Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn man in seiner eigenen Branche als „der Schakal“ bekannt ist? Den Spitznamen hatte sich der berühmte Literaturagent Andrew Wylie eingehandelt, nachdem er in den 1990er-Jahren den Starautor Martin Amis einer anderen Agentin abgeworben hatte – mit dem Versprechen auf einen märchenhaften Vorschuss. Das war nicht die einzige unschmeichelhafte Bezeichnung, die Wylie sich im Verlauf seiner Karriere gefallen lassen musste. Der Verleger Roger Straus etwa nannte ihn in einem Interview einen „shit“, eine Beleidigung, die auch halb anerkennend gemeint war. Von einem Agenten erwartet man, dass er im Dienst seiner Klienten die Krallen ausfährt und die Zähne bleckt.Wylie ist ein Beispiel dafür, dass Literaturagenten, obwohl sie das literarische Leben der Moderne seit über 100 Jahren maßgeblich bestimmen, nach wie vor einen fragwürdigen Ruf besitzen. Handelt es sich nicht einfach um geldgierige Manager, die sich in das harmonische Verhältnis von Autorin und Verlag hineindrängen, um Unfrieden zu stiften? Nur um am Ende mit 15 Prozent des sauer erschriebenen Vorschusses, der für das Buch bezahlt wurde, durchzubrennen?Buchbranche:Wer verdient noch Geld mit Literatur?Während Einzelne für ihre Bücher hohe Vorschüsse kassieren, können sich viele das Leben als Schriftsteller kaum noch leisten. Eine aktuelle Debatte über Ungleichheit auf dem Buchmarkt, übersieht, was wirklich schiefläuft.Über die geheimnisvolle und umstrittene Figur des Literaturagenten hat die Literaturwissenschaftlerin Laura McGrath jetzt ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Middlemen. Literary Agents and the Making of American Fiction“ und wurde in den USA bei der Princeton University Press veröffentlicht. Eine Figur wie Wylie ist, wie McGrath zeigen kann, im literarischen Feld der USA eine deutliche Ausnahme. Zum einen sind die meisten Literaturagentinnen weiblich, zum anderen ist ihr Verhältnis zu den Autorinnen und Verlagen bedeutend kooperativer, weniger Schakal als freundlicher Schäferhund.Verlage erwarteten heute fast perfekte Manuskripte, sagt die Agentin Lynn NesbitDie wichtigste Funktion, die Agentinnen im literarischen Feld einnehmen, ist es, vielversprechende Manuskripte und Autorinnen an Verlage zu vermitteln. Sie stellen einen „Pitch“ zusammen, überlegen, welche Verlage am besten passen, und versuchen, möglichst hohe Vorschüsse und möglichst gute Konditionen zu verhandeln. Die Arbeit von Agentinnen geht aber über das reine Verhandeln und Verkaufen weit hinaus. Agentinnen sind Cheerleader ihrer Autorinnen, manchmal auch Vertraute oder gar Freunde. Zudem übernehmen Agentinnen inzwischen auch immer mehr Lektoratsaufgaben. Verlage erwarteten heute, sagt etwa die bekannte Agentin Lynn Nesbit, fast perfekte Manuskripte. Das sei früher nicht so gewesen. Und auch, wenn viele Verlagsmitarbeiter das sicher anders bewerten würden, verweisen solche Aussagen auf die steigende Bedeutung, die Agentinnen im literarischen Feld der Gegenwart einnehmen.Um diese Bedeutung zu analysieren, hat McGrath eine ganze Reihe von Interviews geführt. Dabei beschränkt sie sich auf das amerikanische Feld und auf solche Agentinnen, die sich vor allem auf Hochliteratur spezialisiert haben. Die Autorin ist ihren Akteuren auch in ihren Arbeitsalltag gefolgt, um ihnen in direkter Beobachtung das implizite Praxiswissen zu entlocken, quasi die Betriebsgeheimnisse der Profession. Dazu gehört das in der New Yorker Szene unglaublich wichtige Mittagessen („Lunch“), bei dem komplexe kommunikative Spiele zum Einsatz kommen, um das Buch an den Verlag zu bringen.McGrath fährt auch zur Frankfurter Buchmesse, um sich dort anzuschauen, wie die gerade für den amerikanischen Markt teilweise sehr lukrativen Auslandsrechte verkauft werden. Wie es sich für eine soziologische Studie gehört, sind die Akteure anonymisiert, allerdings nicht durchgängig. In jedem Kapitel wird auch eine berühmte Agentin als Protagonistin in den Mittelpunkt gestellt. Das sind vor allem