InterviewTocqueville hat vor 200 Jahren die Demokratie in Amerika analysiert. Wie würde er die USA unter Trump sehen?Alexis de Tocqueville reiste 1831 in die USA und schrieb eine der bedeutendsten Demokratie-Analysen der Geschichte. Einen Präsident wie Trump hätte er kaum für möglich gehalten, sagt der Politologe Oliver Hidalgo.30.06.2026, 05.30 Uhr10 LeseminutenDie Religion spielt in den USA eine grosse Rolle. Doch wenn sie zur politischen Heuchelei verkomme, gefährde sie die Demokratie, mahnte Alexis de Tocqueville schon im 19. Jahrhundert.Jan Banning / PanosAls der Franzose Alexis de Tocqueville 1831 nach Amerika segelte, reiste er in die Zukunft. Er fand dort ein Gesellschaftssystem vor, das sich in Europa erst viele Jahrzehnte später durchsetzen sollte. Tocqueville war begeistert. Er sah, wie die Demokratie die Menschen gleich machte. Sie gab ihnen Chancen, die sie im alten Europa nicht hatten. Doch Tocqueville erkannte auch deren Schwächen. Er verstand, dass es eine Demokratie ohne Demokraten nicht geben kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zurück in Europa, fasste er seine Gedanken zusammen. Noch heute gehört seine Demokratie-Analyse zum Standardwerk an den Universitäten, Amerika wurde zum Vorbild für viele. Im Juli feiern die USA ihren 250. Geburtstag, doch der Glanz ist fort. Mit Donald Trump regiert sie ein Präsident, der umstritten ist. Viele befürchten, er gefährde die Demokratie. Wie würde Tocqueville das sehen?Der Politikwissenschafter Oliver Hidalgo glaubt eine Antwort zu haben. Er ist Herausgeber des wissenschaftlichen Tocqueville-Handbuches und überträgt in seiner Forschung die Gedanken des Demokratie-Theoretikers immer wieder auf die Gegenwart. Hidalgo ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie an der Universität Passau.Als Tocqueville 1831 in die USA reiste, war er von der Demokratie dort begeistert. Wäre er das heute auch, Herr Hidalgo?Nein, auf keinen Fall.Oliver HidalgoPDWarum?Es würde Tocqueville befremden, wie amerikanische Politiker das Christentum missbrauchen. Trump inszeniert sich als Messias, und Hegseth zitiert ein fiktives Bibelzitat aus «Pulp Fiction». Tocqueville würde sich in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt fühlen.Welche sind das?Tocqueville war damals angetan davon, wie erfolgreich Politik und Religion in den USA verzahnt waren. Für die Amerikaner war ihr Glaube die Motivation, sich demokratisch zu engagieren. Zugleich funktionierte die Religion als Korrektiv der Macht, sie gab den Politikern moralische Leitlinien vor. Doch Tocqueville beobachtete auch eine Menge Heuchelei. Viele stellten ihre Frömmigkeit besonders zur Schau, um soziale Erwartungen zu erfüllen. Genau das tun heute auch Trump und seine Regierung. Sie lassen das Christentum zu einer Pseudoreligion verkommen.Tocqueville ist vor über 160 Jahren gestorben. Wie können Sie sich Ihrer Aussagen so sicher sein?Tocquevilles Analyse der amerikanischen Demokratie liest sich wie ein modernes Porträt der USA. Das institutionelle System des Landes ist heute dasselbe wie damals. Tocqueville hat die amerikanische Demokratie zudem nicht nur beschrieben, sondern zugleich ihre strukturellen Probleme analysiert. Es sind Probleme, die wir noch heute kennen: etwa, dass Politik vor allem von der Elite betrieben wird. Heutige Kommentare zur Krise der Demokratie lesen sich im Grunde wie eine Fortführung Tocquevilles.Weltweit?Was Tocqueville in Amerika beobachtet hat, gilt für die Demokratie allgemein. Er hat die Demokratie in ihren vielschichtigen Zusammenhängen beschrieben.Der Franzose Alexis de Tocqueville analysierte im 19. Jahrhundert die amerikanische Demokratie.Universal Images Group / GettyTocqueville war damals besonders von der Gleichheit der amerikanischen Bürger begeistert. Was würde ihm heute auffallen?Die Gleichheit war für Tocqueville die notwendige Voraussetzung für die Demokratie. Für ihn ist die Demokratie ein Gesellschaftssystem und kein Herrschaftssystem.Wie meinen Sie das?Die Gleichheit vor dem Gesetz