Herr Lovering, wenn Sie sich 40 Jahre zurückversetzen und einige Studenten sehen, die in Boston eine Band gründen, die heute als eine der einflussreichsten Gruppen der Rockgeschichte gilt, welcher Gedanke kommt Ihnen da?Der an eine irgendwie surreale Geschichte. Die ich aber nicht anders kenne, weil es ja mein eigenes Leben ist. Ich habe also eigentlich keine Vergleichsmöglichkeit. Deshalb darf ich mich glücklich schätzen, weil ich etwas tue, das ich liebe und es für die Band noch ein Publikum gibt. Darüber können wir uns wirklich freuen. Und doch kommt mir das Ganze surreal vor, weil wir bei unserer Wiedervereinigung 2004 ja nur vorhatten, eine Hand voll Konzerte zu geben. Und jetzt sind wir immer noch da und nun schon viel länger zusammen als in der Zeit von unserer Gründung vor 40 Jahren und dem abrupten Ende 1992.Die Pixies haben nach der Wiedervereinigung mittlerweile mehr Alben veröffentlicht als zu ihrer ersten Hochphase. Was ist der Antrieb für neue Pixies-Musik? Frontmann Black Francis hatte Erfolg als Solokünstler. Und Sie selbst spielten nach dem ersten Aus der Pixies etwa bei einer tollen Band wie Cracker und danach bei weiteren Projekten und hätten damit gewiss weitermachen können.Nun, die Pixies waren schon meine Liebe, und ich war glücklich, dass wir 2003 wieder zusammenkamen, selbst wenn es anfangs nur für einige Konzerte im Jahr 2004 sein sollte. Doch es wurden immer mehr Auftritte, die Jahre zogen ins Land, und mit einem Mal waren wir zu unserem eigenen Erstaunen als Band länger zusammen als je zuvor, spielten allerdings immer noch nur die Songs aus der ersten Phase. So, als fiele uns nichts mehr ein, als wären wir impotent, wenn man das so sagen darf. Wir wollten aber zeigen, dass wir noch lebendig sind, und so kam es dann 2014 zum Album „Indie Cindy“, dem mittlerweile ja noch einige weitere gefolgt sind.Die Pixies werden zu den einflussreichsten Bands des Indie-Rock gezählt, gelten als wegweisend für Grunge und als Vorbilder für Gruppen wie Nirvana, Radiohead oder Pavement. Wie nehmen Sie nun die Erwartungen des Publikums wahr? Wollen die Konzertbesucher vor allem die Songs von wegweisenden Alben wie „Surfer Rosa“ und „Doolittle“ hören, oder zeigen die auch ein Interesse an der musikalischen Weiterentwicklung einer Band, die zwar nicht ewig jung bleiben kann, aber weiterhin etwas zu sagen hat?David Lovering, Schlagzeuger der PixiesREUTERSErstaunerlicherweise hatten wir schon 2004 ein Publikum, das zu einem guten Teil wohl noch gar nicht geboren worden war, als wir die Band gründeten. Das hat sich bis heute nicht geändert. Natürlich kommen auch Leute unseres Alters zu den Shows, doch sind es vor allem viele jüngere Besucher.Könnte das mit der Bedeutung der Pixies zu tun haben? Man will sie mal live gesehen haben, weil sie so wichtig waren, so wie junge Menschen heute auch zu Konzerten von Paul McCartney, Bob Dylan oder den Rolling Stones wegen derer Einfluss auf die Popkultur gehen?Ich meine, es ist mehr. Ich denke schon, dass wir einen Eindruck auf die jüngere Generation hinterlassen. Manche haben uns vielleicht kennengelernt, weil ihre Eltern unsere Platten haben. Doch viele haben uns wahrgenommen, weil wir auf unterschiedlichen Kanälen präsent sind. Unsere Songs waren in Hollywood-Filmen zu hören, in Fernsehserien, in Videospielen. Wir sind in den sozialen Medien aktiv, und das ist ja das Fenster zu den jüngeren Generationen. Für die sind wir sichtbar, und so kennen die natürlich auch unsere neuere Musik, vielleicht im Gegensatz zu den alten Fans. Unsere jungen Hörer kennen dagegen sowohl die alten Songs als auch die neuen und da auch noch die ganzen Texte. Und für die Leute meines Alters (David Lovering ist 64 Jahre alt, die Red.) spielen wir ja was von „Surfer Rosa“ (lacht).Man hat den Eindruck, mit jeder Tournee würden die Hallen, in denen die Pixies spielen, noch einmal größer.Ja, unsere Popularität hat zugenommen. Es hat einige Jahre gedauert, doch sehen wir es auch als Herausforderung an, nun die größeren Hallen zu füllen. Wobei wir in manchen Ländern wie in Frankreich mittlerweile sogar in Stadien spielen könnten.40 Jahre nach Gründung der Band reiten Sie also die Welle des Erfolgs, aber hoffentlich nicht mit dem Gefühl, ein Zombie zu sein. Oder ist der Titel des jüngsten Pixies-Albums „The Night The Zombies Came“ eine Anspielung?Oh, ich kann jetzt nicht für Black Francis sprechen, der ja die Texte geschrieben hat, doch nahmen wir das Album im herbstlichen Vermont auf, und es war so eine Halloween-Stimmung in der Luft. Möglicherweise