Neun Jahre lang konnten Obdachlose in der B-Ebene der U-Bahnstation Eschenheimer Tor schlafen. Meist im Winter, zuletzt auch in heißen Sommernächten. Doch nun hat die Verkehrsgesellschaft Frankfurt das Arrangement zum 30. September gekündigt, denn der Mietvertrag mit den Betreuern vom Frankfurter Verein für soziale Wohnstätten gilt nur für das Winterhalbjahr. Wegen der „Gefahr für Leib und Leben“ müsse die Mietfläche jedoch sofort geräumt werden, was das Sozialdezernat vor enorme Herausforderungen stellt: „Wir müssen in Windeseile Schlafplätze für 150 Menschen organisieren“, sagt Dezernentin Elke Voitl (Die Grünen).In Krisensitzungen mit der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz werde zurzeit nach anderen Übernachtungsmöglichkeiten gesucht. Denn das Angebot der Stadt an Obdachlose, nicht nur in kalten Winternächten, sondern auch im heißen Sommer dort Zuflucht zu finden, sei bis zuletzt rege genutzt worden. Inzwischen sind die Temperaturen deutlich gesunken, doch schon für die nächste Woche erwarten Meteorologen wieder einen Anstieg auf mehr als 30 Grad.Die VGF begründete ihre Kündigung mit dem Brandschutz. Die Notübernachtungsstätte in der Station Eschenheimer Tor, die seit 2018 genutzt wurde, sei für einen Dauerbetrieb neu bewertet worden. Dabei habe sich gezeigt, dass selbst ein kleiner Brand für die Obdachlosen gefährlich sei, weil die Station schnell verrauche. Außerdem seien viele von ihnen oft krank und könnten im Notfall nicht so schnell fliehen. Die Notübernachtung sei vor acht Jahren von der Technischen Aufsichtsbehörde und dem Regierungspräsidium Darmstadt nur wegen der damals akuten Winternotlage genehmigt worden. Mittlerweile werde aber die B-Ebene fast ganzjährig genutzt.Ein Bild aus früheren Zeiten: Im Winter 2021 fanden Obdachlose an derselben Stelle ein Quartier für die Nacht.dpaVon dem in Auftrag gegebenen Brandschutzgutachten, das die VGF als Grund für die Kündigung anführt, habe man im Sozialdezernat gewusst, sagt Voitl. „Aber der Hintergrund war, dass wir in der Station Umbaumaßnahmen geplant hatten, damit die Situation für alle erträglicher wird.“ Insofern sei die harte Wendung bis hin zu einer sofortigen Räumung für sie sehr überraschend gekommen.Nicht nur bei Kälte als Zufluchtsort gefragtDie Notschlafstätte für Obdachlose war auch in der vergangenen Sommerwoche ein beliebter Zufluchtsort. Bis zu 150 Personen suchten dort jeden Abend Schutz vor der brütenden Hitze, betreut vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. Die Menschen bekamen dort nicht nur eine Matte und eine Decke zugeteilt, um auf dem Boden schlafen zu können, sagt Voitl: „Sie bekamen am Morgen auch ein Frühstück, Sonnenschutz, eine Mütze und Wasser.“ Und eine Beratung, wie sie sich bei den extremen Temperaturen im Freien schützen sollten, um keinen Hitzschlag zu bekommen. „Es geht darum, Menschenleben zu schützen“, so die Dezernentin.Ein Ausweichen in Notunterkünfte der Stadt ist nach Worten Voitls derzeit keine Option. Zum einen sei dort eine andere Klientel untergebracht, nämlich vorwiegend Familien. Zum anderen würden die Obdachlosen die ihnen vertraute Innenstadt nicht verlassen wollen. Wie sehr die Hitze die Menschen in der Stadt belaste, habe die Zahl der Einsätze der Feuerwehr gezeigt. Statt wie sonst rund 400-mal hätten die Nothelfer 800-mal am Tag ausrücken müssen, berichtet Voitl. Die vulnerablen Gruppen, zu denen die Obdachlosen zählten, seien besonders betroffen.Unverzügliche Räumung überrascht die DezernentenDer Aufforderung, die U-Bahn-Station bis zum Montagabend zu räumen, ist der Frankfurter Verein bis zum Nachmittag nachgekommen. Wolfgang Siefert (Die Grünen), der als Mobilitätsdezernent für die VGF zuständig und zugleich deren Aufsichtsratsvorsitzender ist, hatte die Vertragskündigung schon am Freitag kritisiert und an die gesellschaftspolitische Verantwortung des Unternehmens appelliert. Angesichts der unverzüglichen Räumung sagte er am Montag: „Es ist völlig inakzeptabel, dass die VGF von heute auf morgen bei dieser sommerlichen Wetterlage 150 Menschen vor die Tür auf die Straße setzt.“ Der mobilitätspolitische Sprecher der CDU, Frank Nagel, zeigte sich „irritiert“ darüber, dass es scheinbar keine Abstimmung zwischen der Geschäftsführung und dem Magistrat in dieser Frage gegeben habe.Die SPD-Fraktion forderte den Magistrat auf, schnell eine Alternative für die niedrigschwellige Übernachtungsmöglichkeit zu finden. „Die Sicherheit der dort nächtigenden Menschen hat absoluten Vorrang, und die U-Bahn-Station Eschenheimer Tor war immer nur als Übergangslösung gedacht“, so der SPD-Fraktionsvorsitzende Kolja Müller. Er sei verwundert, dass der Magistrat nicht längst nach einer Alternative gesucht habe. „Im Idealfall hätte man dann mit der Schließung gleich eine neue Lösung präsentieren können.“ Jetzt müsse wie so oft unter Zeitdruck gehandelt werden.Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD, Kristina Luxen, wies Kritik an der Verkehrsgesellschaft über die angekündigte Schließung der Übernachtungsmöglichkeit zurück. Kernaufgabe der VGF sei ein funktionierender und sicherer Nahverkehr und nicht die Unterbringung obdachloser Menschen. Angesichts der brandschutzrechtlichen Stellungnahme könne man froh sein, dass bisher nichts passiert sei.Die Fraktion BFF-DFRA-Freie Wähler sieht in dem Vorgang eine von Sozialdezernentin Voitl selbst verschuldete Krise. „Die Bedingungen in der B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor sind für die Obdachlosen selbst – ohne Toiletten und Waschgelegenheiten – menschenunwürdig und für die Fahrgäste unzumutbar“, so der Fraktionsvorsitzende Mathias Pfeiffer. Er erinnerte daran, dass voriges Jahr CDU, FDP und BFF-BIG in eigenen Anträgen den Magistrat aufgefordert hätten, die Notunterkunft aufzulösen und an einen besseren Standort zu verlegen. Jetzt müsse schnellstmöglich eine adäquate, ganzjährig nutzbare Notunterkunft geschaffen werden, die den hygienischen, sozialen und sicherheitstechnischen Anforderungen gerecht werde.