Der Bundesparteitag der AfD in Erfurt ist ein Heimspiel für Björn Höcke, den Thüringer Partei- und Fraktionschef. Will die Partei ihrem umstrittensten Kopf den „roten Teppich ausrollen“, indem sie diesen Ort wählte, wie der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken mutmaßte? Klar ist, dass Höcke die heimische Bühne für sich nutzen, dem Parteitag seinen Stempel aufdrücken und seinen Einfluss in der AfD weiter vergrößern will. Als heimlicher Parteiführer ist Höcke schon oft beschrieben worden. Aber wie stark ist er wirklich?Der ehemalige Gymnasiallehrer kann sich darauf berufen, dass die Thüringer AfD vor knapp zwei Jahren das bisher beste Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielt hat, nämlich 32,8 Prozent. Damals wurde spekuliert, ob Höcke nach Berlin wechseln wolle. Er blieb jedoch in Thüringen. In der Bundestagsfraktion, so hieß es damals, hätte Höcke keine Aussicht auf eine Führungsrolle gehabt.In Thüringen ist er hingegen weiter die dominierende Figur, zudem einer der bestgeschützten Politiker des Landes. Höcke verfolgt nun weiter sein strategisches Ziel, Ministerpräsident von Thüringen zu werden. Dafür soll die AfD 2029 dort eine absolute Mehrheit erreichen. Dieser Zukunft könne er sich „nur noch mit Selbstmord entziehen“, sagte er Ende Mai auf einer Pressekonferenz.Höcke und seine drei engen Vertrauten in BerlinDen Einfluss in Berlin hat Höcke allerdings vergrößert, ohne selbst dort Abgeordneter zu sein. Denn seit der Bundestagswahl 2025 sitzen gleich drei seiner engsten Vertrauten in der Bundestagsfraktion der AfD. Der wichtigste ist Stefan Möller, er führt die Thüringer AfD zusammen mit Höcke schon seit zwölf Jahren. Möller ist Jurist, gilt als guter Organisator und hat Höcke viele Aufgaben abgenommen, die seinem weit bekannteren Ko-Parteichef nicht liegen.Stefan Möller (AfD) im Mai 2025 im BundestagdpaHöcke will nun auf dem Bundesparteitag durchsetzen, dass Möller als stellvertretender Bundessprecher in den Bundesvorstand gewählt wird. „Ich weiß, wenn Stefan Möller im Bundesvorstand ist, dann habe ich jemanden, mit dem ich im engsten Austausch bin, ich bin angeschlossen, ohne selbst die Arbeit machen zu müssen“, sagte Höcke unlängst der Deutschen Presse-Agentur. Und weiter über Möller: „Er will – und das ist für uns sehr wichtig – die Thüringer Linie im Bundesvorstand durchsetzen.“ Mit dem bisherigen Parteivize Stephan Brandner aus Thüringen ist die Sache abgesprochen.Neben Möller ist Torben Braga aus Erfurt nach Berlin gewechselt. Der ehemalige Parlamentarische Geschäftsführer im Thüringer Landtag gilt als der Intellektuelle in der Mannschaft von Höcke. Braga, in Brasilien aufgewachsen und zum Studium nach Deutschland gekommen, stieß über das Engagement in rechten Burschenschaften zur AfD.Torben Braga (AfD) spricht im März 2026 im Bundestag.dpaIm Erfurter Landtag war er als Kenner der Geschäftsordnung bekannt, der alle Tricks und Kniffe beherrschte. Er soll sich ausgedacht haben, dass die AfD im Februar 2020 bei der Ministerpräsidentenwahl nicht ihren eigenen Kandidaten, sondern den FDP-Politiker Thomas Kemmerich wählte, was das Land in eine Regierungskrise stürzte.Als dritter Vertrauter ist Robert Teske, Höckes langjähriger Büroleiter, in den Bundestag eingezogen. Der frühere Chef der Jungen Alternative in Bremen, der den neurechten Publizisten Benedikt Kaiser in seinem Bundestagsbüro beschäftigt, komplettiert das einflussreiche Höcke-Trio in Berlin.Wie viel Wirbel die Thüringer Linie in Berlin entfalten kann, hat Höcke mit der Kampagne gegen die Wehrpflicht demonstriert. Obwohl ein Bekenntnis zur Wehrpflicht im Grundsatzprogramm der AfD verankert ist, konnten Höcke und seine Verbündeten durchsetzen, dass die Partei von der klassischen Wehrpflichtforderung abrückte.Höcke mit Robert Teske auf dem AfD-Parteitag in Riesa im Januar 2025dpaDie Wehrpflicht sei abzulehnen, solange Deutschland damit „fremde Kriege“ führe, argumentiert Höcke. Gemeint war damit, dass die Bundeswehr sich keinesfalls auf der Seite der Ukraine gegen Russland engagieren dürfe – Höcke gehört zu denen in der Partei, die sich gegen die USA und für Russland positionieren. Der verteidigungspolitische Sprecher Rüdiger Lucassen, der Höcke wegen der Absage von der Wehrpflicht kritisiert hatte, trat zurück, bevor er durch einen Misstrauensantrag dazu gezwungen wurde.Auf dem Parteitag in Erfurt will Höcke zudem erreichen, dass die Unvereinbarkeitsliste der AfD verändert wird. Bisher orientiert sich die Liste maßgeblich an den Kriterien der Verfassungsschutzbehörden, die etwa die Identitäre Bewegung