Figuren, die in der New Yorker Szene legendären Status erlangt haben: neben Andrew Wylie etwa Lynn Nesbit, die Donald Barthelme oder Joan Didion vertrat – oder Candida Donadio, die Autoren wie Joseph Heller und Thomas Pynchon zu literarischem Erfolg verhalf.Lektoren oder Vertriebler haben großen Einfluss darauf, wie Bücher aussehenMcGraths Studie steht in einer Tradition literaturwissenschaftlicher Forschung, die die materielle Grundlage von Literatur in den Fokus rückt und sich dabei vor allem auf die zahlreichen unsichtbaren Akteure konzentriert, die an der Produktion und Distribution von Literatur beteiligt sind. Eine entscheidende Frage ist dabei die Frage nach der Macht. Verlagsmitarbeiter wie Lektoren oder Vertriebler haben großen Einfluss darauf, welche Bücher überhaupt gedruckt werden, aber auch wie diese Bücher aussehen. Clayton Childress illustriert in seiner Mikrostudie „Under the Cover“ am Lebensweg eines einzelnen Romans, wie stark von Anfang an zahlreiche Menschen an einem literarischen Werk zerren. Viele verschiedene Menschen haben viele verschiedene Vorstellungen davon, wie ein Buch aussehen sollte.Cover Middlemen Princeton University PressWas dieses Feld so interessant macht, ist, dass es einem grundsätzlichen Konflikt unterliegt. Wie Carolin Amlinger in ihrer grundlegenden Studie „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ gezeigt hat, handelt es sich bei Literatur um eine Ware, die alles tut, um nicht als Ware wahrgenommen zu werden. Um das Prestige der Literatur, ihre Autonomie und Reinheit nicht mit Kommerzfragen zu kontaminieren, hat sich im modernen Literaturbetrieb eine Arbeitsteilung etabliert: Hier die Autorin, die schreibt, dort die Intermediäre, die das schmutzige Geschäft des Produzierens, Vermarktens und Verkaufens übernehmen. Die literatursoziologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte, die diese Arbeitsteilung untersucht und infrage stellt, erscheint vor diesem Hintergrund auch als narzisstische Kränkung eines Feldes, das den kommerziellen Aspekt der Produktion immer verdrängt hat.Die Agentin ist vielleicht die Figur, die am deutlichsten zeigt, dass das Verkaufen eines Buches lange vor dem Veröffentlichen, sogar vor dem Schreiben selbst beginnt. Dabei ist es besonders wichtig, von Anfang an einen „Buzz“ um ein neues Buch und seine Autorin zu erzeugen, eine nervöse Erwartungshaltung also, die den Erfolg schon lange vor der Veröffentlichung gewährleisten soll. Der Literaturbetrieb erscheint aus dieser Perspektive als ein ziemlich hypeanfälliger Ort, in dem alle auf der Jagd nach dem nächsten großen Ding, nach dem nächsten Durchbruch sind. Gute Agentinnen sind in der Lage, diesen „Buzz“ zu erzeugen, indem sie alle verfügbaren medialen Kanäle nutzen, um ihre Autorinnen als das nächste Genie zu vermarkten.Man merkt bei der Lektüre von „Middlemen“, dass es nicht einfach ist, einen Beruf wissenschaftlich zu untersuchen, in dem Professionalität auf Diskretion beruht. Und McGrath ist das in ihrem Buch auch nicht durchgehend gut gelungen. Immer wieder hat man den Eindruck, dass sie sich von Menschen, die Profis im Verkaufen sind, ein zu harmonisches Bild hat verkaufen lassen. Es wirkt, als fehlten der Autorin manchmal die Nerven, etwas unsanfter mit ihren Akteuren umzuspringen, um so die interessanten literarischen Konflikte herauszuarbeiten, die ja ganz offensichtlich in der Figur der Agentin stecken. Das führt dazu, dass sich die Kapitel teilweise eher wie elegante Porträts im New Yorker lesen und nicht wie harte literatursoziologische Analyse. Man hätte etwa gerne viel mehr darüber erfahren, wie der Geschmack einer Agentin, der ja zwangsläufig durch die Frage „Kann man das verkaufen?“ gefiltert ist, tatsächlich beeinflusst, wie die Literatur am Ende wirklich aussieht.
„Middlemen“ von Laura McGrath beleuchtet die Rolle von Literaturagenten
Öffentlich treten Literaturagenten sehr bewusst nicht Erscheinung. McGrath nimmt ihre Rolle in einer Studie nun genauer unter die Lupe.











