Houston (dpa) - Ein Fußballspiel kann „wild“ sein, ein Gegner „unberechenbar“. Wenn Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Torwart in den letzten Minuten als Mittelstürmer aufbietet, wäre das „unorthodox“. Bis hierhin sind das unproblematische Beschreibungen. Doch auch bei dieser WM ringt der Fußball mit einer Sprache, die schnell rassistische Stereotype reproduziert.Der frühere Nationalspieler Bastian Schweinsteiger nutzte die Adjektive „unorthodox“, „wild“ und „unberechenbar“ vor dem zweiten Gruppenspiel der DFB-Auswahl bei der Analyse des Gegners Elfenbeinküste. Seine Wortwahl wurde im Anschluss teils scharf kritisiert. Der Trainer der Elfenbeinküste, Emerse Faé, sagte: „Das ist traurig. Wir könnten es rassistisch nennen.“ Sprache wird zum Problem, wenn sie Raum für Missverständnisse lässt.Schweinsteiger bekräftigte am Freitagnachmittag, über Fußball gesprochen zu haben, „nicht über Menschen“, wie er laut einer von der ARD übermittelten Stellungnahme sagte. „Das ist eine Fußballanalyse. Nicht mehr und nicht weniger. Auf keinen Fall wollte ich jemandem zu nahe treten“, äußerte der 41-Jährige.Wenn Sprache zum Problem wird: Über die Berichterstattung über die Elfenbeinküste. Petr David Josek/AP/dpaPauschale Zuschreibungen können problematisch seinDer Sprachwissenschaftler Kersten Sven Roth von der Universität Magdeburg sagte der Deutschen Presse-Agentur, Schweinsteigers Äußerung „mag verkürzt und damit missverständlich sein. Ich würde sie aber nicht per se als rassistisch bezeichnen.“ Sprachlicher Rassismus sei „die Kategorisierung von Menschen nach äußeren Merkmalen und die Zuschreibung negativer Eigenschaften zu dieser Kategorie.“ Ersteres zumindest fehle bei Schweinsteiger.„Unberechenbarkeit“ sei im Fußball nicht per se etwas Negatives. „Aber es gibt natürlich schon eine gewisse Stereotypennähe, die zu Missverständnissen einlädt“, sagte der Universitätsprofessor. „Was Sportreporter wissen müssen: Weltmeisterschaften, bei denen sogenannte "Nationalmannschaften" gegeneinander antreten, haben zweifellos schon in sich ein gewisses Potenzial für die Produktion nationaler und dann auch ethnischer Stereotype.“Der Experte rät zu einer Faustregel: „Äußerungen, die pauschale Zuschreibungen zu national oder ethnisch definierten Gruppen enthalten, können gefährlich sein und sind meistens nicht notwendig“, sagte Roth. „Es ist eben ein Unterschied, ob ein Sportreporter sagt "Die deutsche Nationalmannschaft ist sehr diszipliniert" oder "Die Deutschen sind sehr diszipliniert".“Bastian Schweinsteiger (l.) ist bei der WM als ARD-Experte im Einsatz. (Archivbild) Federico Gambarini/dpaSprachforscher Martin Haase von der Universität Bamberg erläuterte, die Verwendung von Zuschreibungen wie „wild“ im Zusammenhang mit Nationalmannschaften aus Afrika sei „ein Problem des Framings, da ja Bezug genommen wird auf das Konzept des "Wilden"“. Auch Ersatzwörter könnten in eine ähnliche Richtung gehen. Etwa das im Fußball übliche „unkonventionell“.Er vermute, „dass die Zuschreibung "konventionell" im Fußball eher ungewöhnlich ist“, sagte Haase der dpa. „Unkonventionell“ sei deshalb nicht einfach das Gegenteil, sondern habe eine besondere Bedeutung.Van der Vaarts rassistischer „Witz“Vor Schweinsteiger hatte bereits der frühere niederländische Starspieler Rafael van der Vaart live vor einem Millionenpublikum für einen Eklat gesorgt. Der 43-Jährige hatte beim 2:2 zwischen den Niederlanden und Japan gesagt, die japanischen Spieler würden alle ähnlich aussehen. Es ging um eine Szene, als die Abwehr der Niederländer den Japaner Daichi Kamada beim