«Eine drittklassige Mannschaft», «wilder afrikanischer Fussball»: Die verräterische Arroganz der deutschen TV-ExpertenKommentatoren und Experten sprachen abfällig über Deutschlands Gegner und die eigene Mannschaft – ein Symptom der Krise, die den deutschen Fussball erfasst hat.01.07.2026, 10.29 Uhr3 LeseminutenDer Sky-Kommentator Jonas Friedrich.ImagoDekadenz ist häufig das Symptom eines Niedergangs. Aber was sind die Anzeichen von Dekadenz? Oft sind es Herablassung, das pauschale Urteil, die Indifferenz, Arroganz. Insofern verwundert es nicht, dass es genau diese Geringschätzung des Gegners war, die das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft – das dritte in Serie bei einer WM – begleitete.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allerdings nicht von der Mannschaft, nicht vom Trainer Julian Nagelsmann, sondern von Personen, die sich Experten nennen und im Fernsehen auftreten. Die eigentlich dafür bezahlt werden, eine differenzierte Ansicht zu vertreten und ihrem Publikum Stärken und Schwächen der jeweiligen Teams auf dem Platz näherzubringen.Regionalliga auf WeltniveauJüngst tat sich auf Magenta TV der Sky-Journalist Jonas Friedrich auf äusserst unangenehme Art hervor. In der Runde sass auch der Moderator Micky Beisenherz, und man kam auf den deutschen Gegner in der Runde der letzten 32, Paraguay, zu sprechen.Friedrich sagte: «Das ist kein Gegner. Bei allem Respekt. Das ist eine drittklassige Mannschaft. Das kann keine ernsthafte Herausforderung sein für die deutsche Mannschaft. Das ist in meinen Augen ein Pokalspiel. Vielleicht nicht Amateur gegen Profi, aber . . .» – «Regionalliga», fiel ihm Beisenherz ins Wort, der sonst stets um die richtige Haltung bemüht ist.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenBeisenherz bekräftigte die Ansicht des erfahrenen TV-Reporters: «Wäre Uruguay nicht in der Vorrunde ausgeschieden, hätte ich gesagt: Paraguay ist das schwächste südamerikanische Team bei dieser WM. Das ist ein drittklassiges Team. Wir sind vielleicht ein zweitklassiges Team, also müssen wir die schlagen.»Nun ignoriert eine solche Einschätzung vollkommen die Dynamik, die ein Turnier entfalten kann. Und genau da wäre Vorsicht angesichts der bisher gezeigten deutschen Leistungen geboten gewesen.Es spricht gegen einen Experten, sich zu einer solch wagemutigen Aussage zu versteigen. Denn auch wenn er den Deutschen attestiert, zweitklassig zu sein, so impliziert seine Aussage doch: Für die Namenlosen reicht es allemal noch. Der Auftritt der Deutschen wirkte beinahe so, als hätten sie sich diese Einschätzung unbewusst zu eigen gemacht.Die Geringschätzung muss nicht zwangsläufig den Gegner treffen, sie kann auch auf die deutsche Mannschaft zielen. Etwa, wenn Marcel Reif bei Bild-TV dem Bayern-Profi Jamal Musiala attestierte, er spiele «Kinderfussball». Nun weiss Reif sehr gut, worüber er spricht. Inhaltlich wäre die Aussage nicht falsch, wenn man sagt, dass er sich nicht mit der nötigen Konsequenz in Zweikämpfe wirft, dass er es unterlässt, sich harten Situationen auszusetzen.Allerdings ist die Geschichte Musialas eine sehr spezielle: Vor einem Jahr, bei der Klub-WM, brach er sich im Duell mit dem italienischen Torhüter Gianluigi Donnarumma von Paris Saint-Germain Schien- und Wadenbein – die Fortsetzung der Karriere war damals mehr als fraglich. Das gilt es in Rechnung zu stellen, wenn über die Leistung eines derart begabten jungen Fussballers geurteilt wird.Auch die Unwissenheit ist ein SymptomHerablassung wurde auch Bastian Schweinsteiger unterstellt, dem ehemaligen deutschen Mittelfeldstrategen, Weltmeister von 2014, Captain und Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern. Bei der WM bildet er für die ARD mit der Moderatorin Esther Sedlaczek ein Duo, das sich über die Zeit gut eingespielt hat. Allerdings sind die beiden die falsche Adresse, wenn es darum geht, profunde Ansichten zum Fussball zu destillieren.In der vergangenen Woche entglitt Schweinsteiger eine Bemerkung, als er sich über den deutschen Gegner Côte d’Ivoire äusserte. Was Schweinsteiger sagte, stiess auf herbe Kritik: Es sehe ein «bisschen afrikanischen Fussball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, ein bisschen wild ist, bisschen vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt ist.»Diese Aufzählung brachte ihm den Vorwurf einer rassistischen Aussage ein, gegen den sich Schweinsteiger verteidigte: Er habe niemandem zu nahetreten wollen, ausserdem habe er ja nicht über Menschen gesprochen.Der Ärger der Betroffenen ist dennoch zu verstehen. Denn auch wenn Schweinsteiger vieles ist, aber bestimmt kein Rassist, ist eine solche Aussage stossend. Sie signalisiert afrikanischen Teams, dass sie, bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Fussballnationen, stereotypisiert werden – und damit nicht ernst genommen werden.Insofern ist auch diese Äusserung ein Beleg für die Herablassung der alten Welt, die sie sich eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Dass es diesmal nicht direkt um einen Gegner der deutschen Mannschaft ging, schmälert die Wucht dieser Aussage nicht.Dass auch die deutsche Mannschaft eine seriöse Auseinandersetzung seitens der Experten verdient hat, versteht sich von selbst. Dass sie diese nicht überall bekommen, ist ein Symptom der Krise, in der der deutsche Fussball steckt.Passend zum Artikel