Fünf Tage nach dem Eurovision Song Contest besteht die Zukunft der Popmusik aus synthetischem Plastikhall, allenfalls besetzt mit echten Menschen. Die ganze Zukunft? Nein. Wo zwar Gefahr ist, wächst im Pop das Rettende auch. Womöglich ist sein Name „Geese“, jene New Yorker Mid-Twenties-Band mit Gitarren, fransigen Haaren und Silberketten, die wirkt, als hätte eine KI die Siebziger aufgefrischt. Geese sind die Newcomer des vergangenen Jahres: Highschool-Gründung, Post-Punk, Rock, eigene Texte, alles wie früher. Und wer ist einer ihrer größten Fans? Patti Smith.Wie um die Stadt vom Plastikpop zu kurieren, ist sie für drei Auftritte in Wien. Vor ihrem Open-Air-Konzert am Samstag spielt sie am Freitag beim Eröffnungsfest der Festwochen. Am Dienstag wiederum bot sie 450 privilegierten Smithians zwischen 28 und 80 Jahren, die beim Kartenkauf schnell genug waren, ihren ersten Gig. Spielort war das Theater „Akzent“ der österreichischen Arbeiterkammer, erbaut auf den Trümmern des während des Kriegs zum Gestapo-Gefängnis gemachten ehemaligen Palais Rothschild. So schnell geht Geschichte, und dass dieses Haus der Säulenheiligen des poetischen Nonkonformismus die Bühne bot, macht sie auf andere Art anschlussfähig. „An Evening with / ein Abend mit Patti Smith“ war angekündigt. Außer den Tontechnikern wussten wenige, wie er aussehen würde. Er wurde ein Konzert. Kein Tiny Desk Concert, aber umhüllt von einer Aura transparenter Privatheit, die nur wenige herstellen können.Sie singt dem Sohn ins GitarrensoloMan konnte Tony Shanahan für einen Techniker halten, so absichtslos gebückt lief er nach links über die Bühne, bis er beim Bass stehen blieb und sich umdrehte. Okay, die Männer wären da. Und auf einmal, noch beiläufiger, auch sie, strahlt: „Hello“, und beginnt, „Dancing Barefoot“. Sehr gut gelaunt, lässig, kraftvoll, mit dieser Patti-Smith-Energie, die alle seit Jahrzehnten beschreiben. Vergleichbar mit der von Mick Jagger, nur auf jene tiefenentspannte, fast weise Art, die Patti-Smith-Art mit dem Schweben eben. Zwar ist sie zu früh dran, singt ihrem Sohn in dessen zartes Gitarrensolo, („what a perfect Solo, and I come in crying“), aber an ihrer Gegenwärtigkeit zu zweifeln, gibt sie keine Sekunde Anlass.Im Gegenteil, sie tut, was sie von sich erwartet, deckt den politischen Grund ihrer Musik auf: „Peace to your brother; give and take peace / Tayi, taya, it leaves two feet“, ihr Song für die Native Americans, die der jetzige Präsident missachte. Ihre ausgestreckten Hände, die die Melodie zu den Worten tragen, erzittern, „shake out the ghost dance“, und mit einem kleinen Strich der Handflächen ist sie aus.Alle sind ihr andächtig ergebenZu 75 Jahren Wiener Festwochen gesellen sich hier 50 Jahre Wiener Bühnenjubiläum von Patti Smith. Sie erzählt von ihrem ersten Konzert, als die Mädchen, „the girls“, zu schüchtern waren, um zu tanzen, in Kleidern, behandschuht. „But then, I made them party.“ Als säße man im Probenraum, ihre Unmittelbarkeit lodert von der Bühne, eine Freundin blickt einem in die Augen, so guckt sie ins Dreivierteldunkel des Zuschauerraums, der ihr nach den ersten zwei Songs zu Füßen liegt. Kontinuität von 1976 her schimmert auf. Es ist nicht so, dass hier reihenweise mitgesungen oder mit dem Gedanken gespielt würde, wie die verdammten Sitzreihen zu entfernen wären. Nur vereinzelt hört man textsichere Frauenstimmen in einer Lautstärke, die nicht niedriger zu drehen wäre, selten nickt ein männlicher, nicht mehr voll behaarter Kopf mit. Aber „Party“? Vielleicht innen drin. Dabei sind sie ihr alle ergeben. Bei „Blakean Year“, eigentlich schon bei ihrer Version von Bob Dylans „The Man in the Long Black Coat“ zeigen einzelne „Yeah!“-Rufe, was drinnen los sein muss.Patti Smith nimmt es mit Liebe, strahlt weiter und lässt Tony Shanahan den Raum, den sein Bass verdient. „Fireflies“, der Höhepunkt des Abends, ist einer der ersten Songs, den sie nach dem Tod ihres Mannes Fred geschrieben hatte. Seb Rochford trommelt mit den Fingern auf der Snare, sachte Bass Drum, Bass, Gitarre, dann Smiths neunundsiebzigjährige Stimme, die Alter, Leid und Liebe mit der Stärke einer Dreißigjährigen in der Kehle und auf der Zunge trägt. Auch durch Musik von The Doors, George Harrison und Charlotte Day Wilson, die drei Instrumentalmänner haben großen Spaß an ihrem Musizieren, Smith leitet sie fast unmerklich mit ihrem Gesang, ihre Interpretationen sind klar, ruhig, eigen, frei. Einen Song, Harrisons „Isn’t It a Pity“, singt Shanahan allein, mit einer Helligkeit in der Stimme, als wäre er Harrison selbst, „the beauty that surrounds them“.Doch die Wirklichkeit ist unbarmherzig, also reißt der Punk ein, was die Poesie auf Sand gebaut hat. Als Einführung zu „Peaceable Kingdom“, den Shanahan und Smith 2003 als Reaktion auf die Abriegelung des Gaza-Streifens geschrieben haben, verweist Smith auf die heute leidenden Kinder in „Palestine“, ergänzt „Libanon, Iran, Kongo, Sudan“. Als litte niemand in Israel. Wie immer öfter fehlt der Kontext: die Zweite Intifada, der siebte Oktober. Wie überall rufen an diesem Abend das Leid bestärkende Stimmen, so laut, wie keine Stimme die Schönheit der Musik gefeiert hatte. Der Abend hat zum Ende einen Riss, gekittet von einer Massenumarmung: „Because the Night“. Schließlich werden alle doch noch von ihrer eigenen Bedeutung überwältigt.
So war Patti Smith bei den Wiener Festwochen
Die Säulenheilige des poetischen Nonkonformismus singt bei den Wiener Festwochen in intimem Rahmen – altersweise, aber kräftig. Und erzählt, wie sie in Wien vor 50 Jahren schüchterne Mädchen zum Partymachen animierte.