späten Ausgleich aus den Augen verloren hatte. Direkt nach der Aussage hatte van der Vaart gesagt, dies sei ein Witz gewesen. „Dass auch Witze rassistisch sein können, dürfte jedem klar sein“, ordnete Sprachwissenschaftler Roth ein. Van der Vaart bat später um Entschuldigung. Er habe „nie jemanden beleidigen, verletzen oder diskriminieren“ wollen, sagte der frühere Bundesligaprofi. „Ich verstehe, dass einige Leute meine Aussagen verletzend fanden. Das bedauere ich zutiefst. Wenn ich damit Menschen enttäuscht habe, biete ich meine Entschuldigung an.“Im Vergleich zu dem Niederländer bleiben Schweinsteigers Aussagen ein Grenzfall - der aber polarisiert. Angesprochen auf Schweinsteigers Aussagen brach der frühere Meistertrainer Jürgen Klopp ein Interview gereizt ab. Er sprach in einem Video der Deutschen Welle am Rande der WM in New York von einem ernsten Thema. „Und ich weiß nicht einmal, was man Angemessenes sagen sollte. Für afrikanische Menschen ist es eine Sache, für andere Menschen ist es eine andere“, sagte Klopp.Jürgen Klopp sorgte mit seiner Antwort zum Schweinsteiger-Thema für weitere Medienberichte. (Archivbild) Bradley Collyer/PA Wire/dpaEnttäuschung beim Trainer der ElfenbeinküsteTrainer Faé war persönlich betroffen, weil er eigenen Angaben zufolge ein riesiger Fan des ehemaligen deutschen Nationalspielers gewesen sei. Er habe ihn immer bewundert und sei von Freunden aufgrund seiner großen Begeisterung für den Deutschen sogar Bastian genannt worden, berichtete der 42-Jährige. „Als ich seinen Kommentar gehört habe, war ich enttäuscht. Ich habe keine andere Möglichkeit, als das zu akzeptieren“, antwortete Faé, als er nach dem Einzug in die K.-o.-Runde auf die Äußerung des früheren DFB-Profis angesprochen wurde.Schweinsteiger hatte das Spiel des deutschen Gruppengegners, wie in Videos zu sehen ist, beschrieben als „bisschen afrikanischer Fußball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, ein bisschen wild ist, bisschen vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt ist. Wir müssen uns einstellen, dass es unberechenbar wird manchmal“. Weitere Sätze des Weltmeisters von 2014, etwa zu Stürmer Yan Diomande, den er als richtig guten Spieler beschrieb, lösten nicht im Ansatz ein vergleichbares Echo aus.„Bastian Schweinsteiger hat sich zu seinen Erwartungen des Spielstils der Mannschaft der Elfenbeinküste geäußert. Darin hat er seine Erfahrungen und Beobachtungen der letzten Spiele zusammengefasst. Es ging hier nicht um die Menschen, sondern um eine fußballerische Einordnung“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky.Bewusstsein für das Problem ist gewachsenSprachwissenschaftler Roth erklärte: Mit dem „afrikanischen“ Fußball spreche Schweinsteiger eine bestimmte Spielkultur an, „die zunächst einmal nichts mit bestimmten Menschen und erst recht nichts mit ihren körperlichen Eigenschaften zu tun hat“. Das sei „eher auf bestimmte Praktiken in Verbänden und Ligen bezogen und im Fußball seit jeher üblich. Man könnte genauso vom europäischen Fußball sprechen oder vom italienischen oder deutschen.“Das Bewusstsein für rassistischen Sprachgebrauch im Sport und insbesondere im Fußball sei in den vergangenen Jahren definitiv deutlich gewachsen, sagte der Sprachwissenschaftler. „Viele Vereine und Verbände haben auf dem Feld auch durchaus gezielt und erfolgreich gearbeitet. Aber erledigt hat es sich natürlich damit nicht, im Gegenteil: Wer in Massenmedien vor Millionenpublikum über Fußball berichtet, weiß heute, dass bestimmte Formulierungen und Aussagen problematisch sind.“© dpa-infocom, dpa:260625-930-285191/3