Der Goldpreis ist abgestürzt – trotzdem gibt es gute Gründe, warum der Boom beim Edelmetall weitergehtDie Aktienmärkte schiessen nach oben, doch das Gold enttäuscht. Wie es weitergeht, entscheidet sich aber immer weniger im Westen, sondern in Asien – namentlich in China.01.07.2026, 12.41 Uhr4 LeseminutenEin Angestellter der kasachischen Zentralbank sortiert Goldbarren: Viele Schwellenländer stocken ihre Reserven derzeit auf.Mariya Gordeyeva / ReutersDas Börsenjahr 2026 verläuft für die Anleger bis jetzt sehr erfreulich. Die meisten Aktienindizes notieren auf Rekordniveau oder knapp darunter. Wichtige Märkte haben seit Jahresbeginn um rund 10 Prozent zugelegt, namentlich die USA, Europa und die Schweiz. Der japanische Nikkei-Index erreichte gar ein Plus von über 30 Prozent, während die Börse Südkoreas um sagenhafte 90 Prozent nach oben schoss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Anlagekategorie allerdings hat im ersten Semester 2026 enttäuscht: Gold. Erstmals seit dem letzten November kostet eine Unze wieder weniger als 4000 Dollar. Gegenüber dem Rekordpreis von 5500 Dollar im Januar ergibt dies einen Verlust von über einem Viertel.Nach dem kräftigen Boom der letzten Jahre bedeutet die jüngste Entwicklung eine herbe Enttäuschung für die Goldanleger. Weil das Edelmetall traditionell als «sicherer Hafen» in turbulenten Zeiten gilt, stellt sich insbesondere die Frage, warum der Iran-Krieg nicht für eine grössere Nachfrage gesorgt hatte.Immerhin, im längerfristigen Vergleich schneidet das Gold noch immer gut ab. Seit dem Jahresbeginn 2024 hat sich der Preis – trotz dem jüngsten Rückschlag – verdoppelt. Der World Gold Council, die Branchenorganisation der Goldindustrie, kommt in seinem Halbjahresbericht zum Schluss, dass diese längerfristige Hausse unverändert intakt sei.Vorerst sei eine Seitwärtsbewegung mit geringeren Schwankungen als bisher das wahrscheinlichste Szenario, sagt Chefanalyst Juan Carlos Artigas: «Aus historischer Erfahrung wissen wir, dass nach einer Korrektur oftmals neue Investoren zu günstigen Konditionen zukaufen.» Dieses steigende Interesse beobachte er namentlich in Asien. Auch die Schmuckindustrie sowie Firmen, welche das Gold für technische Produkte benötigen, stützten die Nachfrage. Denn diese hätten sich bei den früheren Rekordpreisen zurückgehalten.Iran-Krieg fördert Bedarf an LiquiditätAuch den – auf den ersten Blick überraschenden – Umstand, dass das Metall trotz der geopolitischen Unsicherheit an Wert verloren hat, analysiert der Bericht des World Gold Council. «Der Iran-Krieg hat zu einem höheren Bedarf an Liquidität geführt, was die Nachfrage nach Gold einschränkte», sagt Artigas. Dieser Effekt betraf namentlich die Golfstaaten. Üblicherweise legen diese einen Teil ihrer Einnahmenüberschüsse aus dem Verkauf von Erdöl in Gold an. Doch wegen der Sperrung der Strasse von Hormuz mussten die arabischen Ölförderländer plötzlich auf diese Erträge verzichten und ihrerseits Reserven anzapfen.Einen ähnlichen Effekt gab es laut Artigas auf dem indischen Markt, welcher in der Regel zu den wichtigsten Abnehmern gehört. Die abrupte Verteuerung des Erdöls habe dort ebenfalls zu einem Liquiditätsmangel geführt, was zu rückläufigen Käufen führte. Die Regierung habe gezielt die Goldimporte gebremst, um so ihre Devisenreserven zu schonen.Allerdings überdecke die jüngste Korrektur, dass der Goldmarkt einen längerfristigen Wandel durchlaufe, der von grosser Bedeutung sei, sagt Artigas: «Wir stellen fest, dass sich der Schwerpunkt der Nachfrage kontinuierlich von den westlichen Ländern nach Asien verschiebt.» Diese habe sich in jüngster Zeit auch darin geäussert, dass der Preis während der westlichen Handelszeiten oftmals nach unten tendierte, danach aber wieder anstieg, sobald die asiatischen Investoren das Zepter übernahmen.China plant Alternative zum DollarEine wichtige Rolle spielt dabei China. Der weltgrösste Goldproduzent stockt schon länger seine Goldreserven auf, um das Vertrauen in die eigene Währung zu stärken. Damit will das Land den Renminbi sukzessive als glaubwürdige Alternative zum Dollar aufbauen.Unterstützung erhalte das Gold ebenso von den Zentralbanken, erklärt Artigas: «Wir rechnen damit, dass ihre Zukäufe auch in diesem Jahr 600 Tonnen übersteigen.» Ein grosser Teil der Nachfrage stamme aus den Schwellenländern. Deren Ziel sei es, die Reserven zu stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Laut einer Umfrage des World Gold Council planen nicht weniger als 45 Notenbanken, ihre Goldbestände in den nächsten zwölf Monaten auszubauen.Ein Unsicherheitsfaktor bleiben derweil die privaten Investoren: Während die Exchange Traded Funds (ETF) für Gold im letzten Jahr starke Zuflüsse verzeichneten, haben nun viele kurzfristig orientierte Anleger ihre Gewinne mitgenommen und sind wieder ausgestiegen. Sie liessen sich dabei auch von der Zinspolitik der US-Notenbank (Fed) beeinflussen. Derzeit dominiert an den Märkten die Erwartung, dass die Leitzinsen der USA nach oben tendieren – gestützt durch eine robuste Konjunktur. Dies stärkt Geldmarktanlagen sowie den Dollar, was umgekehrt das Gold, welches keine Zinsen abwirft, schwächt.Artigas gibt allerdings zu bedenken, dass die US-Wirtschaft weniger stark wachsen könnte als erwartet – vor allem, falls der Konsum wegen der hartnäckigen Inflation stagnieren sollte. Ein solches Szenario könnte die Zinsen und ebenso den Dollar unter Druck setzen. Sobald aber die Notenbanken ihre Geldschleusen von neuem öffnen, würde auch die Nachfrage nach Gold rasch zurückkehren.Passend zum Artikel