hat das die entsprechenden Bilder evoziert.Wie geht denn die Arbeit im Studio mittlerweile vonstatten? Wird dort nun lange an Songs und Arrangements getüftelt?Früher sind wir ins Studio gegangen und haben direkt aufgenommen, weil wir die Songs ja vorher schon ständig live in den Clubs gespielt hatten. Wir kannten sie also in- und auswendig, das war wie Fahrradfahren. Heute ginge das nicht mehr. Gemeinsam mit unserem Produzenten Tom Dalgety arbeiten wir die Songs in der Vorproduktion aus, bevor wir sie dann aufnehmen. Was mir dabei wirklich gefällt, ist, wenn Tom den Demos mit seinem eigenen Schlagzeugprogramm einige Rhythmen unterlegt.Sie als Schlagzeuger sagen, das gefalle Ihnen?Aber ja, das ist wundervoll. Vergessen Sie nicht, bei den Aufnahmen muss es ja doch immer sehr schnell gehen. Und natürlich will man dann sein Bestes geben. Und da ist es nicht verkehrt, schon einmal einen Impuls zu erhalten, auch eine andere Idee, über die sich nachdenken lässt. Mich inspiriert das. Und es erleichtert die Studioarbeit.Mit der aktuellen Tournee, die die Pixies sogar nach China und auf die Philippinen geführt hat, feiern Sie die Gründung der Band vor 40 Jahren. Gibt es ein spezielles Jubiläumskonzertprogramm?Nein, und dies aus einem einfachen Grund: Wir hatten noch nie eine Setlist. Selbstverständlich sind Klassiker wie „Where Is My Mind?“ oder „Here Comes Your Man“ immer dabei, doch entscheiden wir stets spontan über das Programm. Wir folgen da dem Flow des Auftritts und verständigen uns mit festgelegten Gesten, was aus dem Katalog nun passen könnte. So ist jeder Konzertabend anders, und das bewahrt den Reiz auch nach 40 Jahren. Den einzigen Song, den wir vorab festlegen, ist der Song, mit dem das jeweilige Konzert beginnt. Das ist für die Person am Mischpult wichtig.Stimmt, die muss ja wissen, welche Regler zu schieben sind.Aus der Erfahrung wissen wir natürlich, welche Songs gut zueinander passen, und die kann man dann ohne große Abstimmung hintereinander spielen. Außerdem haben wir noch speziell ein Mikrofon für die Band, über das uns Black Francis zurufen kann, ob wir einen Song vielleicht anders spielen oder eine Coverversion einbauen. Das macht wirklich Spaß, und außerdem muss ich nicht auf eine Setlist starren und feststellen, dass uns nur noch zehn Minuten Spielzeit bleiben.Nächstes Jahr können Sie ein weiteres Jubiläum feiern: Vor dann 35 Jahren ist das erste Album von Cracker erschienen. Gibt es eine winzige Chance, dass Sie auch mit dieser Band auf Tournee gehen?(lacht) Ich bin noch immer mit David Lowery und Johnny Hickman befreundet, und es war eine großartige Zeit mit ihnen. Doch meine Band sind die Pixies.Die Pixies spielen am 2. Juli in der Jahrhunderthalle Frankfurt. Weitere Auftritte gibt es am 30. Juni in der Zitadelle Spandau in Berlin sowie am 3. Juli auf der Parkbühne in Leipzig.PixiesDie Geschichte der Pixies beginnt 1986 in Boston mit einer Zeitungsannonce, mit der die Gitarristen Black Francis und Joey Santiago Musiker suchen, die sowohl die Musik des Folk-Trios Peter, Paul and Mary als auch der Hardcore-Band Hüsker Dü mögen. Es meldet sich nur Kim Deal, die sich als Bassistin bewirbt, obwohl sie kein Instrument besitzt und auch noch niemals Bass gespielt hat. Nachdem Francis ihr die Grundgriffe beigebracht hat, kommt schließlich aus Deals Bekanntenkreis noch der Schlagzeuger David Lovering zu dem Bandprojekt hinzu, das schon bald anfängt, in der Bar-Szene in und um Boston aufzutreten. 1987 veröffentlicht das Quartett die Mini-LP „Come On Pilgrim“, der 1988 das heute als epochal geltende Debütalbum „Surfer Rosa“ folgt, mit dem der Band vor allem in Europa der Durchbruch gelingt. Mit dem Nachfolgealbum „Doolittle“ ist dann auch die amerikanische Heimat gewonnen. Allerdings nehmen die Spannungen innerhalb der Band zu, vor allem Francis und Deal geraten immer wieder in teils heftige Streitereien miteinander. Ende 1992 verlässt Francis die Pixies, um unter den Namen Frank Black eine durchaus erfolgreiche Solokarriere zu starten, die allerdings dem Vergleich mit der damals einsetzenden immens populären Grunge-Welle nicht standhalten kann, zu deren wichtigsten Wegbereitern die Pixies gehörten. 2004 reformierte sich die Band in Originalbesetzung, erst nur für einige Konzerte, dann aber dauerhaft. Seit 2014 veröffentlicht sie auch wieder regelmäßig Alben mit neuer Musik. Kim Deal, einst auch mit den Breeders erfolgreich, ist darauf aber nicht mehr zu hören. Sie verließ die Band 2012. Heute spielt die britische Musikerin Emma Richardson Bass bei den Pixies.