Die Inflation in Spanien verharrte im Juni auf hohen 3,6 Prozent. In Deutschland, wo der Tankrabatt die Auswirkungen des Energiepreisanstiegs etwas abgemildert hat, belief sich die Rate im Mai auf 2,6 Prozent, im Juni auf 2,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag aufgrund einer ersten Schätzung mitteilte. Im Juli dürfte sie mit dem Ende des Tankrabatts aber wieder steigen. Für den Euroraum erwartet die Commerzbank für die verbleibenden Monate in diesem Jahr Raten, die um 3,0 Prozent schwanken. Zugleich ist aber der Ölpreis, der Auslöser des Inflationsanstiegs, schon wieder deutlich gefallen, von zeitweise 120 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) auf nur noch rund 73 Dollar.Eine herausfordernde Konstellation für die Geldpolitik. Eine unerfreulich hohe Inflation, deren Ursache im Verschwinden begriffen zu sein scheint. Eine spannende Situation also, in der sich Notenbanker aus aller Welt seit Montag im portugiesischen Sintra zum jährlichen EZB-Forum treffen; bei erfrischend kühlen Temperaturen in Portugal nach den heißen Tagen in Deutschland. Es ist weder in den Vereinigten Staaten noch im Euroraum so richtig klar, wie die Notenbanken jetzt weitermachen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach in ihrer Eröffnungsrede auf dem EZB-Forum von häufigeren geopolitischen Schocks, die eine Entscheidung nicht einfach machen. „Wir dürften uns künftig wohl öfter in einem Spannungsfeld zwischen Schocks, durch die wir hindurchschauen können, und solchen, auf die wir energisch reagieren müssen, wiederfinden“, deutete die EZB-Präsidentin an.Fed-Chef Warsh erhält LobÜberall auf der Welt hat zum Teil das Personal in wichtigen geldpolitischen Gremien seit dem Treffen im vergangenen Jahr gewechselt. Der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh, der Nachfolger des im vorigen Jahr in Sintra stürmisch bejubelten Jerome Powell, wird am Mittwoch sprechen. Ihn loben am Rande des Treffens viele dafür, dass er sich in seiner ersten Zinsentscheidung den Wünschen von US-Präsident Donald Trump nach Zinssenkungen nicht gebeugt habe. Das werde aber auf Dauer nicht ohne Konflikte gehen, ist eine verbreitete Ansicht unter den Notenbank-Beobachtern. Bislang wurde von Trump lediglich berichtet, er habe über den jüngsten Warsh-Auftritt gesagt: „Es ist kaum zu glauben.“Der Fed-Vorsitzende Kevin Warsh aus Washington trifft am zweiten Tag beim EZB-Forum in Sintra ein.ReutersAuch im EZB-Rat haben im Vergleich zum Vorjahr allerhand Mitglieder gewechselt, und das wird auch noch weitergehen. Offenbar gibt es dort jetzt zum Teil auch neue Rollen. EZB-Präsidentin Lagarde hatte unlängst schon vor dem Europäischen Parlament gesagt, dass die rückläufigen Energiepreise es nicht notwendig machten, dass die EZB „entschlossener“ auf die Auswirkungen des Nahostkonflikts reagiere. In Sintra konzentrierte sie sich vor allem darauf, hervorzuheben, dass die Zinserhöhung im Juni „gerechtfertigt“ gewesen sei. „Die Entscheidung war absichtlich auf Robustheit ausgelegt – und nichts, das wir seither beobachtet haben, hat diese Einschätzung infrage gestellt.