Manuel Neuer: Die Deutschen spielten mit weißem Trikot und weißer Hose – ihr Torwart behielt wieder keine weiße Weste. Nach der ersten Ecke blockte er den Torschuss, nach der zweiten faustete er den Ball. Kurz danach lag der dennoch im Netz. Neuer schaute dem Kopfball zum 0:1 regungslos hinterher. Sein letztes WM-Spiel ohne Gegentor bleibt das Finale 2014. Hatte die besten Szenen mit dem Fuß, etwa nach der Pause nach Kimmichs Fehler. Aura und Hand halfen zweimal im Elfmeterschießen – aber nicht ein drittes Mal.Nathaniel Brown: Kehrte nach seinem Ausfall gegen Ecuador in die Startelf zurück und gab dem deutschen Spiel auf der linken Seite eine andere Statik. Rückte, anders als Vertreter David Raum, öfter nach innen, um außen Platz für Florian Wirtz zu machen. Legte seine persönliche Trinkpause bei 30 Grad Celsius schon nach zwölf Minuten ein. Vor der Flanke zum 0:1 ließ er sich von einer Finte viel zu leicht aus dem Spiel nehmen. Trat den Eckball, der in der Verlängerung zum vermeintlichen 2:1 aufs Tahs Kopf landete.Jonathan Tah: Der Abwehrchef hatte kaum originäre Aufgaben, sondern war vor allem als Ballweiterleiter an seine Mitverteidiger gefragt. Er verlor beim Gegentor Julio Enciso genauso aus den Augen wie alle anderen. Sein Kopfball am Ende der regulären Spielzeit landete in den Armen des Torwarts, traf den Ball nach Flanke von Wirtz in der Verlängerung nicht. Als er ihn doch traf, hatte der Schiedsrichter nach Ansicht der Videobilder etwas gegen sein Tor. Er verschoss nach Neuers Parade den letztlich entscheidenden Elfmeter.Antonio Rüdiger: Der Ersatz für Nico Schlotterbeck ist kein spielmachender Verteidiger. Dabei hätte es den gegen den tiefstehenden Gegner unbedingt gebraucht. Wirkte bisweilen wie ein Fußgänger mit Ball am Fuß, ohne Tempo in den Aktionen. Seine kurzen Pässe waren schlicht, seine langen ungenau. Hatte Glück, dass der ihm entwischte Gustavo Caballero im Abseits stand.Joshua Kimmich: Der Kapitän blieb ein spielmachender Außenverteidiger, weil Julian Nagelsmann seine Mannschaft nicht grundlegend umbaute per Versetzung ins Mittelfeld – zumindest nicht in der Startelf. Aufmerksam als antizipierender Balleroberer, kurz nach der Halbzeit indes fast mit einem fatalen Ballverlust; Neuer rettete. Kimmichs Flanken und Freistöße gerieten teils zu unpräzise. Rückte nach Pavlovićs Auswechslung doch ins Zentrum. Traf sicher im Elfmeterschießen.Aleksandar Pavlović: Nach schwachen Spielen gegen die Elfenbeinküste und Ecuador hielt der Bundestrainer an ihm fest. Das lohnte sich nicht, weil der Münchner unglücklich agierte. Lief viel, bot sich oft an, seine auffälligsten Szenen waren aber unglücklicher Natur wie ein Fehlpass einfach ins Aus. Nagelsmann wechselte ihn in der Schlussphase beim Stand von 1:1 aus.Felix Nmecha: Nach dem Schwächeanfall gegen Ecuador noch nicht wieder bei Kräften. Für seine raumgreifenden Schritte fehlte ihm aber schlicht auch der Raum. Sein Schuss in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit wurde noch gefährlicher, weil er abgefälscht war. Nagelsmann nahm ihn in der Pause aus dem Spiel.Florian Wirtz: Wirkte auf seiner linken Seite anfangs so lost wie ein deutscher Ballermanntourist beim Karneval in Paraguay. Erinnerte sich in der zweiten Halbzeit daran, dass er gar kein deutscher Ballermanntourist, sondern einer der tollsten Tänzer des internationalen Fußballs ist. Bewegte sich mit Rhythmus zwischen den Verteidigern hindurch und zeigte dann auch zwei Kunststücke. Die erste Flanke auf Havertz führte zum 1:1, die zweite Flanke auf Havertz hätte zum 2:1 führen können, vielleicht sogar müssen. Tanzte immer weiter, aber man merkte immer mehr, wie ihm die Energie ausging. Kurz vor dem Ende der Verlängerung war die Party für ihn deswegen vorbei.Deniz Undav: Stand vor dem Sechzehntelfinale auf Platz eins im FIFA-Powerranking aller Stürmer. Vor Messi, vor Mbappé. Und stand im Sechzehntelfinale das erste Mal in der Startelf. Sollte dem deutschen Angriff die Power geben, die es gegen die paraguayische Abwehr braucht. Doch in der ersten Halbzeit haben seine Gegenspieler ihm dann die Luft aus den Oberarmen gelassen, die er nach