Im ungebrochenen Trend der irgendwelchen Jubiläen gewidmeten Tourneen verdienter Rockbands geht es fast immer um den „Weißt du noch“- und „Sie spielen unser Lied“-Wohlfühlfaktor. Die Gegenwart oder möglicherweise sogar die Zukunft eines Genres spielen dabei nur selten eine Rolle. Doch es geht auch anders, wie nun der Auftritt der amerikanischen Band Pixies in der voll besetzten Jahrhunderthalle in Frankfurt zeigte.Das 1986 in Boston gegründete Quartett reist derzeit zwar unter dem Banner „40 Jahre“ durch die Lande, verweist also auf ein Jubiläum, doch an einer Feier der Nostalgie sind Sänger und Gitarrist Black Francis, Gitarrist Joey Santiago, Schlagzeuger David Lovering und die neue Bassistin Emma Richardson nicht interessiert, selbst wenn sie während des knapp hundertminütigen Konzerts reichlich Songmaterial aus der Zeit von 1987 bis 1992 und damit jener Phase vor der im Streit erfolgten und bis zum Jahr 2003 dauernden Trennung bieten. Diese Songs allerdings hatten es und haben es bis heute in sich, waren sie doch Vorbild für nahezu alles, was seit gut 35 Jahren unter den Begriffen Indierock, Alternative Rock und Grunge subsumiert wird.Wenn also wie in Frankfurt das Set der Pixies grußlos mit der Folge „Velouria“, „The Happening“ und „Gouge Away“ beginnt, fällt vermutlich nur noch Zeitgenossen der Band auf, wie ungewöhnlich dieses Wechselspiel von laut und leise, Ausbruch und innerer Einkehr, Gitarrendonner und zarter Melodei Ende der Achtzigerjahre geklungen hat, das so unterschiedlichen, aber wegweisenden Bands wie Nirvana, Pavement oder Radiohead als Vorlage dienen sollte. Den vielen jüngeren Besuchern im Publikum dürfte der in den ersten Minuten des Konzerts noch nicht optimal gemischte Pixies-Klang vielleicht sogar vertrauter erschienen sein, weniger hingegen die unprätentiöse Vortragsweise der Band.Die verzichtet trotz all ihrer Bedeutung für die Musikgeschichte auf jedes Gehabe oder gar Bling-Bling. Ohne Bühnendekor oder aufwendige Lichteffekte präsentiert sich hier eine Band, als trete sie eben mal in irgendeinem Studentencafé in Boston und nicht auf der Bühne einer großen Halle auf, was auf angenehme Weise eine Independent-Anmutung transportiert, die natürlich bei einer Band vom Kaliber der Pixies eine Schimäre ist. Auch wenn sich die Gruppe Ende 1992 am Vorabend des großen Grunge-Hypes aufgelöst hatte und damit wahrscheinlich den Welterfolg verpasste, hat sie doch Millionen Tonträger verkauft. Ihre Songs fanden sowohl in Hollywood-Filmen als auch in Videospielen Verwendung. Und zumindest das Lied „Where Is My Mind?“ ist im allgemeinen Bewusstsein so fest verankert, dass eine große deutsche Brauerei ihren aktuellen Fernsehspot mit dem sphärischen Intro des Stücks unterlegt hat.Entsprechend groß ist das Hallo auch in der Jahrhunderthalle, als die Pixies das Lied als vorletztes ihres Frankfurter Sets anstimmen, wenngleich die Begeisterung auch schon bei Titeln wie „Monkey Gone To Heaven“, „Debaser“ oder dem unwiderstehlichen „Here Comes Your Man“ immens ist. Letzteres steht mit seiner Referenz auf Velvet Underground vielleicht am deutlichsten für den Spagat zwischen Gestern und Morgen, für den Staffellauf, bei dem eine Band den Stab an die nächste weitergibt. Die Pixies haben dabei das Kunststück vollbracht, sich den Stab selbst zu überreichen.
Pixies begeistern in der Jahrhunderthalle Frankfurt
Seit 40 Jahren mal leise, mal laut: In der Jahrhunderthalle Frankfurt zeigen die Pixies, warum ihr Indierock noch immer zukunftsträchtig ist.