“Rollentausch im RatDagegen übernimmt jetzt EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel die Rolle des „Falken“, also des Befürworters einer strafferen Geldpolitik. Sie hebt hervor, um die Inflation wieder mittelfristig auf den Zielwert von zwei Prozent zu bringen, müsse die Notenbank die Zinsen weiter anheben.EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel prescht mit einem Plädoyer für weitere Zinserhöhungen vor.ReutersNicht alle im EZB-Rat fanden das offenbar gut, dass sie der EZB-Präsidentin öffentlich widersprochen hat. Noch vor einem Jahr war es der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann gewesen, der mit Vorliebe die Rolle des Falken übernommen hatte, dann aber noch energischer. Mit seinem Ausscheiden im vorigen September war die Rolle gleichsam vakant. Schnabel hatte zu Beginn ihrer Amtszeit im Ruf gestanden, eine „Taube“ zu sein, also eine Verfechterin einer eher lockeren Geldpolitik. Insgesamt entscheidet der EZB-Rat aber heutzutage viel mehr im Konsens als noch vor einigen Jahren. Richtiger Streit ist sehr selten geworden.Abkühlen in Portugal nach den heißen Tagen in Deutschland: Das Penha Longa Resort in Sintra ist auf dem Gelände eines früheren Klosters untergebracht.Picture AllianceDer Generationswechsel ist noch nicht vorbeiAuch einen neuen Vizepräsidenten hat die EZB. Der Kroate Boris Vujčić, Nachfolger des Spaniers Luis de Guindos, übernimmt in Sintra die Leitung gleich mehrerer Podiumsdiskussionen, eine besondere Ehre. In den regelmäßigen Zinspressekonferenzen der EZB dagegen ist seine Rolle eher überschaubar, der Vizepräsident bekommt von der Präsidentin meistens dann das Wort, wenn es irgendwie um Banken geht. Geldpolitisch äußerte der Kroate sich zuletzt eher falkenhaft: Die Inflation werde „länger höher“ bleiben, hob er hervor. Die Ansicht scheint im EZB-Rat weit verbreitet; nur die Konsequenzen scheinen noch weniger klar zu sein.Der neue Notenbankchef von Portugal, Álvaro Santos Pereira (links), kommt zusammen mit dem Gouverneur der Bank of Slovenia, Primož Dolenc (rechts).ReutersNeu mit dabei ist auch der portugiesische Notenbankenchef Álvaro Santos Pereira, der Nachfolger von Mário Centeno. Er vertritt in Sintra also gleichsam das Gastgeberland. Pereira sagt von sich selbst, dass er „definitiv keine Taube“ sei. Das hätte sein Vorgänger über sich vermutlich so nicht gesagt.Der Generationswechsel in der EZB ist aber noch keineswegs vorbei. Besonders spannend dürfte es werden, wenn im zweiten Halbjahr die Nachfolge für EZB-Chefvolkswirt Philip Lane geklärt wird. Seine Position in Sintra: Mögliche Zweitrundeneffekte aus dem Energiepreisanstieg brauchen Zeit, man solle sich nicht zu früh auf einen Zinskurs festlegen. Lane scheidet regulär im März 2027 aus, ewig dürften sich die Politiker also mit der Nachfolgefrage jetzt nicht mehr Zeit lassen, so ist zu hören. Lane ist nicht nur in besonderem Maße für den geldpolitischen Kurs der EZB prägend. Mit der Entscheidung für diesen Posten könnte auch schon darüber geredet werden, wer EZB-Präsidentin Lagarde im nächsten Jahr nachfolgen soll.Die Finanzmärkte jedenfalls erwarteten am Dienstag für die EZB noch einen weiteren Zinsschritt in diesem Jahr, aber wohl noch nicht unbedingt im Juli, wie Commerzbank-Ökonom Marco Wagner sagte: „Für die Fed preisen sie einen kompletten Zinsschritt ein – und noch ein bisschen darüber hinaus.“
Die neue Machtkonstellation in der EZB
Zum Notenbankerforum im portugiesischen Sintra trifft sich der EZB-Rat in neuer Zusammensetzung. In Deutschland ist die Inflation im Juni auf 2,3 gefallen, anderswo ist sie noch höher. Wie reagiert die Notenbank auf die hartnäckige Teuerung?








