfigur sein; das Thema wird wohl noch einige Erschütterungen in den Verbänden auslösen.Die Vertreter der nordrhein-westfälischen Landespolitik kündigten ein hartes Vorgehen an. „Ein Fußball-Ticket ist kein Gehaltsbestandteil. Wer im öffentlichen Dienst die Hand aufhält, bekommt von uns Besuch“, sagte Innenminister Herbert Reul (CDU). Großveranstaltungen wie die Fußball-EM lebten vom Vertrauen der Menschen in den Sport und in die Behörden. „Dieses Vertrauen lassen wir nicht durch ein paar Einladungen und Eintrittskarten beschädigen. Der Verdacht wiegt schwer, und genau deshalb wird er konsequent aufgeklärt“, sagte Reul. Die Ermittler arbeiteten „gründlich, sachlich und ohne Ansehen der Person“.In den vergangenen Jahren waren der DFB und allerlei seiner Funktionäre wiederholt Betroffene von staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen sowie teilweise sogar von Gerichtsprozessen gewesen. Dabei hat speziell der juristische Ärger rund um große Heimturniere inzwischen Tradition. Vor etwas mehr als zehn Jahren flogen die anrüchigen Millionen-Schiebereien rund um die WM 2006 auf, die bis heute nicht aufgeklärt sind. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Frankfurt den DFB wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldbuße, bald kümmert sich der Bundesgerichtshof in Karlsruhe um die Sache, weil der DFB Revision eingelegt hat.Aber auch im Ticketbereich war es rund um die WM 2006 zu ausführlichen Aktivitäten der Justiz gekommen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelte wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr beziehungsweise Untreue, weil mehr als 50 000 Tickets auf dem Schwarzmarkt gelandet waren. Die Beschuldigten wiesen die Vorwürfe stets zurück. Zu einer Anklage kam es nicht, das Verfahren wurde im Mai 2015 gegen Zahlung einer Geldauflage nach Paragraf 153a eingestellt.Nun ist die Frage, ob auch die neuen Ermittlungen ähnlich glimpflich enden für die beiden Beschuldigten – und auch für den DFB.