250 Jahre nach der Gründung der USA fragt sich im Westen so mancher: Werden wir Amerika je wieder vertrauen?Historisch gesehen ist die Ära Trump ein Ausreisser in der langen Geschichte der USA – wenn auch nicht der erste. Seine Präsidentschaft bricht mit den Idealen der Gründerväter. Wie die neuen Technologien heute den öffentlichen Diskus verändern, wäre für die Verfassungsgeber ein Albtraum.21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZIn den Wochen, in denen Donald Trump das Recht des Stärkeren und der Grossmäuligen mit einem Käfigkampf auf dem Rasen des Weissen Hauses feiert, steht ein schmächtiger Student vor der Abschlussklasse der Harvard University und sagt: «Eine Christin, ein Muslim und ein Jude gehen in eine Bar . . .» Was historisch riskant klingt, ist die Geschichte seiner Familie. Der Muslim heiratet die Christin. Sie haben eine Tochter, die mit einem Juden zusammenkommt, konvertiert – und deren Sohn, Noah Eckstein, 22 Jahre später an dieser Abschlussfeier auf der Bühne steht. Aufgrund seiner Erfahrungen in einer multireligiösen Familie hält er ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dem anderen zuzuhören: der anderen Religion, der anderen Ideologie: «Die Antwort auf Spaltung ist nicht Einigkeit, sondern der Versuch, zu verstehen.» Während Trumps Kraftmeierei die Schlagzeilen dominiert, klicken gleichzeitig Hunderttausende auf Social Media Ecksteins Rede an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herzliche Gratulation zum Geburtstag, Amerika! Willkommen im Land, wo die einen mit den Fäusten sprechen und die anderen mit dem Herzen, wo der Präsident Iran mit der Bombardierung ins Mittelalter droht und sich wenig später auf ein unvorteilhaftes Abkommen einlässt. An der Schwelle zum 250.Jahr ihres Bestehens scheinen die Vereinigten Staaten von Amerika – jahrzehntelang Leuchtturm des Westens – unberechenbarer und widersprüchlicher denn je.Und wir fragen uns bange: Welches Amerika wird sich durchsetzen? Werden wir dem Land jemals wieder vertrauen können?Die Macht spricht für den Präsidenten Trump, doch die Geschichte für den Studenten Eckstein.«Die USA bildeten sich im Gegensatz zu anderen Nationen nicht auf Basis einer gemeinsamen Herkunft oder Ethnie, sondern auf einem Set von Idealen», sagt David Greenberg, Historiker an der Rutgers-Universität. 13 Kolonien sagten sich in der Unabhängigkeitserklärung 1776 von der englischen Krone los mit den Worten: «Wir halten die Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich erschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, worunter das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück sind.»Freiheit und Selbstbestimmung als Staatsräson: Es ist die Geburtsstunde der liberalen Demokratie, die die Welt verändern wird.Teil des amerikanischen Selbstverständnisses ist von Anfang an auch der Glaube, ein moralisches Vorbild für andere zu sein: «The Shining City upon a Hill», wie der frühere US-Präsident Ronald Reagan Jahrhunderte später, angelehnt an die puritanischen Siedler, gerne sagte. Dabei gingen die Gründer keineswegs von einem utopischen Menschenbild aus, sondern von der fehlerhaften menschlichen Natur, die durch eine Regierung mit Gewaltenteilung in Schach gehalten werden musste.Für den Historiker Yuval Harari hat dieses demokratische Werteset entscheidende Folgen: In Europa und Amerika ersetzten fortan Kooperation und Selbstkorrektur die Macht und die starren Hierarchien der aristokratischen Gesellschaft als Organisationsmodell. Und sie ermöglichten – nach schlimmen Rückfällen in die Tyrannei – einen nie da gewesenen Wohlfahrtssprung. Nichts illustriert diese Entwicklung besser als die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner das Nützliche mit dem Hehren verbanden: Sie bauten Europa wieder auf, wovon im Westen alle profitierten – und schufen gleichzeitig ein freiheitliches Bollwerk gegen den Kommunismus.Eine Kultur von rebellischen IndividualistenAmerika als Leuchtturm. Die amerikanischen Ideale schlugen sich auch in einem «Way of Life» nieder, der die halbe Welt inspirierte – oder aufregte. Eine Kultur von rebellischen Individualisten, die sich weigerten, zu akzeptieren, dass irgendwer besser oder irgendwas unmöglich ist, wie der Autor George Packer schreibt. Eine, die es Immigranten einfach machte, zu Italo-Amerikanern oder Griechisch-Amerikanern zu werden, solange sie viel arbeiteten. Aber auch eine Massenkultur, die unbekümmert und laut die ganze Welt