„Der Kaufvertrag! Dieses Wort traf mich wie ein Schlag. So wurde ich am Ende doch noch verkauft.“ Zehn Jahre, nachdem ihr die Flucht aus der Sklaverei gelungen war, musste ihre New Yorker Arbeitgeberin Harriet Jacobs 1852 freikaufen. „Dieser Kaufvertrag wird künftigen Generationen zeigen, dass Frauen in New York noch im 19. Jahrhundert Handelsware waren“, schrieb Jacobs in ihrem Buch „Incidents in the Life of a Slave Girl“.Als das Buch 1861 erschien, wurde es wie viele der sogenannten „slave narratives“, die von Männern stammten, in den Kreisen der Abolitionisten in den Nordstaaten breit gelesen. Doch später geriet es für viele Jahrzehnte in Vergessenheit oder wurde für das fiktionale Werk einer weißen Autorin gehalten. Harriet Jacobs hatte ihren autobiographischen Text, der sich literarischer Mittel bediente, unter dem Pseudonym Linda Brent veröffentlicht, die Namen von Verwandten wie Sklavenhaltern hatte sie geändert.Der 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung, mit dem die Sklaverei abgeschafft wurde, wird im Nationalarchiv ausgestellt.dpaErst vor vierzig Jahren rekonstruierte die Literaturwissenschaftlerin Jean Fagan Yellin in jahrelanger Archivarbeit Jacobs’ Geschichte. Yellin wies nach, dass Jacobs das Buch selbst geschrieben hatte und dass es ihr Leben erzählte. Heute gilt es neben Frederick Douglass’ Autobiographie als eines der wichtigsten Zeugnisse eines ehemals versklavten Menschen.Sexuelle Gewalt war alltäglichJacobs wurde 1813 in Edenton, North Carolina, geboren. Die Weißen, die ihre Familie versklavten, waren Besitzer einer Gaststätte. Als Kind gelang es Jacobs dank der Tochter des Barbesitzers, lesen und schreiben zu lernen. Nach deren Tod wurde sie an eine minderjährige Tochter des Arztes James Norcom „vererbt“. Norcom bedrohte und belästigte Jacobs jahrelang sexuell. Jacobs schilderte in ihrem Buch, dass Vergewaltigungen und erzwungene Schwangerschaften für versklavte Mädchen und Frauen alltäglich waren. Die Sklaverei sei schrecklich für Männer, aber noch schlimmer sei sie für Frauen, schrieb sie. Um sich vor Norcoms Drohungen zu schützen, ging Jacobs eine Beziehung mit einem anderen weißen Mann ein, von dem sie zwei Kinder hatte.Als Norcom drohte, ihre Kinder auf seiner Plantage einzusetzen und zu verkaufen, versteckte sich Jacobs. Fast sieben Jahre verbrachte sie eingezwängt in einem Zwischenraum über dem Haus ihrer Großmutter, die aus der Sklaverei freigekauft worden war. Ihr Verschlag war so niedrig, dass Jacobs weder stehen noch aufrecht sitzen konnte. Im Jahr 1842 gelang ihr die Flucht über Philadelphia nach New York, wohin auch beide Kinder mit Hilfe ihres Vaters entkommen waren. Jacobs half ehemaligen Versklavten, gründete gemeinsam mit ihrer Tochter später eine Schule in Alexandria und setzte sich bis zu ihrem Tod 1897 für die Rechte der Schwarzen ein.Jacobs’ Buch gilt heute als eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte afroamerikanischer Frauen. Es zeigt daneben aber auch die Reichweite und Bedeutung der Sklaverei für die gesamte Nation. Der Norden war Zufluchtsort für viele Entflohene wie Jacobs, profitierte aber zugleich wirtschaftlich vom Sklavenhaltersystem.New Yorker Banken finanzierten Plantagen, Versicherungen erkannten versklavte Menschen als Eigentum an, Reedereien transportierten Baumwolle, Textilfabriken verarbeiteten sie. Die nationalen „Fugitive Slave Acts“ von 1793 und 1850 verpflichteten auch die nördlichen Staaten, das Eigentumsrecht der Sklavenhalter durchzusetzen und Jagd auf Flüchtlinge zu machen. Wer Menschen wie Jacobs half, konnte bestraft werden. Ihr Text erinnert daran, dass die Sklaverei auch nach ihrer Abschaffung in den nördlichen Staaten ein national verflochtenes System blieb.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.