Schon beim EU-Gipfel vor anderthalb Wochen hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) klargemacht, dass Deutschland den Kommissionsvorschlag für den EU-Haushalt 2028 bis 2034 stark kürzen will. Konkrete Zahlen allerdings nannte der Kanzler auch auf Nachfrage nicht. Die schwedische Regierung ist nicht so zurückhaltend. Sie fordert eine Kürzung des Zwei-Billionen-Pakets der Europäischen Kommission um zwanzig Prozent.Das galt bisher als radikalste Forderung der sogenannten sparsamen Staaten, die den Anstieg des EU-Haushalts begrenzen wollen. Intern kursieren aber zumindest im Kanzleramt durchaus konkrete Zahlen, wie die Agentur Reuters unter Berufung auf ein internes Papier berichtet hat. Der Vorschlag der Kommission müsse um rund 400 Milliarden Euro gekürzt werden, zitiert die Agentur daraus.Berlin will stabilen Anteil an EU-WirtschaftsleistungDas entspricht genau den zwanzig Prozent, die die Schweden fordern. Es bleiben damit 1,6 Billionen Euro. Im aktuellen Finanzrahmen 2021 bis 2027 sind es 1,3 Billionen Euro. All diese Zahlen sind in laufenden Preisen angegeben, sprich: ohne die Inflation herauszurechnen.Die Bundesregierung bestätigte das nicht, sie dementierte es allerdings auch nicht. Es handele sich um ein internes Papier, sagte ein Sprecher. Nach Informationen der F.A.Z. ist die Zahl in dieser Größenordnung allerdings korrekt. Letztlich seien die 400 Milliarden nur eine Übersetzung der bekannten deutschen Forderung, den Anteil des EU-Haushalts an der europäischen Wirtschaftsleistung nicht zu erhöhen, heißt es in Berlin.Die von der Kommission geforderten zwei Billionen Euro entsprechen 1,26 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE). Die nach einer Kürzung um 400 Milliarden verbleibenden knapp 1,6 Billionen Euro entsprächen rund 1,02 Prozent. Das entspricht dem Anteil, den der aktuelle Haushalt 2021 bis 2027 tatsächlich am BNE hatte, rechnet man in Berlin vor.Jeder rechnet mit anderen ZahlenDie Europäische Kommission kommt zu ganz anderen Werten. Sie zieht nicht die tatsächliche, sondern die bei der Verabschiedung des Haushalts 2021 bis 2028 im Jahr 2020 erwartete Entwicklung der Wirtschaftsleistung heran. Da diese, vor allem wegen der höheren Inflation, niedriger als die tatsächliche war, kommt sie damit auf einen – höheren – Anteil von 1,13 Prozent am BNE.Das ist alles kompliziert und zeigt vor allem eines: Die Beteiligten in dem Ringen um den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen versuchen, mit ihnen genehmen Zahlen die Debatte zu beeinflussen. Zugleich meiden alle Seiten, sich zu konkret festzulegen. Das soll ihnen die nötige Flexibilität für einen Kompromiss verschaffen, ohne am Ende als Verlierer dazustehen.Dass jetzt aus Berlin härtere Töne und Zahlen kommen, dürfte kein Zufall sein. Der zum Gipfel vorgelegte Kompromissvorschlag der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft fiel für deutsche Vorstellungen viel zu hoch aus. Er sieht nur eine Kürzung des Kommissionsvorschlags um zwei Prozent vor. Auch bei den anderen Hauptbeitragszahlern zum Haushalt wie den Niederlanden, Österreich und den nordischen Staaten stieß das auf teils sehr harte Kritik.Sparsame Staaten haben faktisch VetorechtDie sparsamen Staaten sind unter den Staaten zwar klar in der Minderheit. Auch das Europäische Parlament fordert mehr Geld. Da der Finanzrahmen 2028 bis 2034 einstimmig verabschiedet werden muss, haben sie faktisch aber ein Vetorecht. Hinzu kommt, dass sie weniger auf eine Einigung angewiesen sind als die Staaten, die viel Geld aus dem Haushalt erhalten.Die Sparsamen wollen noch vor der Sommerpause Pflöcke eintreiben. Zum 1. Juli hat Irland die halbjährlich wechselnde EU-Ratspräsidentschaft von Zypern übernommen. Die irische Regierung will vor dem nächsten EU-Gipfel im Oktober einen neuen Kompromissvorschlag vorlegen. Der müsse dann auch sitzen, hatte Merz beim vergangenen Gipfel schon klargemacht. Sonst rücke die angestrebte Einigung bis Ende des Jahres in weite Ferne.Eine Einigung im kommenden Jahr gilt als schwierig, weil dann Wahlen in Italien, Spanien und vor allem Frankreich anstehen. Insider beziffern die Wahrscheinlichkeit eines Kompromisses zum Jahresende aber dennoch allenfalls auf 50 Prozent.