Public Viewing im Werksviertel1400 Menschen finden vor der großen Leinwand im Werksviertel Platz. Sie ist so groß, dass auch die Mitarbeiter in den umliegenden Bürogebäuden etwas von den Spielen haben – und die Besucher eines nahegelegenen Fitnessstudios, Schwimmbad inklusive. Fußballgenuss auf der Terrasse mit lässig um die Hüfte geschwungenem Handtuch, das hat was. Bei allen Gruppenspielen der deutschen Nationalelf war das Public Viewing so voll, dass irgendwann niemand mehr hineingelassen wurde. Im Sechzehntelfinale kam alles ganz anders.800 Schaulustige versammelten sich zum ersten Spiel des Montags, Brasilien gegen Japan. Dann kam das große Gewitter und der Platz wurde geräumt. Nach dem Gewitter und einem Anruf beim Deutschen Wetterdienst gab es dann Entwarnung: Es durfte wieder weitergehen. Zum Anpfiff des ersten K.o.-Runden-Spiels der deutschen Nationalmannschaft versammelten sich aber nur etwa 70 Menschen auf der weiten Fläche. Vor den immer noch dicken Tropfen suchten sie Schutz unter den zehn großen, am Rande aufgespannten Sonnenschirmen. Wer gänzlich vor dem Wetter flüchten wollte, konnte in den zahlreichen Bars rundum auf Nummer sicher gehen. René Hofmann René HofmannDem Wetter entsprechend war die Stimmung. Paraguays Führungstreffer wurde von der zusammengekauerten Menge reglos zur Kenntnis genommen. Erst mit dem Ausgleich durch Kai Havertz erwachte auch in der überschaubaren Zuschauergruppe der Kampfgeist. Je dramatischer es wurde, desto mehr.Deutsches Aus bei der Fußball-WM:Die nächste BlamageDrei verschossene Elfmeter: Deutschland verliert dramatisch, aber völlig verdient gegen Paraguay und muss auch dieses WM-Turnier vor dem Achtelfinale verlassen. Dabei wollte der Bundestrainer doch Weltmeister werden.Als in der Verlängerung der Regen nachließ, versammelten sich die einander offenbar weitgehend fremden, weitgehend jungen Menschen in der Mitte um die Biertische, auf denen das Wasser so hoch stand, dass sich das mächtige Magenta-TV-Bild darin spiegelte. Und als es ins Elfmeterschießen ging, formte sich eine Menschenwand. René Hofmann René HofmannSchulter an Schulter, die Arme umeinander gelegt: Das dämpfte die Enttäuschung über die Fehlschüsse von Kai Havertz und Nick Woltemade – und heizte die Freude an über die Rettungstat von Manuel Neuer gegen Fabian Balbuena.Doch die Ekstase währte nur kurz. Als das Aus feststand, schrie einer: „Wie kann man nur so blöd sein.“ Zeit zur Trauer? Blieb kaum. Schnell kamen die Ordner unter Regenponchos und baten alle nach draußen. Game over!Hofbräukeller am Wiener PlatzSpontan doch noch eine Indoor-Leinwand finden, um dem drohenden Gewitter zu entgehen? Mit einer 13-köpfigen Gruppe ein paar Stunden vor Anpfiff kein leichtes Unterfangen. Alles schon ausreserviert, heißt es aus mehreren Kneipen. Im Hofbräukeller dann ein Erfolg: ein Tisch um 21 Uhr, zwar nur für zehn Personen, aber immerhin. Wenn man sich ganz lieb habe, sagt der Mann am Telefon, könnte es trotzdem klappen. Dann muss eben gekuschelt werden.Als die Hymne beginnt, hört man davon nichts, die Gespräche im Raum überlagern den Ton. Geklatscht wird danach trotzdem. Nach Anpfiff wird das nicht viel anders: So richtig fesseln kann die Nationalmannschaft hier erst mal noch niemanden – außer vielleicht den Mann am Nachbartisch, der in den ersten Minuten bei jedem Schuss in die grobe Torrichtung anerkennend klatscht.Nach der Trinkpause wird die Aufmerksamkeit größer, das kollektive Aufstöhnen mit jeder missglückten Aktion lauter. Und dann das Gegentor: kaum Reaktion. Den Rückstand will hier noch niemand so recht zu glauben.Nach der Pause steigt die Verärgerung. Der deutsche Ausgleichstreffer kommt unerwartet, umso heftiger entlädt sich der Jubel. Plötzlich ist die Stimmung im Raum ganz anders, die Hoffnung ist zurück – zumindest bis zur Verlängerung.Der Frust steigt wieder, erst recht, als die vermeintliche Erlösung doch wieder aberkannt wird. Kurz vor Ende springt am Nachbartisch jemand im Trikot von Kai Havertz auf, schlägt wütend auf den Tisch. „Wenn der mal auf dem Feld so viel Energie hätte“, heißt es von gegenüber.Was dann kommt, ist nur noch eine Achterbahn. Als Neuer einen Elfmeter hält, explodiert der Raum in Jubel. Und trotzdem, zwei Minuten später: nur frustrierte Stille.Bräuhaus am KapuzinerplatzGut 1000 Zuschauer hatten sie hier im Biergarten schon vor der Leinwand sitzen. Dass es an diesem Montagabend unter freiem Himmel nass, sogar sehr nass werden würde, haben Wirt Zeno Kratzer und sein Team am Nachmittag dem Wetterbericht entnommen und sich vorbereitet: Auf sieben Bildschirmen in allen Gastsälen kann man hier das Waterloo der deutschen Fußballelf verfolgen.Die Fernseher sowie die Leinwand mit Beamer aber laufen nicht ganz synchron, was vor allem bei den Toren zu verzögerten Reaktionen und gruppendynamischen Irritationen führt. Wäre nicht schlimm, wenn das Tor von Jonathan Tah in der Nachspielzeit gezählt hätte. Mark Siaulys PfeifferWirtz, Woltemade, Harvertz und Musiala sind im Raum zu sehen. Auch Schweinsteiger und Kroos, sitzt da nicht sogar Matthäus in der Menge? Die überwiegend weißen Oberteile machen sich gut vor den holzvertäfelten Wänden. Aber geholfen hat es letztlich nicht, dass die meisten Gäste in Trikots und viele mit den Namen ihrer Helden auf dem Rücken gekommen sind. Sie waren gut vorbereitet, aber letztlich nicht auf das Ende dieses emotionalen Abends. Mark Siaulys PfeifferUm 1.27 Uhr schreit der Chor der Fans noch einmal lauthals für ihr Land und trommelt auf Tischen und Stühlen. Eine Minute später dann, als Tah die letzte Chance vergibt und den Elfmeterball in den Himmel schießt, folgt stille Fassungslosigkeit.Müde Augen schauen auf Handyuhren und Busfahrpläne. „Auf mich warten Frau und Baby“, sagt einer, ein anderer: „Ich muss in vier Stunden zur Arbeit.“ Hängende Köpfe, fahle Gesichter, Fußballdeutschland ist schwer enttäuscht.