war damals der grosse Unterschied zwischen der amerikanischen Demokratie und dem europäischen Feudalismus. In Europa entschied noch immer die Geburt über die Möglichkeiten eines Menschen, in Amerika sollte jeder durch Fleiss und Intelligenz alles erreichen können. Tocqueville verstand Gleichheit als Chancengleichheit. Doch er erkannte ein Problem für die Demokratie: Auch Geld entscheidet über die Möglichkeiten eines Menschen. Statt einer Aristokratie der Geburt fürchtete er nun eine des Geldes.Und die gibt es heute in den USA?Tocqueville war kein Sozialist, aber er würde heute die grosse Schere zwischen Arm und Reich kritisieren. Sie steht dem Gedanken von der Gleichheit der Bedingungen entgegen. Für Tocqueville wäre der American Dream mittlerweile zu einer Fassade verkommen. Die Menschen aus den unteren Schichten können kaum mehr aufsteigen, sind verschuldet und oft sozial nicht abgesichert. Das Gleichheitsversprechen der Demokratie gilt in den USA nicht mehr.Ist die amerikanische Demokratie deswegen in der Krise?Die Krise sitzt tiefer. Die Menschen sind unzufrieden und haben ihren positiven Blick auf die Zukunft verloren. Das macht sie empfänglich für Volksfürsten. Damit meint Tocqueville Populisten, die den Menschen einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten. Der Lösungsentwurf der einen macht die anderen zu Sündenböcken, irgendwann stehen sich die Menschen unversöhnlich gegenüber. Der Populismus führt zur Polarisierung der Gesellschaft.Ist Donald Trump ein Volksfürst?Trump gehört zur etablierten Klasse, also nein. Trotzdem, Tocqueville hätte es kaum für möglich gehalten, dass jemand wie Trump Präsident wird.Warum?Tocqueville hätte zwar damit gerechnet, dass sich die Menschen in einer Demokratie ins Private zurückziehen und die Politik anderen überlassen, aber nicht, dass sich die Amerikaner so polarisieren, dass sie ihren Sinn fürs Gemeinsame verlieren. Die Menschen dort haben verlernt, sich auf produktive Weise politisch auseinanderzusetzen.Was hat Trump damit zu tun?Trump ist ein Symptom der polarisierten Gesellschaft. Er konnte nur Präsident werden, weil die USA so gespalten sind. Um ihn loszuwerden, hätten die gesellschaftlichen Lager und Parteien zusammenarbeiten müssen. Das tun sie aber nicht mehr. Die politischen Fronten sind derart verhärtet, dass viele Menschen lieber Trump akzeptieren, als dem politischen Gegner irgendeinen Erfolg zu gönnen. Nun hat Trump extremistische Meinungen mehrheitsfähig gemacht.Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke für die Polarisierung?Medien sind wichtig für eine Demokratie, nur so kann eine öffentliche Meinung entstehen. Das erkannte bereits Tocqueville. Doch er sah auch eine Gefahr in ihnen. Die öffentliche Meinung ist abstrakter als das persönliche Gespräch mit einem Gegenüber. In dieser Anonymität kann ein Konformitätsdruck entstehen, der Abweichungen von der gefühlten Norm mit Ausgrenzung quittiert. In den sozialen Netzwerken sprechen wir heute von Shitstorms und «moral panic». Diese tragen massgeblich zur gesellschaftlichen Polarisierung bei.Haben die Tech-Konzerne zu viel Macht?Das würde Tocqueville auf jeden Fall so sehen. Die Tech-Milliardäre können mit ihren Plattformen ihren Willen durchsetzen, sie unterliegen quasi keiner Kontrolle mehr. Für Tocqueville muss Macht immer auf Gegenmacht treffen, nur so kann eine Balance entstehen. Zugleich sollten die Mächtigen transparent agieren. Ihre Algorithmen halten die Tech-Milliardäre aber geheim.Donald Trump umgarnt die Tech-Milliardäre, die ihm wohlgesinnt sind.Trump und die Tech-Milliardäre verfolgen ihre Interessen, instrumentalisieren dafür den Staat und profitieren voneinander. Trump versucht die öffentliche Meinung zu steuern. Damit erodiert die Demokratie, weil sie sich ihrer eigenen Grundlage beraubt: einer freien Öffentlichkeit.Manche Themen führen zu Shitstorms, andere nicht. Warum?Einer der grossen Streitpunkte in der amerikanischen Gesellschaft ist die Rassendiskriminierung. Schon Tocqueville hat vorausgeahnt, dass