Die Inflationsrate im Euroraum belief sich im Mai auf 3,2 Prozent. Das hat das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg am Dienstag auf Grundlage einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im April hatte die Rate 3,0 Prozent betragen, nach 2,6 Prozent im März.Damit dürfte der Weg frei sein für die erste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) seit September 2023. Die Notenbank dürfte am 11. Juni ihre mittelfristigen Inflationsprognosen anheben und damit eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte begründen. Der wichtigste Leitzins, der Einlagensatz, stiege damit auf 2,25 Prozentpunkte.In Deutschland sinkt die InflationsrateJe nach Euroland ist die Situation unterschiedlich. In Deutschland war die Inflationsrate nach dem Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI), der für Vergleiche mit anderen Ländern verwendet wird, im Mai sogar von 2,9 auf 2,7 Prozent gesunken. Dahinter steckte wohl vor allem der Tankrabatt, der die Inflationsrate in Deutschland im Mai und Juni nach Berechnungen der Bundesbank unter sonst gleichen Umständen um 0,25 Prozentpunkte drückt.In Frankreich kletterte die Inflationsrate im Mai auf 2,8, in Italien auf 3,3, in Spanien auf 3,6 und in Österreich auf 3,7 Prozent.Die EZB strebt ein Inflationsziel von mittelfristig zwei Prozent an. In Fällen, in denen ausschließlich der Ölpreis für kurze Zeit steigt, kann sie eigentlich wenig machen. Eine Zinserhöhung könne ja nicht die Straße von Hormus öffnen und so für mehr Öl sorgen, gab Andreas Pischetsrieder von der Fürst Fugger Privatbank zu bedenken. Silke Tober vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) meint deshalb, es wäre ein Fehler, wenn die Notenbank im Juni die Zinsen anhebe.Viele Ökonomen denken da aber anders, und auch viele Mitglieder des EZB-Rates haben mittlerweile zu erkennen gegeben, dass sie für eine Zinserhöhung im Juni plädieren.Inflationserwartungen und NachfrageDie Befürworter nennen zwei Mechanismen, wie die EZB in einer solchen Situation die Inflation bekämpfen kann, auch wenn sie am Ölpreis unmittelbar wenig zu ändern vermag: Das eine sind die Inflationserwartungen, die durch Zinserhöhungen sinken können. Das andere ist die aggregierte Nachfrage, auf die Zinserhöhungen mit etwas Verzögerung wirken. Wenn die Nachfrage gedämpft wird, fällt es Unternehmen nicht so leicht, steigende Kosten durch höhere Energiepreise an ihre Kunden weiterzugeben.Es gibt auch Ökonomen, die vertreten die Ansicht, eine Zinserhöhung im Juni wäre ein „Versicherungs-Zinsschritt“, mit dem sich die EZB gegen künftige Inflationsrisiken absichern könne. Diese Denkweise ist aber umstritten.EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagte am Montag auf einer Konferenz in Korea, die Notenbank könne die inflationären Folgen des Kriegs in Iran jedenfalls nicht länger ausblenden, da sich der Preisdruck über den Energiesektor hinaus ausweite und das Risiko steigender Inflationserwartungen zunehme: „Wir können diesen Schock nicht länger ignorieren.“ Ähnlich hatte sich Bundesbankpräsident Joachim Nagel für den Fall geäußert, dass es keine unerwarteten Entwicklungen gebe.EZB-Chefvolkswirt Philip Lane kündigte an, dass die Notenbank ihre Inflationsprognose werde erhöhen müssen. Es sei davon auszugehen, dass die Ölpreise im Vergleich zu den Annahmen der Notenbank vom März über einen längeren Zeitraum auf erhöhtem Niveau blieben.Selbst der griechische Notenbankchef Yannis Stournaras, der sonst als Taube gilt, also als Verfechter einer lockeren Geldpolitik, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Um die Glaubwürdigkeit der EZB und unserer Reaktionsfähigkeit zu wahren, werden wir die Zinsen im Juni wahrscheinlich anheben müssen.“Sparer verlieren zum Teil GeldFür Sparer und Hausbauer könnte ein solcher Schritt tendenziell höhere Zinssätze bedeuten; allerdings hatten die Märkte eine Zinserhöhung zuletzt schon weitgehend „eingepreist“, wie Analysten sagen. Dann wären die Auswirkungen wohl nicht gewaltig.Für Tagesgeld gab es nach Zahlen der FMH-Finanzberatung am Dienstag im Schnitt 1,59 Prozent Zinsen, für Festgeld auf ein Jahr 2,19 Prozent. Weil die Inflation jetzt relativ hoch ist, schrumpft auf vielen festverzinslichen Konten das Vermögen trotz der Zinsen nach Inflation.Für Hypothekendarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung zahlte man zuletzt 4,04 Prozent. Dieser Wert hatte unlängst die Marke von vier Prozent überschritten.Die schon recht detailliert veröffentlichten Inflationszahlen aus Nordrhein-Westfalen zeigen, dass die Teuerung zum überwiegenden Teil noch durch Energie und Öl getrieben wurde.Die Kraftstoffpreise stiegen auf Jahressicht um 14,4 Prozent, der Preis für Heizöl legte um 26,9 Prozent zu. Bei den Lebensmitteln war die Entwicklung unterschiedlich. Spürbar teurer geworden war beispielsweise Obst mit plus 4,2 Prozent, Milch und Eier dagegen wurden billiger.