«Wenn Trump das Weisse Haus verlässt, wird niemand mehr von einer Expansion nach Grönland oder Kanada sprechen»Die USA feiern ihr 250-jähriges Bestehen. Die ersten 100 Jahre davon führte Washington wiederholt Expansionskriege. Im Interview erklärt der Historiker Henry Brands den amerikanischen Drang nach Westen und warum Trumps Traum neuer Eroberungen ein Hirngespinst ist.14.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEine Mutter trägt ihr Kind während der Parade zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli in Brattleboro, Vermont.Kristopher Radder / APHerr Brands, vor 250 Jahren erklärten die USA ihre Unabhängigkeit. Der bekannteste Grund für die Revolution war ein Streit über Steuern. Aber es gab auch einen Konflikt über die territoriale Expansion der Kolonien. Worum ging es dabei?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die amerikanische Bevölkerung wuchs seit einem Jahrhundert schnell. Und die Siedler in Amerika erwarteten, ihr Territorium erweitern zu können. Sie hatten einen Krieg an der Seite Grossbritanniens gegen Frankreich geführt, mit dem Hauptziel, ein Gebiet jenseits der Appalachen zu kontrollieren: das Ohio Country. Sie kämpften in diesem Krieg, sie bezahlten Steuern für diesen Krieg, sie starben dafür, und sie gewannen den Krieg. Aber unmittelbar danach verbot die britische Regierung den Amerikanern, das Gebiet zu besiedeln. Sie wollte das Territorium aus Kostengründen nicht gegen indianische Stämme verteidigen. Die Amerikaner sagten sich: «Das mag gut für die Briten sein, aber nicht für uns.» Zum ersten Mal fiel ihnen ein, dass es ihnen besser ginge ohne Britannien.Henry W. Brands ist Professor für amerikanische Geschichte an der University of Texas in Austin. Zwei seiner zahlreichen Bücher waren für den Pulitzer-Preis nominiert.PDAlso ging es bei der Revolution auch um die Freiheit, neue Ländereien in Besitz zu nehmen, neuen Reichtum zu gewinnen?Teilweise ja. Die Reichen in Amerika sahen in der Expansion nach Westen eine Chance, um mit Land zu spekulieren. Sie kauften Eigentumsrechte für die neuen Gebiete im Westen. Zu ihnen gehörten bekannte Namen wie George Washington oder Benjamin Franklin. Sie hatten nicht die Absicht, dort selbst zu leben. Sie erwarben die Rechte für das Land, um es an tatsächliche Siedler zu verkaufen. Es ging ihnen darum, Geld zu verdienen. Die Siedler selbst wollten einen Ort zum Leben, wo sie eine Zukunft würden aufbauen können. Auf diese Weise verband die Expansion die Reichen und die Armen. Beide wollten davon profitieren. Und nun sagte ihnen London, dass sie dies nicht tun könnten.Wuchs die Bevölkerung in Amerika damals vor allem wegen der Zuwanderung oder wegen der hohen Geburtenrate?Aus beiden Gründen. Die gesundheitlichen Bedingungen in Amerika waren viel besser als in England oder anderswo in Europa. Die Familien waren gross, und die meisten Kinder überlebten bis ins Erwachsenenalter. Die natürliche Fortpflanzung spielte eine grosse Rolle, aber ebenso die Zuwanderung.Der Fortschritt Amerikas (John Gast, um 1872). Allegorische Darstellung des Manifest Destiny: Die Figur Columbia personifiziert die USA, die mit den Siedlern das Licht der Zivilisation nach Westen tragen und Indianer und wilde Tiere vertreiben.Library of Congress; PDBestand damals bereits die Vision, dass Amerika sich bis an die Westküste erstrecken und die sogenannte Frontier irgendwann den Pazifik erreichen sollte?In den 1760er und 1770er Jahren sprach niemand von einer Expansion bis an den Pazifik. Es ging um eine Ausdehnung über die Appalachen hinweg in den Westen des heutigen Pennsylvania und Virginia. Am Ende des Unabhängigkeitskriegs stimmte Grossbritannien zu, dass den Vereinigten Staaten sämtliches Land östlich des Mississippi gehören sollte. 1803, zwanzig Jahre später, kauften die USA von den Franzosen im sogenannten Louisiana Purchase das Gebiet zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains. Damit kontrollierten die Vereinigten Staaten drei Viertel des Landes von der Ostküste bis zur Westküste. Bis in die 1840er Jahre gab es keinen ernsthaften Versuch einer Expansion bis zum Pazifik.Das ist sehr viel neues Land. Reichte das an einem gewissen Punkt nicht aus, um die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung abzudecken?Nein. Sie werden überrascht sein. Die amerikanische Bevölkerung verdoppelte sich ungefähr von einer Generation zur anderen. Zudem waren die Amerikaner überwiegend Bauern. Und Bauern brauchen Land. Wenn die Grösse der Vereinigten Staaten nicht mit jeder Generation verdoppelt worden wäre, hätte das Land nicht mehr für alle ausgereicht. Und der Albtraum der Amerikaner war es, dass Amerika bald aussehen würde wie Europa. In ihren Augen hatte Europa ein Problem: zu viele Menschen im Vergleich zur Landfläche. Für sie waren die Bauern in Europa arm im Vergleich zu amerikanischen Bauern. Deshalb gab es diese Idee, dass wir ständig neues Land gewinnen müssen.Änderte sich das irgendwann?Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Menschen nicht mehr überwiegend Bauern. Sie wurden zu Arbeitern und Händlern. Die Expansion der Vereinigten Staaten endete in den 1860er Jahren, weil sie kein grosses Geschäft mehr war. Danach kamen nur noch kleine Stücke hinzu. Die Vereinigten Staaten wachsen nicht mehr geografisch, aber die Wirtschaft wächst weiter, und die Amerikaner beginnen Produkte in andere Länder zu exportieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigen die USA zum reichsten Land der Welt auf. Die territoriale Expansion interessierte niemanden mehr.Welche dieser Expansionen war in Ihren Augen die bedeutendste?Ich will mich nicht auf eine festlegen. Die Amerikanische Revolution bestätigte Amerikas Rechte auf das Land vom Atlantik bis zum Mississippi. Mit dem Krieg gegen Mexiko in den 1840er Jahren dehnten sich die USA auf Texas und bis nach Kalifornien aus. Zuvor gab es den Louisiana Purchase. Einerseits erfolgte die Expansion auf militärische Weise, anderseits durch Verträge. Oregon wurde zu einem Teil der USA, weil Siedler dorthin zogen, als seine Zugehörigkeit zwischen Amerika und Grossbritannien noch immer umstritten war. Plötzlich lebten dort Amerikaner, aber keine Leute aus Britannien. Und so sagten sich die Briten: «Okay, wir überlassen es den Amerikanern.» Und der Grund, warum die Menschen an die Frontier zogen, ist der gleiche, warum die Menschen heute in die Vorstädte ziehen: Sie konnten Land dort günstiger erwerben.«Kriegsnachrichten aus Mexiko» (1848) von Richard Caton Woodville: Der Krieg gegen Mexiko war der erste amerikanische Krieg, der intensiv von Massenmedien im ganzen Land dokumentiert wurde.Wikimedia; PDDie USA wandelten sich also grundlegend. Die Amerikaner waren nach dem Zweiten Weltkrieg die Architekten der Uno-Charta. Sie verbietet die gewaltsame Verschiebung von Grenzen. Doch nun spricht der Präsident Donald Trump wieder von einer Expansion nach Kanada, Grönland, Panama oder Venezuela. Ist das Zufall, oder knüpft Trump bewusst an die glorreiche Zeit der Frontier an?Ich gebe zu, dass ich keine Erklärung für das meiste habe, was Trump tut. Aber ich garantiere Ihnen, dass, wenn Trump das Weisse Haus verlässt, niemand mehr von einer Expansion nach Grönland oder Kanada sprechen wird. Das ist ein reines Hirngespinst von Donald Trump. Es gibt in der Bevölkerung keine Unterstützung dafür. Tatsächlich hat er viele seiner Anhänger in Verlegenheit gebracht. Sie verstehen, dass es eine lächerliche und kontraproduktive Idee ist.Trump will die dunkle Seite der amerikanischen Expansion nicht wahrhaben. Die Ureinwohner wurden in Reservate getrieben und ihrer Lebensweise beraubt. Ist das immer noch eine offene Wunde, die das Land spaltet? Oder können alle Amerikaner diesen 250. Geburtstag versöhnlich miteinander feiern?Heute streiten die Amerikaner über fast alles. Also streiten sie auch über dieses Thema. Aber auch der 200. Unabhängigkeitstag im Jahr 1976 wurde in einem Moment tiefster Zerrissenheit begangen. Das Land hatte gerade den Vietnamkrieg verloren. Der Watergate-Skandal zwang einen Präsidenten zum Rücktritt. Wir entdeckten, dass die amerikanische Regierung in Mordkomplotte gegen ausländische Staatschefs verwickelt war. Das internationale Finanzsystem lag in Ruinen. Das Land war also bereits damals gespalten. Gibt es eine besondere Gemütslage an diesem 250-Jahre-Jubiläum? Ich denke nicht. Wenn dem so sein sollte, dann am ehesten dieses Gefühl: «Meine Güte, 250 Jahre ist eine lange Zeit. Irgendetwas müssen wir richtig gemacht haben.» Aber darüber hinaus sind die Amerikaner vermutlich nicht in der Lage, sich darauf zu einigen, was wir richtig gemacht haben.Was könnte das Ihrer Meinung nach sein?Grundsätzlich hat sich jede amerikanische Generation gesagt: «Wir haben dieses System, mit dem wir versuchen, der Welt zu zeigen, dass Völker sich selbst regieren können. Jedes Mal, wenn jemand dies ändern wollte, bis hin zur Aufspaltung des Landes, sagten sich die Amerikaner: «Wir müssen dieses Experiment weiterführen.» Die Sache mit der Selbstregierung könnte morgen scheitern. Denn sie ist ein andauerndes Experiment. Es kann nie definitiv gelingen. Bis jetzt fühlte sich jede Generation verpflichtet, das Experiment weiterzuführen. Das ist das Fundament der USA: dieser Wille, im letzten Moment zu sagen, dass die Fortdauer des Experiments wichtiger sei als ein Wahlsieg oder die Verabschiedung eines bestimmten Gesetzes.Festbesucher sitzen auf einer Bank vor dem Riesenrad auf der Great American State Fair auf der National Mall in Washington.Graeme Sloan / EPAUnd wie zuversichtlich sind Sie, dass dieses Verantwortungsgefühl immer noch Bestand haben wird?Die vorsichtige Hoffnung überwiegt. Ich unterrichte an der Universität in Austin einen Einführungskurs zur amerikanischen Geschichte von ihrem Beginn bis zur Gegenwart. Am Ende des Semesters erinnere ich die Studenten daran, dass die Amerikaner ihnen ein System der Selbstregierung vermacht hätten. Und ich sage ihnen: «Jetzt gehört es euch, vermasselt es nicht.» Wissen Sie, wir Menschen tendieren dazu, Mist zu bauen. Deshalb müssen wir vorsichtig sein.Passend zum Artikel