Hysterie als Markenzeichen: Deutschland und seine Sündenböcke vor dem Sechzehntelfinal gegen ParaguaySollte Deutschland an der WM früh scheitern, steht der Schuldige schon fest: Torhüter Manuel Neuer. Für einen Experten ist die Diskussion «typisch deutsch».29.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFehlgriff oder nicht? Der Goalie Manuel Neuer steht nach der WM-Vorrunde in der Kritik.Marc Atkins / GettyEs wäre gelogen, zu behaupten, dass Deutschlands Fussballnationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft einen leichten Stand hat. Paraguay heisst der Gegner im Sechzehntelfinal in Boston – wie schon 2002 im Achtelfinal, als eine ebenfalls keineswegs überzeugende deutsche Mannschaft bis in den Final vorstiess und erst dort den Brasilianern unterlag.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damals, vor 24 Jahren, sprachen Experten von einer angenehmen Aufgabe, und im Grunde müsste dies auch dieses Jahr gelten, gäbe es nicht diesen indifferenten Eindruck, den die Mannschaft hinterlassen hat: Zwischen hoffnungsvoll und besorgniserregend pendeln die Eindrücke, die das DFB-Team in den USA und Kanada bisher hinterlassen hat.Auch Nagelsmann steht in der KritikDie Diskussion nahm rasch Tempo auf: Die Binsenwahrheit, wonach Deutschland 80 Millionen Bundestrainer habe, bestätigte sich einmal mehr, nachdem dem Torhüter-Monument Manuel Neuer ein Fehlgriff beim 1:2 gegen Ecuador nachgesagt worden war. Nun bietet das Internet fraglos den Vorzug, das Unwissen gemeinsam zu teilen. Neuer habe sich grob verschätzt, sein Zenit sei längst überschritten, seine Nominierung sei ein katastrophaler Fehlgriff des Trainers Julian Nagelsmann gewesen, hiess es. Entscheidend sind nicht die einzelnen Befunde. Jeder für sich liesse sich diskutieren, und man könnte Argumente für die eine wie die andere Perspektive finden.Es geht vielmehr um die Hysterie, mit der diese vorgetragen werden, um den maliziösen Unterton, nicht selten grundiert mit einer degoutanten Selbstgerechtigkeit. Neuer hatte jeden Fehler von sich gewiesen – und argumentiert, wie ein Goalie sich in einer solchen Situation rechtfertigen würde.Als Entlastungszeuge sprang ihm der ehemalige Stuttgarter Torhüter Timo Hildebrand bei, der in einem selbst gedrehten Video auf Instagram regelrecht wütend wurde: «Jeder sucht wieder einen Schuldigen für das Spiel gestern. Ich lese ‹Torwart-Patzer von Neuer› oder ‹Torwartfehler›. Ich sage es euch, ihr habt alle keine Ahnung. Und es kotzt mich extrem an.» Was Hildebrand aber auch schrieb: Solche Reaktionen seien «typisch deutsch».Um Sachlichkeit geht es schon lange nicht mehrHildebrand adressierte damit gleich drei Dinge: den deutschen Hang, unerbittlich gegenüber Fehlern grosser Figuren zu sein, den scharfen Tonfall, aber auch die offenkundige Ahnungslosigkeit derjenigen, die sich aufspielen. Zwar meinte Sepp Maier, der legendäre Bayern-Torhüter, dass Neuer dem Ball hätte entschiedener entgegengehen müssen. Aber das ist eine durchweg sachliche Kritik, die den Goalie keineswegs rundheraus infrage stellte. Aber genau um diese Sachlichkeit ging es eben nicht. Vielmehr, so hat es den Anschein, ging es vielen Fussballfreunden darum, einmal wieder ihr Mütchen kühlen zu können.Neuer schien dafür offenbar die geeignete Figur, nachdem Leroy Sané, ein ebenfalls äusserst beliebter Sündenbock, es seinen Kritikern mit einem Tor und einer durchaus passablen Leistung schwerer als üblich gemacht hatte.Interessanterweise gibt es aber auch Leute wie den ehemaligen italienischen Nationaltorhüter Dino Zoff, der 1982 mit 40 Jahren Weltmeister wurde: Die Entscheidung, Neuer zur Rückkehr zu überreden, hielt er für absolut richtig. Ebenso gibt es mit Edwin van der Sar einen Niederländer, der auch gewiss keine kleine Figur in der Geschichte des Goaliespiels ist und der Neuer gegenüber Gianluigi Buffon vorziehen würde. Oder Jürgen Klinsmann, der ehemalige deutsche Nationaltrainer, der im Gespräch mit der NZZ sagte, man müsste sich einmal die Frage stellen, warum Neuer in seinem Verein Bayern München unumstritten ist. Die Antwort sei einfach: Auch mit 40 Jahren zähle er zu den besten Torhütern der Gegenwart.Schweinsteiger – der ahnungslose ExperteWenn die Einschätzungen solcher Experten nichts mehr gelten, dann ist davon auszugehen, dass eine solche Diskussion festgefahren ist und nur noch um sich selbst kreist. Dabei könnte der Blick der auswärtigen Experten durchaus erhellend sein, schliesslich ist auch Klinsmann, der seit Jahrzehnten in den USA lebt, kein typisch deutscher Debattenteilnehmer mehr. Ebenfalls hat der Fussballtrainer Jürgen Klopp durch lange Jahre in England einen distanzierten Blick auf Deutschland entwickeln können. Er äusserte sich zwar nicht zu Neuer, sondern zu einer anderen Angelegenheit, in der es um einen populären deutschen Weltmeister von 2014 ging: Bastian Schweinsteiger.Jüngst brach Klopp ein Interview mit der Deutschen Welle ab. «Surprisingly, you’re from Germany», beschied er der Journalistin und umschrieb damit, was Hildebrand als «typisch deutsch» bezeichnet hatte. Die Reporterin hatte ihn danach gefragt, was er über Bastian Schweinsteigers Aussage denke, wonach afrikanische Mannschaften «ein bisschen unorthodox», «ein bisschen wild» und «vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt» Fussball spielen würden. Schnell wurde daraus ein Rassismusfall gemacht: Schweinsteiger bediene ein zutiefst rassistisches Bild. Da ist tatsächlich etwas dran. Wildheit und Unorganisiertheit sind ein Begriffspaar, das von Betroffenen als verstörend empfunden werden kann.Allerdings muss man Schweinsteiger, der diese Einschätzung als Experte der ARD tat, in seiner gesamten Arglosigkeit betrachten, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese Angelegenheit die Aufregung nicht wert ist. Was indes etwas ausführlicher der Rede wert gewesen wäre: die Zumutung, dass Schweinsteiger ein Honorar aus den Rundfunkbeiträgen der Bürger erhält, um als Experte aufzutreten, sich als Sachverständiger aber offenbar für keine fünf Cent dafür interessiert, was bei diesem Turnier vor sich geht. Erst diese Ahnungslosigkeit ermöglicht die kritikwürdige Aussage. Klopps resolute Reaktion auf die Nachfrage ist daher nachvollziehbar: Er kennt seine Pappenheimer.Passend zum Artikel
Deutschland an der WM: die Suche nach dem Schuldigen
Sollte Deutschland an der WM früh scheitern, steht der Schuldige schon fest: Torhüter Manuel Neuer. Für einen Experten ist die Diskussion «typisch deutsch».