sie noch enormen Zündstoff bieten wird. Das sehen wir seit einigen Jahren.Die Bürgerrechtsbewegung gibt es doch schon viel länger.In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel getan. Ethnische Minderheiten haben heute viel mehr Chancen als früher. Aber was an Diskriminierung übriggeblieben ist, wirkt für die Betroffenen und viele andere umso unerträglicher. Sie wollen die letzten Relikte der Diskriminierung beseitigen. Andere wiederum verstehen diesen Aktionismus nicht oder wollen schlicht ihre Privilegien behalten. Nun kommt es zu heftigen Konflikten. Wir können hier den Tocqueville-Effekt beobachten.Den was?Tocqueville hat anhand der Französischen Revolution analysiert, dass eine Revolution meistens erst dann ausbricht, wenn es zuvor Reformen gegeben hat. Das französische Volk erhob sich, als sich der Staat zu liberalisieren begann. Das Volk erkannte, dass es nun etwas erreichen kann. Zugleich machen positive Veränderungen Lust auf mehr. Das sehen wir zum Beispiel auch bei der Woke-Bewegung. Queere Menschen haben heute mehr Rechte denn je. Jetzt fordern sie eine völlige Akzeptanz von Staat und Gesellschaft, was vielen zu weit geht. Auch hier sind die Konflikte heftig.Hat Tocqueville die identitätspolitische Spaltung vorausgesehen?Nicht wirklich. Er dachte, die Demokratie sei ein System, das die Gesellschaft mit sich versöhnt. Wenn alle gleiche Chancen und Rechte haben, werde es keine Umstürze mehr geben.Wie würde er den heutigen Zustand der amerikanischen Demokratie bewerten?Als Tocqueville 1831 nach Amerika reiste, war das Land in weiten Teilen eine liberale Demokratie. Heute würde er wohl sagen: Amerika hat sich in eine versteckte despotische Demokratie verwandelt. Tocquevilles Befürchtungen sind damit eingetreten, dass die destruktiven Kräfte stärker sind als die liberalen.Aber die Demokratie in den USA funktioniert doch noch. Es gibt eine Gewaltenteilung, es finden noch Wahlen statt.Es finden noch Wahlen statt, aber der Wettkampf ist nicht mehr unbedingt demokratisch. In der amerikanischen Demokratie hat sich, begünstigt durch das Wahlsystem, eine Mentalität von «The Winner takes it all» durchgesetzt. Tocqueville würde das die Tyrannei der Mehrheit nennen. Wer gewinnt, setzt seine Agenda ohne Rücksicht auf die anderen durch.Aber ist deswegen schon von Despotismus zu sprechen?Die Menschen respektieren einander nicht mehr und erkennen die Legitimität der Andersdenkenden nicht an. Damit beginnt die schleichende Erosion der Demokratie.Ist das nicht zu drastisch?Manche sagen, wenn Trump die Demokratie gefährde, müsse man ihn halt umbringen. Sie denken, wenn sie den Despoten stürzen, retten sie die Demokratie. Doch sie retten sie nicht. Es ist undemokratisch, den politischen Gegner auszuschalten oder die Partei der Gegner verbieten zu wollen. Die Demokratie darf undemokratische Mittel zu ihrem eigenen Schutz nur als Ultima Ratio einsetzen.Sind die demokratischen Institutionen Amerikas den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen?Die USA haben Nachholbedarf. Das Wahlsystem mit den Elektoren zum Beispiel ergab Sinn, als man noch mit der Kutsche nach Washington fahren musste. Heute braucht es das nicht mehr, der Nachteil der Wahlleute ist offensichtlich. Sie machen möglich, dass ein Präsident gar nicht von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt werden muss. Auch andere Institutionen haben Schwächen. Doch das ist im Grunde zweitrangig.Wie meinen Sie das?In der Demokratie geht es vor allem um die demokratische Gesinnung. Darum, dass sich alle an die Werte, Normen und ungeschriebenen Gesetze halten. Als Trump zum Beispiel am Ende seiner ersten Amtszeit noch schnell eine neue ultrakonservative Richterin im Supreme Court installiert hatte, fügte er der Demokratie mehr Schaden zu als jede noch so in die Jahre gekommene Institution.Warum?Keine Verfassung kann so gestaltet sein, dass sie vor illiberalen Demokraten geschützt ist. Jede Verfassung hat ihre Schwächen. Dinge, die nicht geregelt sind. Über Jahrhunderte