KommentarProteste in Südafrika: Die Steuerung der Migration ist ein wichtiges Anliegen. Aber es gehört in die Parlamente, nicht in die Hände eines MobsDie Migrationsdebatte wird global. In Süd- und Nordafrika rufen Demonstranten: «Ausländer raus!» Internationale Abmachungen haben nur dann einen Wert, wenn sie von einem gesellschaftlichen Konsens getragen werden.01.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDemonstrationen gegen irregulär eingereiste Migranten im südafrikanischen Soweto. Als Folge der Proteste haben Tausende Afrikaner das Land verlassen oder wurden evakuiert.Ihsaan Haffejee / ImagoOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tausende afrikanische Migranten sind in den letzten Monaten vor gewalttätigen Protesten aus Südafrika geflohen, mehrere wurden getötet. Die Parole der Demonstranten: «Mabahambe», «Raus mit ihnen!». Die Anti-Migrations-Bewegung macht die Migranten für die hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität verantwortlich.6000 Kilometer weiter nördlich in Libyen klingt es ganz ähnlich, als Demonstranten Anfang Juni das Hauptquartier des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR blockieren: «Libyen den Libyern», «Nein zur Ansiedlung!». Der Protest richtet sich gegen die Hunderttausende von Migranten, die auf dem Weg nach Europa in Libyen steckengeblieben sind. Sie werden im nordafrikanischen Land ganz offen als demografische und kulturelle Bedrohung gesehen. Die libyschen Migrationsgegner pflegen ihren eigenen Diskurs vom «grossen Austausch», der Ersetzung der einheimischen Bevölkerung durch Eindringlinge.Die Proteste an beiden Enden Afrikas zeigen: Die Debatte über die Migration ist längst global geworden, und der Ruf nach ihrer Steuerung wird immer lauter. Ein echter gesellschaftlicher Konsens für die offene Migrationspolitik, auf die man beispielsweise in Südafrika lange stolz war, bestand nie. Umso dramatischer sind die Konflikte, die heute zutage treten.Migrationskritik ist kein westlicher SonderfallDie globale Migration der Gegenwart ist in ihrem Umfang ein noch nie da gewesenes Phänomen. Es wurde erst möglich durch günstige Transportmittel und durch die moderne Medizin. Internationale Organisationen wie die Uno betonen primär ihre positiven Seiten und konzentrieren sich auf den Schutz von Migranten. Doch sie unterschätzen die disruptive Seite dieses Prozesses. Die Migration schafft Verlierer und Gewinner, fördert Wissensaustausch und Handel, aber auch Lohndumping, kulturelle Konflikte und kriminelle Netzwerke.Die Sorge um diese negativen Folgen beschäftigt Menschen weltweit – zum Teil aus fremdenfeindlichen Gründen, zum Teil aber auch, weil Migration tatsächlich Probleme schafft. Umso absurder ist es, wie lange diese Kritik im Westen als provinzielle Eigenheit von Ewiggestrigen dargestellt wurde, die mit dem Rassismus einer weissen, privilegierten Gesellschaft erklärbar sei. Das stimmt nicht: Das Unbehagen ist global.Demokratie und Demagogie gehen Hand in HandIn der Aussenwahrnehmung ist die Anti-Migrations-Bewegung so etwas wie der hässliche Bruder der Gen-Z-Proteste, die in den letzten Jahren Asien und Afrika durchschüttelten und auf viel Sympathie stiessen. Dabei sind sich die beiden Bewegungen ähnlicher, als man wahrhaben möchte. Auch die Anti-Migrations-Bewegung prangert einen Staat an, der seine Bürger im Stich lässt, Grenzen nicht kontrolliert und Gesetze nicht umsetzt. Die Migration macht dieses Staatsversagen sichtbar.Die Protestkultur der Migrationsgegner in Libyen und Südafrika trägt durchaus demokratische Züge. Selbstbewusste, moderne Frauen, eine Radiomoderatorin in Südafrika, eine Anwältin in Libyen, sind ihre Leitfiguren. Organisiert wird, wie heute üblich, über soziale Netzwerke. Die Gewalt gegen Migranten, die Pogromstimmung in manchen Townships, die Instrumentalisierung durch Populisten wie den korrupten Ex-Präsidenten Südafrikas Jacob Zuma sind ihre Schattenseiten. Viele Migranten sind wirtschaftlich erfolgreicher als die Einheimischen in Südafrika. Das besänftigt ihre Feinde aber nicht – im Gegenteil. Der lästigen Konkurrenz möchte man sich lieber entledigen.Es braucht immer weniger MigrantenDie Migrationskonflikte dürften noch zunehmen. Es ist kaum Zufall, dass die Anti-Migrations-Bewegung im Süden und im Norden Afrikas besonders aktiv ist. Beide Regionen haben zwar grosse wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, sie sind aber wohlhabender als ihre Nachbarn und ziehen Migranten an. Gleichzeitig weisen sie die tiefsten Geburtenraten des Kontinents auf – sie haben die Grenze von 2,1 Kindern bereits unterschritten oder nähern sich ihr an.Solche Diskrepanzen – wohlhabende, schrumpfende Gesellschaften neben ärmeren, wachsenden – gibt es weltweit. Verteilkämpfe sind die Folge. Sinkende Geburtenraten und sinkender Arbeitskräftebedarf durch KI und Automatisierung dürften Gesellschaften künftig weniger fähig und gewillt machen, Migranten zu integrieren.Nach dem Ende der Apartheid gab sich Südafrika eines der freundlichsten Flüchtlingsrechte der Welt. Auch den Uno-Migrationspakt unterschrieb man. Doch die Realität zeigt jetzt: Der gesellschaftliche Konsens dafür fehlte.Passend zum Artikel