AnalyseGold enttäuscht – doch das wird kaum so bleibenEgal, ob die Waffen am Persischen Golf ruhen oder nicht: Gold scheint derzeit in jedem Szenario zu straucheln. Während der finale Ausverkauf noch bevorstehen dürfte, spricht längerfristig weiterhin vieles für das Edelmetall.Gold macht derzeit ungewohnte Schlagzeilen. Trotz der geopolitischen Spannungen, in denen das als Krisenschutz bekannte Metall ein Portfolio eigentlich stabilisieren sollte, ist der Kurs letzte Woche erstmals seit November unter 4000 $ je Unze gefallen. Seit dem Höchst im Januar bei 5595 $ ist das ein Minus von rund 30%. Seit Anfang Jahr beläuft sich der Verlust auf nicht ganz 7%.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Stirnrunzeln sorgt die Tatsache, dass Gold derzeit gefühlt in jedem Szenario nachgibt. Anfänglich belastete eine Verschärfung der Lage am Persischen Golf, weil Investoren zum Stopfen von Löchern bei anderen Anlagen beim liquiden Gold Gewinn realisierten. Dazu kam, dass den Golfstaaten, die ihre Dollarüberschüsse traditionell in Gold anlegen, wegen der Sperrung der Strasse von Hormuz das Geld fehlte. Anzeichen der Entspannung am Golf sorgten dagegen für Avancen. Inzwischen reicht aber auch eine Normalisierung der Lage nicht mehr aus, um den Goldpreis zu stützen, wie der Kursrutsch nach Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen den USA und Iran zeigt:Für einen Stimmungsumschwung sorgte der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh, der zur Überraschung vieler Marktakteure in seiner ersten Pressekonferenz als Fed-Präsident den Fokus auf die Bekämpfung der Inflation legte und dazu sogar eine Zinserhöhung ins Auge fasste. Damit emanzipiert er sich vom US-Präsidenten, der lauthals tiefere Zinsen fordert, und zerstreute so die Sorge um die Unabhängigkeit der US-Notenbank. Die Erleichterung darüber hat auch den Devisenmarkt erfasst, wo der Dollar auf handelsgewichteter Basis auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr gestiegen ist.Trotz falkenhafter Rede besteht Raum für Zinssenkungen«How Warsh sank the debasement trade», betitelte Bloomberg-Kolumnist John Authers einen seiner täglichen Newsletter. Die Angst vor einer gezielten Abwertung des Dollars hatte letztes Jahr Gold und den Bitcoin beflügelt. Während Letzterer schon seit Anfang Oktober schwächelt, begann der Einsturz des Goldpreises mit Warshs Nomination zum Fed-Chef im Februar, weil er der restriktivste der damals gehandelten Kandidaten war (vgl. Grafik oben). Diesen Eindruck hat er nun bestätigt.Authers gibt allerdings zu bedenken, dass «das Narrativ einer falkenhaften – also restriktiven – Geldpolitik übertrieben sein dürfte.» Der Energieschock verflüchtige sich schnell, was die Inflationserwartungen deutlich sinken liess (vgl. Grafik). Das schaffe Warsh Raum für Zinssenkungen. Allerdings räumt Authers ein, dass der Inflationsdruck nicht allein auf den Ölpreis zurückzuführen sei und die sinkenden Ölpreise die bereits gut laufende US-Konjunktur weiter befeuern könnten, was womöglich sogar weitere Zinserhöhungen bedinge.Dass sich Warsh als weniger restriktiv entpuppen könnte als erwartet, glaubt auch Urs Gmür vom Westschweizer Vermögensverwalter Active Niche Funds, der auf Rohstoffe und markttechnische Analyse spezialisiert ist. «Die harte Linie dürfte mit Finanzminister Scott Bessent abgesprochen gewesen sein, da sonst der Dollar getaucht wäre», vermutet er. Das wollten die USA als grosser Schuldner, der auf Kapital aus dem Ausland angewiesen ist, vermeiden. Dass sich der Furor aus dem Weissen Haus nach Warshs Worten in Grenzen hielt, könnte die Vermutung erhärten.Derzeit spricht wenig für steigende Goldkurse . . .Letztlich werde Warsh nichts anderes übrig bleiben, als die Zinsen zu senken, um den ärmeren Schichten in der amerikanischen Bevölkerung zu helfen. Auch das sei mit Bessent abgesprochen, ist Gmür überzeugt. Als Argumente für Zinssenkungen werde der neue Fed-Chef auf die sinkenden Ölpreise und den deflationären Druck verweisen, den die enormen Produktivitätsgewinne durch Anwendungen der künstlichen Intelligenz mit sich bringen dürfte.So weit ist es aber noch nicht, und auch Gmür geht davon aus, dass Warsh die Märkte behutsam und schrittweise auf Zinssenkungen vorbereiten wird.Es fällt deshalb schwer, Argumente zu finden, die für eine baldige Fortsetzung der Goldhausse sprechen. Das sieht sogar der bekennende Goldbulle Ronald-Peter Stöferle vom liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum so, der für die kommenden Monate nicht sonderlich optimistisch ist, wie er kürzlich im Gespräch mit The Market sagte.. . . ausser das Desinteresse der PrivatanlegerWenn etwas für Gold spricht, dann ist es das rapide abnehmende Interesse der Privatinvestoren, die ihre Gold-ETF massenhaft abstossen. Thierry Borgeat von der Schweizer Finanzboutique Arvy spricht gar von Kapitulation. Der Ausverkauf habe ein Niveau erreicht, das in der Vergangenheit zumindest mit einer temporären Kurserholung einherging (vgl. grüne Pfeile auf der