Als Nadiem Amiri den Ball holt und mit diesem langsam in den Strafraum läuft, schaut der Kapitän nicht hin. Wenn Amiri, der fünfte deutsche Schütze in diesem Elfmeterschießen, nicht ins Tor trifft, wird die Fußball-Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft ausscheiden. Seine Mitspieler stehen an der Mittellinie und schauen hin, als er sich für den wichtigsten Schuss dieser WM bereit macht. Nur Joshua Kimmich nicht. Er hat Wichtigeres zu tun.„Nene, acht?“, fragt Kimmich und schaut Nathaniel Brown an. Keine richtige Reaktion. „Oder Leon, du?“, fragt Kimmich und schaut Leon Goretzka an. Keine richtige Reaktion. Kimmich sagt: „Neun.“ Dann dreht er sich zu Waldemar Anton und sagt zu diesem: „Waldi auf zehn.“Es ist eine faszinierende Szene, die die Fernsehkamera im Footballstadion in Foxborough am Montagabend eingefangen hat. Man hört und sieht Kimmich, den Kapitän der Nationalmannschaft, der kurz davor den zweiten deutschen Elfmeter versucht und verwandelt hat und der nun klärt, was eigentlich geklärt sein sollte. Wer macht weiter, wenn das Elfmeterschießen weitergeht, wenn Amiri den nächsten Elfmeter trifft und Manuel Neuer den nächsten Elfmeter hält?Die Szene ist auch deswegen so faszinierend, weil sie in einem Bild die zwei Perspektiven zeigt, mit denen in diesem entscheidenden Moment auf das Spiel geblickt wird. Auf der einen Seite Brown, Goretzka, Anton, auf der anderen Seite Kimmich. Als sie an ihm vorbeischauen, schaut er sie an. Er übernimmt Verantwortung.Als der Kapitän später an diesem Abend auf das kleine Podium in der Interviewzone des Stadions steigt, steht er erst einmal schweigend vor den Reporterinnen und Reportern. Amiri hat getroffen, Neuer hat gehalten, aber es ist dann doch nicht mehr zu einem achten, neunten und zehnten deutschen Elfmeter gekommen, weil Jonathan Tah, der sechste Schütze, den Ball über das Tor geschossen hat. Deutschland hat wieder verloren. Und damit hat auch Kimmich wieder verloren.Das Frage-Antwort-Spiel fängt an. Doch anders als sonst in diesen Situationen ist es kein Reporter, der den Schiedsrichter anspricht, weil dieser in der Verlängerung ein Tor von Tah aberkannt hat. Oder das Elfmeterschießen, weil dort als sechster Schütze kein Offensivspieler antreten wollte, sodass der Innenverteidiger Tah antreten musste.Kimmich hat ein gutes Gefühl bekommen, was er wann sagen mussEs ist Kimmich, der sagt: „Es darf auch heute keiner auf die Idee kommen, den Schiri dafür verantwortlich zu machen oder das Elfmeterschießen. Wenn du es über 120 Minuten nicht schaffst, zu gewinnen, dann scheidest du verdient aus. Du darfst gegen so einen Gegner nicht von Glück und Pech abhängig sein.“ Weil er das Bild eben nicht beschönigt, ist es das Bild von Kimmich, das sich an diesem Abend bestätigt.Als Joshua Kimmich, 31 Jahre alt, am Montagabend die Interviewzone und kurz danach auch das Stadion verlässt, kann man sich nach den neuesten Eindrücken daher fragen, ob er bei dieser WM nicht nur Verantwortung übernommen, sondern auch Verantwortung abgenommen hat.Der Elefant im RaumUngefähr zur gleichen Zeit sitzt Julian Nagelsmann im Pressekonferenzraum des Stadions, dort, wo er am Tag vor dem Spiel den Satz gesagt hat: „If you lose, everything is shit.“ Außer dem Bundestrainer, der DFB-Sprecherin, dem FIFA-Mann auf dem Pult und den Journalisten in den Sitzreihen ist da noch etwas im Raum: ein Elefant, größer als Nagelsmanns Selbstbewusstsein, und es ist in diesem Moment auch für die Journalisten eine Herausforderung: das Unvermeidliche anzusprechen, ohne dabei eine Grenze zu überschreiten.Als der Reporter der Deutschen Presse-Agentur das Mikrofon bekommt, ist klar, was er von Nagelsmann wissen will, wie es weitergeht, aber seine Frage beginnt mit einem Anlauf über einen anderen: „Joshua Kimmich hat gerade ein sehr beeindruckendes TV-Interview geführt, wie ich finde, er hat gesagt, dass es für die Menschen in Deutschland sehr schade ist, dass sie nicht dieses Erfolgserlebnis spüren können. Er hat aber auch gesagt, für ihn sei Aufgeben nie eine Option. Warum ist für Sie Aufgeben keine Option?