PfadnavigationHomeICONISTEssen & Trinken„Heat it, eat it, love it“Kein Koch, keine Küche, kein Kellner – sieht so das Restaurant der Zukunft aus?Von Josie RathVolontärin an der Axel Springer Academy Stand: 08:25 UhrLesedauer: 5 MinutenNeues Image für Fertiggerichte: Juit-Store in Berlin-Mitte Quelle: WELTIn Berlin erlebt eine alte Idee ihr Comeback: Essen aus dem Automaten. Kein Koch, kein Kellner, keine Küche. Was nach Zukunft klingt, erinnert an ein Konzept aus der Kaiserzeit – und könnte die Gastronomie trotzdem verändern.Nur ein paar Meter vom Checkpoint Charlie in Berlin entfernt hat ein Restaurant eröffnet, das keines sein will. Kein Kellner empfängt die Gäste, kein Küchengeklapper ist im Hintergrund zu hören, kein Koch richtet Teller an. Stattdessen: eine Reihe von Tiefkühlschränken mit Glastüren, 20 Mikrowellen eines chinesischen Herstellers und mehr als 40 Gerichte, die acht Minuten Wartezeit erfordern.„Thai Basil Chicken“ ist ebenso im Angebot wie „Pasta al Limone“. Dazu kommen spezielle Gerichte mit besonders vielen Proteinen, besonders wenigen Kohlenhydraten oder aus rein pflanzlichen Zutaten. Das Interieur ist minimalistisch, aber durchdacht, die Speisen werden auf Vitra-Möbeln eingenommen. Alles wirkt optimiert für Menschen, die auf ihre Ernährung achten, aber keine Zeit zum Kochen oder für eine ausgedehnte Mittagspause haben. „Heat it, eat it, love it“, lautet der Slogan. „Juit“ heißt das Start-up, das warme Mahlzeiten aus dem Automaten in der Hauptstadt salonfähig machen will.Das Konzept ist allerdings nicht neu, es war bereits in der Kaiserzeit verbreitet, als der technische Fortschritt scheinbar unaufhaltsam in alle Bereiche des Lebens vordrang: 1896 präsentierte die Deutsche Automaten-Gesellschaft auf der Berliner Gewerbeausstellung das weltweit erste „electrisch-automatische Restaurant“ – eine Front aus Messing und Chrom, dahinter Glasfächer mit portionierten Gerichten und ein Münzschlitz. Noch im selben Jahr eröffnete in Berlin die erste Filiale, weitere folgten deutschlandweit. Die „Residenz“- und „Palast-Automaten“, eingerichtet im Jugendstil oder Art déco, wurden als Zukunft der Gastronomie gehandelt. Die US-Unternehmer Joseph Horn und Frank Hardart brachten die Idee 1902 nach Philadelphia. Zu Spitzenzeiten verköstigten sie täglich bis zu 800.000 Gäste in den 180 Zweigstellen ihrer Automatenrestaurants.Der Ansatz hatte jedoch einen entscheidenden Haken: Er war im Kern eine Attrappe. Hinter den glänzenden Fächern arbeiteten mehr Menschen als in einem normalen Restaurant – ständig mussten Gerichte nachgefüllt, kontrolliert und nach strengen Vorschriften angerichtet werden. Der Gast bemerkte das nur nicht. In Deutschland bremste zuerst die Inflation der Weimarer Republik die Münzautomaten aus, dann verboten die Nationalsozialisten den Betrieb – mit der Begründung, Automaten gefährdeten Arbeitsplätze.Lesen Sie auchDie erste Verpflegungsstation von Juit eröffnete dagegen zu einem Zeitpunkt, an dem viele Gastronomiebetriebe händeringend nach zuverlässigen Arbeitskräften suchten. Das Unternehmen wurde 2019 unter dem Dach von Dr. Oetker gegründet – als „Direct-to-Consumer-Labor“ des Bielefelder Lebensmittelkonzerns. Dahinter steckte der Versuch, dem Fertiggericht mit zeitgemäßen Rezepturen und hochwertigen Zutaten ein neues Image zu verleihen.Lesen Sie auchDie Mahlzeiten werden in einer Großküche in Ettlingen vorbereitet und anschließend schockgefrostet. Bislang hat die Firma ihre Gerichte nur per Online-Versand direkt nach Hause oder ins Büro geschickt. Im Berliner Store von Juit kann der Gast das tiefgekühlte Gericht nun gleich vor Ort zum Aufwärmen in die Mikrowelle schieben. Eine Mahlzeit kostet rund acht Euro. Die Zielgruppe beschreibt Mitgründer Serdar Mansour