Grafik unten; das zweite Fenster zeigt den Nettozufluss über drei Monate).Verkauft wird aber vor allem im Westen, während Anleger in Asien trotz der Korrektur zukaufen, wie Stöferle mit Verweis auf die ETF-Daten für März herausgestrichen hat. Laut Charles-Henry Monchau, CIO der Bank Syz, hat dieses Verhalten sich seither akzentuiert (vgl. Grafik im Linkedin-Post: Die goldene Linie zeigt den ETF-Bestand in Asien in Tonnen, rot und blau beziehen sich auf amerikanische und europäische Investoren, weiss steht für Ozeanien). «Das Metall versagt nicht, es wird transferiert», schreibt Monchau dazu – und zwar von West nach Ost.Auf die Bedeutung von Asien respektive China verweist auch Urs Gmür. Er begründet den jüngsten Ausverkauf mit einer Verschärfung der Margenanforderungen im Handel mit Gold-Futures an den Börsen von Schanghai und Hongkong, wo die Hinterlegungspflicht je nach Bank auf 120 bis 140% der Kontraktsumme angehoben wurde. «Das kommt einem Verbot gleich», gibt Gmür zu bedenken. Gleichzeitig vereinfachten chinesische Banken mit tieferen Gebühren und Steuern oder verlängerten Handelszeiten aber den Zugang zu Gold für Privatinvestoren.Gmür interpretiert diese Massnahmen als Vorbereitung für einen mit Gold gedeckten Yuan, der dem mit US-Treasuries gedeckten Dollar zunehmend Konkurrenz machen soll. Dass China eine Alternative zum Greenback plant, glaubt auch Michael Howell vom Londoner Analysehaus CrossBorder Capital, wie er im Dezember im Gespräch mit The Market ausführte. China dürfte deshalb seinen Goldbestand weiter aufstocken.Notenbanken werden weiterhin Gold kaufenDie Notenbanken spielen auch von China abgesehen eine wichtige Rolle im Goldmarkt. So plant fast die Hälfte der teilnehmenden Institute – mit 76 waren es so viele wie noch nie – am jüngsten Central Bank Survey der Branchenorganisation World Gold Council, ihren Goldbestand in diesem Jahr zu erhöhen (vgl. Grafik). 2019 haben das erst 8% in Betracht gezogen. Weitere 54% wollen die Goldreserven unverändert belassen. Über die nächsten fünf Jahre gehen 84% der Teilnehmer von einem höheren Goldanteil der Notenbanken aus.Angst, dass der fast schon parabolische Kursanstieg von Gold bis Ende Januar ähnlich wie 2011 oder 1980 eine mehrjährige Konsolidierung oder gar Baisse auslöst, haben weder Stöferle noch Gmür. Gmür verweist auf einen Tweet des Podcasters Gary Bohm, gemäss dem der Anteil der Minenindustrie am globalen Finanzvermögen weniger als 1% ausmacht (vgl. Grafik). «Einfach gesagt: Das ist keine Euphorie», folgert Bohm. Das sieht auch Stöferle so. Bisher sei es im Minenbereich noch nicht zu abenteuerlichen Übernahmen oder Börsengängen gekommen, die in vergangenen Zyklen das Ende einer Hausse einläuteten, sagte er gegenüber The Market.Was precious metals miners in the euphoria stage and topped out in Jan? Consider the ownership data. Mining stocks represent less than 1% of total global financial assets. Simply put, that’s not euphoria! pic.twitter.com/1V82stnmTp— Gary Bohm (@GaryBohm5) June 27, 2026 Als möglichen Trigger für eine Wiederaufnahme des Aufwärtstrends erwähnen sowohl Stöferle als auch Gmür eine mögliche Neubewertung der Goldreserven der US-Notenbank. Gerüchten zufolge könnte eine solche Aktion bereits diesen Samstag, 4. Juli, anlässlich des 250. Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung angekündigt werden. Im Gegensatz zum Eurosystem, das die Goldreserven schon lange zu Marktpreisen bewertet, steht der Goldbestand des Fed zu 42.22 $ je Unze in den Büchern.Eine Aufwertung auf den aktuellen Marktpreis würde einen Aufwertungsgewinn von mehr als 1 Bio. $ bringen, was die Bilanz des Fed deutlich stärken würde. «Sollte die US-Notenbank den Goldbestand dereinst tatsächlich zu Marktpreisen bewerten, hätte sie ein Interesse an einem steigenden Goldpreis», begründet Gmür den positiven Kurseffekt einer Aufwertung. Bisher sei es eher umgekehrt, sagt Gmür. Auch das könnte den falkenhaften Auftritt von Kevin Warsh erklären.Erholung dürfte sich zur Hausse auswachsenFür eine baldige Erholung spricht auch die überverkaufte Lage beim Gold. «Das Preismomentum ist so niedrig, dass jederzeit eine mehrwöchige Gegenbewegung eintreten könnte», sagt Stefan Steinemann, der bei Active Niche Funds die markttechnische Analyse verantwortet. Für eine Stabilisierung müsste der Unzenpreis allerdings demnächst über 4382.10 $ schliessen. «Bis es so weit ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein finaler Ausverkauf Gold in die Unterstützungszone zwischen 3700 und 3890 $ drückt.»Ob aus dieser Erholung mehr wird als eine mehrwöchige Gegenbewegung, wird sich weisen. Noch brauchen Goldanleger also Geduld. Angesichts der Absetzbewegung westlicher Privatinvestoren und der überverkauften Lage ist jetzt aber nicht der Zeitpunkt, Goldpositionen zu veräussern. Für langfristig orientierte Investoren drängt sich im Gegenteil eher der gestaffelte Einstieg auf. Gemäss Steinemann stehen die Chancen gut, dass die kommende Erholung die Fortsetzung der Hausse einläutet.