hat es in den USA einen Konsens gegeben, diese Schlupflöcher nicht für den eigenen Vorteil auszunutzen. Wenn sich dieser Konsens auflöst, bricht die Demokratie zusammen.Woran denken Sie?Momentan diskutieren die USA über das Gerrymandering. Die Parteien versuchen die Wahlkreise zum eigenen Vorteil zu verschieben, der eigentliche Wählerwille zählt kaum noch. Hier sind wir wieder beim Problem der Gesinnung: Es finden noch Wahlen statt, doch der Wettkampf ist nicht mehr fair und demokratisch. In der Forschung nennen wir das den kompetitiven Autoritarismus. Die Demokratie wird von den Mächtigen so weit ausgehöhlt, dass sie ihnen enorme Vorteile verschafft.Diese Entwicklung lässt sich auch in Europa beobachten.Ja, leider.Warum ist es so weit gekommen?Ähnlich wie in den USA haben die Europäer ihren Optimismus verloren. Sie glauben selbst nicht mehr daran, dass die Demokratie das bessere System ist. Im Wettstreit mit Russland und China argumentieren einige, dass man die eigenen Grundsätze überdenken müsse. Man solle mit den gleichen Mitteln wie die Autokraten agieren. Das ist fatal. Wenn wir selbst nicht mehr daran glauben, dass faire Regeln wichtig sind, wer soll sie dann durchsetzen?Sagen Sie es mir.Zweifel sind gut für eine Demokratie, sie ermöglichen Veränderungen. Doch wenn wir unsere Werte einfach an das Weltgeschehen zwischen Amerika, Russland und China anpassen, hat die Demokratie verloren.Warum entwirft Europa nicht einen eigenen Plan für die neue Weltordnung?Tocqueville hat die grösste Schwäche der Demokratie erkannt: Es fällt ihr schwer, Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Politiker sind an Wahlzyklen gebunden, sie denken über ihre Amtszeit meist nicht hinaus. Demokratien neigen dazu, die Gegenwart bloss zu verwalten. Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft finden sie selten. Momentan sind die Herausforderungen gigantisch, ob beim Klimawandel oder der Rente. Die Menschen sind frustriert.Was lässt sich dagegen tun?Die Politik muss Lösungen finden – und sie auch richtig kommunizieren. Tocqueville befürchtete, dass sich in einer Demokratie am Ende nicht jene Politiker durchsetzen werden, welche die besten Fähigkeiten haben. Sondern diejenigen, die am lautesten brüllen. Wir müssen uns alle dafür einsetzen, damit er nicht recht behält.Wie denn?Tocqueville sprach damals davon, dass Demokratien gewisse intermediäre Institutionen etablieren müssten. Er meinte damit einen starken Rechtsstaat oder freie Medien. Also Institutionen, welche die gesetzgebende Gewalt kontrollieren. Heute würde er wohl von Resilienz sprechen: von der Fähigkeit der demokratischen Gesellschaft, sich vor ihren negativen Auswüchsen selbst zu schützen. Tocqueville würde den Menschen heute raten, sich mehr für die Demokratie einzusetzen. Sie nicht einfach kampflos dem Zeitgeist zu überlassen.Hätte er Hoffnung, dass die liberale Demokratie den Konflikt mit dem Autoritarismus übersteht?Ganz sicher. Tocqueville war ein analytischer Geist. Er würde sehen, was die Welt die vergangenen 200 Jahre geschafft hat. Amerika hat die Sklaverei abgeschafft, Europa hat den Feudalismus überwunden. Tocqueville würde für einen nüchternen Blick auf die Dinge plädieren. Und darauf pochen, nicht alles zu negativ zu sehen. Alarmismus trägt nicht zur Resilienz der Demokratie bei, lösungsorientiertes Denken schon.Oliver HidalgoReligion als SchlüsselthemaOliver Hidalgo ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie an der Universität Passau und Herausgeber des wissenschaftlichen Tocqueville-Handbuches. In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit Demokratietheorie, der Politischen Ideengeschichte sowie dem Verhältnis von Politik und Religion. Dafür überträgt er immer wieder die Gedanken Tocquevilles auf die Gegenwart. In seiner Dissertation im Jahr 2005 identifizierte er die Religion als Schlüsselthema Tocquevilles und blickte damit auf das bis heute herrschende Dilemma der Verbindung von Politikund Religion in der westlichen Demokratie.Passend zum Artikel