in ihren Bann zog und überrollte.Natürlich ist die Geschichte der USA als einer auf Werten gebauten Nation auch Fiktion, eine gute Erzählung. Einem der Gründerväter, Alexander Hamilton, fiel nach einer Beleidigung im Wahlkampf nichts Besseres ein, als sich in aristokratischer Manier einem Duell zu stellen und erschossen zu werden. Und während Jefferson das Ideal der Selbstbestimmung hochhielt, arbeiteten in seinem Haushalt Sklaven. Selbstbestimmung war damals relativ: Frauen, Indianer und Schwarze waren nicht mitgemeint.Sogar als die Regierung nach dem Bürgerkrieg die Sklaverei ganz abschaffte, wurden im Süden Schwarze hundert weitere Jahre von Rechts wegen diskriminiert. Bis die Bürgerrechtsbewegung dem in den 1960er Jahren ein Ende setzte. Immer wieder eskalierte die Gewalt im Widerstand gegen gleiche Rechte.Dennoch beriefen sich US-Präsidenten auch bei ihren zweifelhaftesten Entscheidungen auf den Wertekanon der Unabhängigkeitserklärung. Führten sie wie im Irak oder in Vietnam einen nutzlosen Krieg, gaben sie vor, dies im Namen der Freiheit, der Demokratie zu tun. Und praktisch jeder von ihnen stimmte in den letzten 100 Jahren in die Jeremiade der moralischen Unzulänglichkeiten ein, die die Nation vom rechten Weg abbrächten. Dabei dominierte bis weit in republikanische Kreise ein Narrativ, das der Historiker David Greenberg «The Unfinished Nation» nennt. Es beschreibt das tief verankerte Ethos, dass die Ideale der Revolution noch nicht erfüllt, aber Fortschritte ein moralischer Imperativ seien.Dann kam Trump. «Make America Great Again» ist trotz der Anlehnung an die Vergangenheit keine Rückkehr zu den ideologischen Ursprüngen. Die Maga-Bewegung kommt ganz ohne Ideale aus, sie braucht nur ihren Propheten, der Amerika allein wegen seiner Macht für gesegnet hält. An die Stelle von Hoffnung und unbegrenzten Möglichkeiten treten Bedrohung und Einschüchterung. «Sie können so viel über internationale Höflichkeiten reden, wie Sie wollen, aber wir leben in einer Welt, die von Stärke regiert wird, von Gewalt und von Macht. Das sind die ehernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit», sagt Trumps enger Berater Stephen Miller.Aber ohne seine Grundierung in den demokratischen Idealen verliert der amerikanische Hegemon seine Leuchtkraft, an deren Stelle tritt «ein Blut-und-Boden-Nationalismus von Europas alten Monarchien und neuen Diktaturen», wie es Packer formuliert. Als dessen Chefpropagandisten sieht er Vizepräsident J. D. Vance, der im Hinblick auf die Bekämpfung der Einwanderung die gemeinsame Herkunft als Basis der amerikanischen Identität definiert – und nicht eine abstrakte Idee wie die Demokratie. Aus historischer Sicht sind Trump und die Maga-Bewegung damit Ausreisser, wenn auch nicht die Ersten, die das so zentrale nationale Selbstverständnis infrage stellen.Albtraum Social MediaDie Hoffnung von Trumps Gegnern liegt denn auch dort, wo der Präsident an den Grundwerten aus der Unabhängigkeitserklärung rüttelt. Darin, dass immer mehr Leute wegen der Jagd auf Immigranten oder der Ausdehnung seiner Entscheidungsbefugnisse die Freiheit gefährdet sehen und der den Amerikanern eigene Widerstand gegen die Obrigkeit wächst. Es ist kein Zufall, dass der Schlachtruf der Proteste «No Kings» heisst.Als eines der grössten Hindernisse erweist sich dabei, wie neue Technologien den öffentlichen Diskurs verändert haben. Für die Gründerväter war er das, was man heute «systemrelevant» nennen würde: Ohne gemeinsame Informationen, ohne Debatte unterschiedlicher Standpunkte keine Demokratie. Wie der Journalismusprofessor Jay Rosen im Magazin «Atlantic» schreibt, repräsentieren Social Media mit ihrem Tempo und ihrer Tendenz zu divergierenden Realitäten so etwas wie den Albtraum für die Gründerväter der USA. Denn wenn der Student Eckstein in Harvard heute zu Recht darüber klagt, dass keiner mehr versuche, den politischen Gegner zu verstehen, werden die Besucher von Trumps Käfigkampf seine Geschichte gar nie zu hören bekommen. Oder sie für erstunken und erlogen halten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Trump, Ideale und Vertrauen: Was bleibt nach 250 Jahren von der Idee der USA?
Historisch gesehen ist die Ära Trump ein Ausreisser in der langen Geschichte der USA – wenn auch nicht der erste. Seine Präsidentschaft bricht mit den Idealen der Gründerväter. Wie die neuen Technologien heute den öffentlichen Diskus verändern, wäre für die Verfassungsgeber ein Albtraum.