oder die Freien Sachsen beobachten – Organisationen, deren ehemalige oder aktuelle Mitglieder nicht in die AfD aufgenommen werden, mit denen die Partei gleichwohl kooperiert.Höcke will offenbar eine neue Definition, in der nicht mehr die Extremismusbeschreibung des Verfassungsschutzes gelten soll. Stattdessen soll wohl eine engere Deutung gelten, in der die angestrebte Errichtung einer Diktatur unter dem Einsatz von Gewalt im Zentrum stehen soll. Das vertritt kaum eine als extremistisch eingestufte Organisation.Weidel will eine professionell auftretende AfDAn der Spitze der Bundes-AfD sieht man Höckes Pläne skeptisch. Grundsätzlich halten die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla viel davon, alle Strömungen der Partei einzubinden und ihnen somit auch Einfluss zuzugestehen; sie sind überzeugt, dass diese Strategie in den vergangenen Jahren dafür gesorgt hat, dass die AfD sich nicht mehr bis aufs Blut zerstreitet, so wie früher. Aber sie wollen sich auch nicht von Landesfürsten dominieren lassen.Als Versuch zu dominieren sieht man in der Bundespartei den Antrag zur Unvereinbarkeitsliste. Aus AfD-Kreisen heißt es, es sei unstrittig, dass die Liste überarbeitet werden müsse. Das sehe auch der Bundesvorstand so – der dafür zuständig sei. Dafür brauche man keine Aufforderung aus Thüringen und keine kleinteilige Diskussion auf dem Parteitag. Kritisiert wird, dass der Antrag nicht mit dem Bundesvorstand vorbesprochen worden sei und dass manche Formulierungen Angriffsfläche böten.Gerade Weidel legt Wert darauf, dass die AfD nach außen professionell auftritt und Streit intern möglichst geräuschlos klärt. Eine wilde Parteitagsdiskussion über die Frage, welche Rechtsextremisten in die AfD eintreten dürften und welche nicht, würde das empfindlich stören.Manche vermuten, dass der Antrag vielleicht gar nicht diskutiert wird. Entweder weil Höcke noch davon überzeugt werden könnte, dass es für den Parteifrieden besser sei, ihn zurückzuziehen, oder weil die Delegierten entschieden, den Antrag nicht zu befassen – schließlich steht die Wahl des Bundesvorstands im Mittelpunkt der Versammlung. Die dürfte wegen einiger zu erwartender Kampfkandidaturen ohnehin intensiv werden.Wie mit der Einstufung als rechtsextrem umgehen?Auch, was Höckes Vertraute betrifft, gibt es in der AfD Bedenken. Zum Beispiel, was den Plan betrifft, den Thüringer Möller mit mehr Macht auszustatten. Das hat auch damit zu tun, dass der sich vor allem um die Auseinandersetzung mit dem Verfassungsschutz kümmern soll. Allerdings gehen die Strategien der Bundesspitze und des Thüringer Landesverbandes deutlich auseinander: Die Bundes-AfD versucht, gerichtlich gegen die Einstufung als rechtsextrem vorzugehen und Programmpunkte sowie Äußerungen, die dem eindeutig im Wege stehen, zu vermeiden.In Thüringen ist man der Auffassung, das führe zu nichts. Befürworter eines AfD-Verbots ließen sich so nicht überzeugen, dass die AfD demokratisch sei. So sagte es auch Möller im Mai.Er selbst setzt stärker darauf, dass die Deutschen die Einstufung nicht mehr als Malus sehen. Statt dagegen zu klagen, klagte die Thüringer AfD lieber gegen einzelne Passagen. Im Jahr 2023 erklärte Möller seine Strategie im Kampf gegen den Verfassungsschutz mit den Worten: „Sie können einen Enthauptungsschlag durchführen, wenn Sie den Gegner bekämpfen wollen, oder Sie filetieren ihn, Stück für Stück.“ Man habe sich für zweitere Variante entschieden. Es wird erwartet, dass es zu Reibungen zwischen Möller und den Parteivorsitzenden kommen könnte, wenn er – sollte er Parteivize werden – nicht auf deren Kurs umschwenkte.Allgemein ist in Berliner AfD-Kreisen der Eindruck verbreitet, Höcke arbeite eher auf eigene Rechnung, als die Gesamtpartei im Blick zu haben. Das tun zwar auch andere, aber bei Höcke ist es problematischer, weil er einflussreicher ist. Übel stieß kürzlich vielen – auch ostdeutschen AfD-Leuten – seine Äußerung auf, Westdeutsche hätten sich von den Amerikanern vereinnahmen lassen. Nur Ostdeutsche seien eigentlich noch Deutsche.Das halten viele in der AfD für abgedreht, geradezu irrwitzig. Höcke schade sich selbst, und er schade der Partei. Auch, indem er immer wieder einen Gegensatz zwischen Ost und West betone. Das spalte Wähler, statt sie zusammenzuführen und unter dem Dach der AfD zu einen.Manche in der Bundesspitze haben den Verdacht, Höcke setze solche Akzente gern vor Parteitagen, um da dann noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihnen wäre es recht, wenn sich Höckes großer Auftritt in Erfurt auf das Grußwort als Gastgeber beschränken würde.