Azar mit einem einzigen Wort: „Highperformer“. Gemeint sind damit Menschen, die zwischen Meetings, Workout und vollem Terminkalender auch ihre Nahrungsaufnahme optimieren wollen. Dass der Standort in der Zimmerstraße – umgeben von Bürokomplexen und Fitnessstudios – nicht zufällig gewählt ist, liegt dabei auf der Hand. Offiziell läuft das Automatenlokal als Pop-up. Tatsächlich ist es ein Testlauf für das, was kommen soll: weitere Stores in deutschen Städten, ergänzt durch Stationen im Einzelhandel und auf Events. Wie konkret diese Pläne bereits sind, lässt das Unternehmen bislang offen.Was in Deutschland mit Juit einen neuen Anlauf nimmt, hat sich in anderen Ländern längst etabliert. In den Niederlanden setzt die Fast-Food-Kette Febo bereits seit 1960 auf heiße Snacks aus dem Automaten. Die Kroketten, Frikandeln und Bitterballen, die in den mehr als 60 Filialen angeboten werden, genießen Kultstatus im ganzen Land. In Japan kommen vollautomatisierte Lokale, sogenannte Jihanki Shokudo, fast gänzlich ohne Personal aus. Spezielle Geräte geben Schalen mit Ramen, Soba oder Udon aus, manche bereiten sie auch zu. In Japan kommt ein Automat auf 29 Einwohner – die höchste Dichte weltweit.Sind Automatenrestaurants wie das in der Nähe von Checkpoint Charlie also die Antwort auf den Personalmangel und den Kostendruck im Gastgewerbe? Die deutsche Gastronomie steckt seit Jahren in einer strukturellen Krise. Preisbereinigt setzte die Branche 2025 knapp 20 Prozent weniger um als vor der Pandemie. Gleichzeitig steigen Personal- und Betriebskosten. Viele Restaurants kürzen Öffnungszeiten oder müssen schließen. In dieser Lage wirkt ein Konzept aussichtsreich, das ohne Service, ohne Küche vor Ort und so mit minimalem Personaleinsatz auskommt.Für Martin Franz, Professor für Humangeografie an der Universität Osnabrück mit Schwerpunkt auf Gastronomie und Handel, ist Juit zwar „sicherlich kein Zukunftsmodell für die gesamte Gastronomie“, Potenzial für eine größere Verbreitung und Nachahmer sieht er dennoch. Die Branche differenziere sich zunehmend aus und entwickle immer speziellere Angebote für bestimmte Zielgruppen. Franz verweist auf veränderte Konsumgewohnheiten: „Die zunehmende Ausbreitung von Systemgastronomie hat dazu geführt, dass sich viele Konsumierende daran gewöhnt haben, dass das Essen in der Gastronomie schnell verfügbar ist – schneller, als das bei frisch gekochten Gerichten überhaupt möglich ist.“Gleichzeitig sei Juit ein weiterer Schritt bei der Auflösung der Abgrenzung zwischen Einzelhandel und Gastronomie. „Schon jetzt sind viele Supermärkte zu halben Gastronomiebetrieben geworden – mit Salattheken oder Caféecken“, erklärt er. „Juit treibt diesen Trend nun auf die Spitze.“ Denn das eigentlich Neue sei dabei weniger das Essen selbst als der Umgang damit: „Neu ist, dass es nicht mehr versteckt wird, dass wir ein Fertiggericht vorgesetzt bekommen, sondern es sogar selbst erwärmen müssen.“Und wie schmeckt es bei Juit? Martin, der nur mit Vornamen genannt werden will, arbeitet in einem Büro in der Nähe und holt sich bereits zum dritten Mal etwas für die Mittagspause. „Ich finde es echt lecker. Gerade die Pasta- oder Currygerichte würde ich selbst nicht besser hinbekommen“, sagt er. Dass Konzepte wie Juit das klassische Restaurant ersetzen könnten, glaubt er jedoch nicht. „Ich gehe ja auch gern mal schick essen und lasse mich bedienen.“
Gastronomie: Kein Koch und kein Kellner – sieht so das Restaurant der Zukunft aus? - WELT
In Berlin erlebt eine Idee ihr Comeback, die eigentlich längst Geschichte sein sollte: Essen aus dem Automaten. Kein Koch, kein Kellner, keine Küche. Was nach Zukunft klingt, erinnert an ein Konzept aus der Kaiserzeit – und könnte die Gastronomie trotzdem verändern.