seinen Toren so gerne anspannt. Als er den Ball im Strafraum bekam, wollte er ihn mit der hinteren Außenseite seines Schuh weiterleiten, als wäre er Messi oder Mbappé. Der Ball war danach weg, weil er eben nicht Messi oder Mbappé ist. In der 63. Minute hat der Bundestrainer seinem Powerstürmer den Stecker gezogen und diesen durch einen Spieler ersetzt, der schon eher wie Messi oder Mbappé spielen kann: Jamal Musiala.Leroy Sané: Wollte in der ersten Halbzeit ein paar Mal mit dem Ball einfach an seinen Verteidigern vorbeirennen, als wäre er der Beste beim Pausenkick auf dem Schulhof. War halt nur nicht der Beste, weswegen seine paraguayischen Gegenspieler ihm den Ball dann einfach abgenommen haben und das Pausenbrot gleich mit. Hat sich davon nicht einschüchtern lassen, hat es in der zweiten Halbzeit nicht nur mit Vorbeilaufen, sondern mit Vorbeitricksen versucht. Doch der Bundestrainer hätte ihm in diesem Spiel noch so viele neue Pausenbrote einpacken können, sie wären ihm immer wieder abgenommen worden. Durfte deswegen die Verlängerung schwänzen.Kai Havertz: Hat in der vergangenen Woche gesagt, dass er versucht, für Verteidiger ein Gespenst zu sein. Damit diese nie wissen, „wo ich bin, wohin ich will, was ich vorhabe, wo ich wann sein werde“. Spielte in der ersten Halbzeit dann auch wie ein Gespenst, aber nicht wie eines aus einem Horrorfilm, sondern wie eines, das an Halloween am frühen Abend an der Hand seiner Mama um die Häuser zieht. In der zweiten Halbzeit dann aber erschreckend gut, wie er den Ball nach einer Wirtz-Flanke zum 1:1 ins Tor köpfte. Der Treffer, der sowohl Größe als auch Geschick erforderte, wäre wahrscheinlich keinem anderen Spieler im deutschen Team gelungen. Hätte kurz danach das 2:1 köpfen können, vielleicht sogar müssen. Sollte der deutsche Entscheider sein. Wurde dann aber doch wieder zum Geist. Als er im Elfmeterschießen vom Strafraum zurück zur Mittellinie schlich, nachdem er den ersten deutschen Elfmeter verschossen hatte.Leon Goretzka: Kam zur zweiten Halbzeit und sollte nun, nachdem er in diesem Turnier zuvor mickrige 22 Minuten gespielt hatte, mal eben kurz die Weltmeisterschaft retten. Das machten dann aber für den Moment andere (Wirtz, Havertz). Goretzka-Fürsprecher könnten sagen: mit Goretzka ging es gegen Paraguay ins Elfmeterschießen. Goretzka-Kritiker könnten sagen: mit Goretzka ging es gegen Paraguay ins Elfmeterschießen.Jamal Musiala: Schlüpfte in der 63. Minute in die Undav-Rolle als erster Einwechselstürmer, hatte aber nicht den Undav-Effekt. Versuchte sich dann wieder in der Musiala-Rolle, in der 80. Minute sogar mit einem Musiala-Haken im Strafraum, den man vor seiner schweren Verletzung mehrmals pro Spiel gesehen hat. Hatte seine vielleicht besten Momente bei dieser WM, aber die deutsche Mannschaft ist auch deswegen ausgeschieden, weil seine Momente nicht gut genug waren. War der dritte deutsche Schütze im Elfmeterschießen und traf.Waldemar Anton: Ersetzte in der 79. Minute Pavlović. Spielte aber statt Kimmich, der dann doch noch ins Zentrum versetzt wurde, als Rechtsverteidiger. Sollte den deutschen Strafraum verteidigen, stand kurz danach aber erst einmal im paraguayischen Strafraum im Weg bei einem Goretzka-Kopfball. Und war in der Verlängerung dann an fast derselben Stelle wieder im Mittelpunkt. Bevor Tah den Ball nach einer Ecke ins Tor köpfte, blockte Anton den Torhüter, der nach einem Kontakt mit ihm kurz hinfiel. Der Schiedsrichter sah sich die Szene an und sagte: zu viel Kontakt.Nick Woltemade: Kam in der 88. Minute zu seinem ersten WM-Einsatz, begleitet von so viel Applaus der deutschen Fußballfans, als hätten sie schon die ganze WM auf ihn gewartet. Als er im Elfmeterschießen zurück zur Mittellinie ging, applaudierten nur die paraguayischen Fußballfans. Allerdings ihrem Torhüter, der den Elfmeter von Woltemade, dem vierten deutschen Schützen, gehalten hatte.Nadiem Amiri: Wurde in der 110. Minute eingewechselt, zehn Minuten vor dem Elfmeterschießen. Dort musste er als fünfter deutscher Schütze treffen. Und traf.Malick Thiaw: Kam in der Verlängerung für Rüdiger und rückte neben Tah in die Innenverteidigung.