Mit Deutschlandflagge tritt Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke um 10.53 Uhr ans Rednerpult. Wie ein Stadionsprecher begrüßt der Rechtsaußen-Vertreter die Delegierten. Dann schimpft er über beschädigte Autobahnen und angebliche Zensur. Zudem fordert er, Pädophilie müsse „drakonisch“ bestraft werden und man dürfe nicht zur „Minderheit im eigenen Land“ werden. Die Delegierten quittieren all das mit lautem Jubel und Applaus.Damit ist der Ton gesetzt für einen Parteitag, der im Gegensatz zu vorherigen erstaunlich einmütig und ungestört abläuft – vor allem angesichts all dessen, was Sicherheitskräfte und Partei im Vorfeld befürchtet hatten.Nachdem Blockaden und Gegendemos angekündigt worden waren, die größer als je zuvor sein sollten, sind pünktlich um zehn Uhr fast alle Delegierten in der Halle und können beginnen. Björn Höcke, Thüringer AfD-Chef, begrüßt die Delegierten. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur/IMAGO/dts Nachrichtenagentur Schon bevor es richtig losgeht, räumt Parteichefin Alice Weidel ein Problem aus der Welt: Höcke hatte unabgesprochen einen Antrag auf die Tagesordnung sitzen lassen, wonach die Unvereinbarkeitsliste der Partei überarbeitet werden möge. Weidel nennt das Anliegen berechtigt, verspricht die Liste innerhalb eines Jahres zu überarbeiten – und bittet darum, den Antrag zurückzuziehen. Das klappt. Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen den Parteipromis ist damit geklärt, bevor er eskalieren kann.Ihren Rechenschaftsbericht nutzt Weidel erwartungsgemäß zur Generalabrechnung mit der Regierungspolitik („Die CDU macht Politik gegen die Deutschen“). Ein Imagefilm zur Arbeit des Bundesvorstandes zeigt Bilder voriger Parteitage – eher von Weidel als von Chrupalla. Man fragt sich, wer hier Regie geführt hat, denn bei der späteren Wiederwahl sagt jeden Prozentpunkt etwas über die Machtverteilung in der Partei aus.Hören Sie zum Thema jetzt auch den neuen Tagesspiegel Podcast „Im Osten“. Für die korrekte Darstellung aktivieren Sie bitte „externe Inhalte“. Sie können den Podcast auch auf Spotify, Apple Podcasts oder der Podcast-Plattform Ihrer Wahl hören.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Während des Finanzberichts – 45 Millionen Euro Parteivermögen, wenn die Edelmetalle neu bewertet werden – werden draußen Riesenbockwürste und Thüringer Bratwürste vertilgt.Ulrich Siegmund, Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, kann sich kaum bewegen. Alle paar Meter muss er Autogramme geben und Selfies machen. Unter denjenigen, die ein Foto machen wollen, ist auch Jürgen Treutler. Der musste vor zwei Jahren vom Thüringer Landesverfassungsgericht gezwungen werden, die konstituierende Sitzung des neu gewählten Thüringer Landtag ordnungsgemäß zu leiten.Inhaltlich spannend wird es bei der Neuwahl des Bundesvorstands, dem Kernstück dieses Bundesparteitages. Während Chrupalla Fußballmetaphern nutzt, setzt Weidel auf Klassik. Chrupalla betont die gute Zusammenarbeit zwischen Bundesvorstand und Landesverbänden – was nur in Teilen stimmt – und sagt, er wolle Brücken bauen und Spaltungen überwinden. Chrupalla schwächer als Weidel Weidel tritt energischer auf, beklagt Deindustrialisierung, Bürokratie und Migration („Wir werden rigoros abschieben“). Die Delegierten applaudieren länger, jubeln, stehen auf und schwenken ihre Flaggen.Die Auftritte dürften in etwa der Beliebtheit in den Landesverbänden entsprechen – Chrupalla hatte es sich zuletzt mit mehreren verscherzt. Und entsprechend fällt sein Wiederwahlergebnis aus: 70,05 Prozent. 81,31 der Abstimmenden entscheiden sich bei der darauffolgenden Wahl für Weidel. Bei der Vorstandswahl vor zwei Jahren hatte noch Chrupalla vorne gelegen. Ein eindeutiges Zeichen, zumal auch Weidel nicht uneingeschränkt beliebt ist.Bei der Wahl der stellvertretenden Vorsitzenden entscheiden sich die Delegierten für den Weidel-Vertrauten Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen, der mit knappen 50,7 Prozent gegen den bisherigen Amtsinhaber Kay Gottschalk (ebenfalls NRW) gewinnt. Zudem wird der Höcke-Vertraute Stefan Möller gewählt sowie Katrin Ebner-Steiner aus Bayern, die ebenfalls zum Höcke-Läger zählt.Während der Stellvertreterwahlen erklingt aus unterschiedlichen Ecken der Halle der „Imperial March“ aus Star Wars. Techniker sehen schließlich hinter der Seitenverkleidung nach und finden offenbar Bluetooth-Boxen. Was es damit auf sich hat, bleibt unklar.Beim Amt des Bundesschatzmeisters setzt sich schließlich der Brandenburger Hannes Gnauck durch, ebenfalls Rechtsaußen. Stellvertreter wird erneut Alexander Jungbluth.Als Schriftführer wird Weidel-Mann Dennis Hohloch mit rund 82 Prozent wiedergewählt. Der hatte sich mit Sätzen beworben wie „Wir wollen kein Multikulti“ und „Wir lassen es nicht zu, dass unsere Gesellschaft transformiert wird“. Das ist schon Tradition bei Bundesparteitagen: Die AfD ist mit der neuen Besetzung ein weiteres Mal nach rechts gerückt.
AfD-Parteitag in Erfurt: Höcke setzt den Ton – und Weidel profitiert
Pünktlicher Start, der gesamte Bundesvorstand neu gewählt: Beim AfD-Parteitag überrascht die Partei mit Effizienz und tritt gleichzeitig nicht weniger radikal auf als sonst.