“Bislang ist es in dieser Pressekonferenz um die Gründe für die Niederlage gegen Paraguay und um die Stimmung in der Kabine gegangen. Jetzt geht es auch hier: um Verantwortung. Und wenn man Nagelsmann zuhört und beobachtet, bei dieser Frage, aber auch bei anderen, dann bekommt man ein eigenartig oszillierendes und letztlich distanziertes Bild davon, was der Bundestrainer darunter versteht.Undav bekommt es besonders abDen Ton gesetzt hat er schon vorher am ZDF-Mikrofon: „Als Trainer sitzt du mit den Spielern im gleichen Boot. Das Aus kreide ich mir genauso an wie den Spielern“, hat er da gesagt. Man könnte auch sagen: Ein Stückchen von der Verantwortung nimmt Nagelsmann schon auch. Aber hier, im Pressekonferenzraum, wird deutlich, dass das nicht größer werden soll als nötig.Nachdem Nagelsmann am Vortag am selben Ort noch demonstrativ der Mannschaft entgegengekommen ist, geht er jetzt auffallend kritisch mit ihr um. Inhaltlich richtig, es war erschreckend hilflos, was das deutsche Team lange spielte, aber ist es der richtige Moment dafür?Einer bekommt es besonders ab. Zu Beginn des Spiels hatte Deniz Undav im Strafraum eine Szene, in der er den Ball über den Torhüter chippen wollte, es war, wie gesagt, sehr früh im Spiel, die sechste Minute, noch war nichts passiert. Aber Nagelsmann bringt sein Missfallen derart demonstrativ zum Ausdruck, dass man das Gefühl haben muss, dass es noch um etwas anderes geht: um das letzte Wort, darum, die Deutungshoheit in der Undav-Debatte zu haben, die das Team durch die ganze WM und schon davor begleitete.Wem gehört Nagelsmanns Loyalität wirklich?Es ist diese Eigenschaft, die Nagelsmann zuletzt in ein problematisches Licht gerückt hat, womöglich auch intern: manchmal nicht nur zu kritisieren, was sein gutes Recht ist, sondern treffen zu wollen. Auf der einen Seite betont Nagelsmann unablässig den Teamgedanken, aber dann ist er selbst derjenige, der dieses Bild sprengt.Es ist gut vorstellbar, dass der Bundestrainer enttäuscht ist, er hat seiner Mannschaft viel Freiheit gegeben, und nach allem, was zu sehen war, muss er das Gefühl haben, dass sie ihm das eigentlich nicht zurückgezahlt hat. Was auf der anderen Seite im Kreis der Mannschaft entstehen muss: das Bild eines Trainers, bei dem sie nicht sicher sein kann, wem seine Loyalität wirklich gehört, wenn es eng wird: seinen Spielern oder doch sich selbst.Auf die Frage des Reporters antwortet er: „Ich bin keiner, der hier sitzt und sagt, ich trete jetzt zurück, wenn wir mal ausgeschieden sind. Sondern wenn der DFB möchte, dass ich weitermache, dann mache ich weiter, und wenn er das nicht möchte, dann darf er mir das sagen. Ich kenne den Mechanismus des Fußballs, ich weiß, wie es in dem Geschäft läuft. Ich weiß auch, dass jetzt wahrscheinlich nicht so viele da sitzen, die es freuen würde, wenn ich weitermache. Aber ich würde trotzdem weitermachen, wenn der DFB es will.“Auch danach könnte man sagen: Nagelsmann übernimmt nicht die Verantwortung. Er bezieht die Verantwortung auf sich. Das ist ein Unterschied.Auf einer Position bleiben zu wollen, als verantwortliches Handeln zu deklarieren, ist ein gängiges Muster. Man sollte daran auch nicht grundsätzlich zweifeln. Es kommt allerdings auf das Motiv an. Wenn man in der Geschichte der Bundestrainer zwei Epochen zurückgeht, zu Joachim Löw, dann war der zweifellos vom Wunsch getrieben, es nach der WM 2018 noch einmal besser zu machen. Aber es schien ihm eher darum zu gehen, das für sich selbst, für sein Selbst- und Fremdbild zu tun.Neuendorf eilt davonOb das bei Nagelsmann auch so ist? Spekulation. Aber dass sein Diskurs sich um ihn selbst dreht, um sein eigenes Bild, wäre nicht neu. Es gibt noch ein anderes Detail, das an einen anderen Vorgänger erinnert, an Hansi Flick. Auch der hatte bei der WM 2022 nach dem Vorrunden-Aus in al-Khor schon auf die Mängel in der deutschen Fußballausbildung als einen Grund für das Scheitern hingewiesen. Das tut nun auch Nagelsmann, beispielhaft mit dem Thema „Linksfuß“ in der Innenverteidigung. Inhaltlich richtig, aber auch hier: der richtige Zeitpunkt?Damals, im Stadion in al-Khor, stand Joshua Kimmich nach seiner zweiten missratenen WM mit der Nationalmannschaft in der Interviewzone und sagte die Sätze, die seitdem so oft wiederholt worden sind. Dass es für ihn der „schwierigste Tag“ als Fußballer gewesen sei. Dass das „nicht so einfach zu verkraften“ sei, weil er „persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht“ werde. Dass er „ein bisschen Angst“ davor habe, „echt in ein Loch zu fallen“.Wenn man Kimmich seitdem bei der Nationalmannschaft und beim FC Bayern verfolgt hat, ist man dort einem Spieler begegnet, der immer mehr Verantwortung übernommen hat. Und der an der immer größer werdenden Verantwortung gewachsen ist.Als etwas später am Montag die letzten Spieler von der Kabine durch die Interviewzone in Foxborough gehen, wo vorher schon Kimmich gesprochen hat, kommt auch die Führung des DFB vorbei, allen voran Bernd Neuendorf, der Präsident. Die Security, die vorher schon eingeschritten ist, wenn jemand ein Handyfoto machte, wird nun besonders streng. Ein Reporter versucht, von Neuendorf im Vorbeigehen zu erfahren, wie es weitergeht. „Jetzt fliegen wir erst mal“, sagt er. Klar, das hier, in den zugigen Katakomben, ist vielleicht nicht der richtige Ort und die richtige Zeit.„Das Abschneiden genügt nicht unseren Ansprüchen“Aber interessant für Neuendorfs Verständnis von Verantwortung ist womöglich etwas anderes. Zu diesem Zeitpunkt kursiert ein möglicher Termin für eine Pressekonferenz am folgenden Tag im Quartier in Winston-Salem, offiziell bestätigt ist er noch nicht, aber zur Verantwortung des Verbands hat das, zumindest bei früheren Turnieren, schon dazugehört. Es gibt aber Hinweise darauf, dass Neuendorf bei diesem Termin nicht erscheinen soll. Den Termin wird es dann aber gar nicht geben.Vor vier Jahren in Qatar gab es ebenfalls keine Pressekonferenz mehr im Quartier, aber immerhin einen improvisierten Termin mit Neuendorf am Flughafen von Doha. Diesmal gibt es: eine Mitteilung, die der DFB am Dienstagmittag (Ortszeit) verschickt. Mit einem Statement von Neuendorf, das in etwa so aussagekräftig ist wie das eines Politikers nach einer verlorenen Wahl. „Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt“, heißt es da. Und: „Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“Nicht zur Tagesordnung übergehen: Man kann das gewiss so lesen, dass beim DFB nun, anders als in den ersten Reaktionen von Sportdirektor Rudi Völler oder Sport-Geschäftsführer Andreas Rettig, doch überlegt wird, ob Nagelsmanns Vorstellung von Verantwortung vielleicht doch nicht die des Verbands ist. Allerdings ist auch vor vier Jahren in Qatar eine Aufarbeitung angekündigt worden, von der man später den Eindruck hatte, dass das Ergebnis schon vorher feststand: weiter so, jedenfalls mit Flick.Der DFB-Präsident wird unsichtbar, wenn es unangenehm werden kannWas man aber sicher sagen kann: dass das Gesamtbild des Präsidenten des größten Sportverbands der Welt bei dieser WM das eines Mannes ist, der immer dann unsichtbar wird, wenn es unangenehm werden könnte.Wenn es um die schönen Dinge geht, zu repräsentieren, über die vielen guten Dinge zu sprechen, die der Verband tut, dann hat Neuendorf das gern getan: auf einer Hochhausterrasse in Chicago, bei der Eröffnung des Trainingscamps in Winston-Salem, bei einer Tagung der Vereinten Nationen in New York, beim ersten Pitch der Red Sox in Boston am Vorabend des deutschen Spiels, das das letzte bei dieser WM werden sollte.Aber es gab nicht einen einzigen Termin, bei dem er sich in einem offenen Dialog mit kritischen Fragen hätte auseinandersetzen müssen. Nicht zu politischen Fragen in den USA, nicht zu fußballpolitischen in der FIFA, und nun auch nicht zum Scheitern der wichtigsten Mannschaft des Landes und seines wichtigsten sportlichen Angestellten.Kimmich, Nagelsmann, Neuendorf: Wenn man das alles zusammennimmt, dann kann man das Bild eines Verbandes bekommen, in dem das Verständnis für Verantwortung abnimmt, je höher man danach sucht.Und vielleicht sollte der Verband, sofern er demnächst einen neuen Verantwortlichen für die Nationalmannschaft sucht, auch an das denken, was er gerade über Nagelsmann und dessen Verständnis von Verantwortung lernt.Nach dem Aus gegen Paraguay fällt in Foxborough noch ein Satz, bei dem man aufhorcht. „Heute ist nicht der Tag, an dem ich über die Personalie Jürgen Klopp nachdenke.“ Es ist kein Verantwortungsträger beim DFB, der das sagt. Der Mann, der da über Jürgen Klopp spricht, ist Jürgen Klopp selbst. Es ist nur ein Detail, aber vielleicht sollte man das zumindest wissen, bevor man ihm die Verantwortung für die Nationalmannschaft überträgt.