Düsseldorf. Kein Koch, kein Kellner, kein Kassierer. Im „Automatenrestaurant“ von Juit nahe des Checkpoint Charlie in Berlin müssen Gäste das Essen selbst warm machen. In großen Tiefkühlschränken mit gläsernen Türen stehen 40 Gerichte zur Auswahl. Geordnet sind sie in Kategorien wie High Protein, Veggie/Vegan oder unter 550 Kalorien.Beef Chili oder Kokoscurry für je 7,99 Euro sind bargeldlos zu zahlen. Die Tiefkühlgerichte können Gäste in einer der 20 Mikrowellen acht Minuten erwärmen und an Tischen vor Ort essen. „Heat it, love it, eat it“, lautet das Motto des automatisierten Selbstbedienungslokals. Wie erfolgversprechend ist das Modell? Und an welche Zielgruppe ist es gerichtet?„Unser Pop-up-Store ist eine gute und günstige Alternative zum Mittagstisch“, sagt Serdar Mansour Azar, der das Start-up Juit 2019 mit Ingmar Knudsen gründete. Juit gehört zu Oetker Digital, der Innovations- und Digitaleinheit des Bielefelder Pizza- und Puddingriesen. „Viele Kunden nehmen sich die Gerichte auch ins Büro oder auf Vorrat mit nach Hause.“Bisher gab es Tiefkühlgerichte von Juit online im Webshop zu kaufen. Der Pop-up-Store, der vor einem halben Jahr öffnete, ist ein Testballon. „Wir wollen unsere Marke dort erlebbar machen und neue Kunden ansprechen“, sagt Mansour Azar. Parallel dazu machte Juit einen Strategieschwenk: Die Menüs sind nun alle abgestimmt auf besondere Bedürfnisse und Lebenslagen. Davon erhoffen sich die Juit-Gründer einen Wachstumsschub.Automatenrestaurants von Berlin bis zum Times SquareAutomatisierte Restaurants sind keine neue Erfindung. Das welterste Automatenrestaurant namens Quisisana öffnete 1895 in Berlin. Nach Münzeinwurf konnten Gäste eine Glasklappe öffnen und Essen und Getränke entnehmen. „Mit Juit kehrt das Konzept an seinen Geburtsort zurück“, sagt E-Food-Experte Matthias Schu, Marketingprofessor an der Hochschule Luzern.Juit-Gründer Serdar Mansour Azar und Ingmar Knudsen: Menüs abgestimmt auf besondere Lebenslagen. Foto: Juit1902 holten zwei Amerikaner die Geschäftsidee von Berlin nach Philadelphia. In den USA gab es zu Hochzeiten 180 Automatenrestaurants, die täglich eine halbe Million Gäste verpflegten. Auch am Times Square in New York.In Asien sind unbemannte Restaurants, in denen Gäste Essen in der Mikrowelle erhitzen, weit verbreitet. „In Japan boomen seit 2021 ausgerechnet Tiefkühl-Verkaufsautomaten, über die Restaurants Ramen und Gyoza rund um die Uhr verkaufen“, sagt Schu. Zudem haben dort Anbieter wie Frozen24 oder Dohiemon Verkaufsautomaten, etwa an Bahnhöfen. Dort lassen sich rund um die Uhr tiefgekühlte Gerichte für zu Hause ziehen.E-Food-Experte Schu sagt: „Als flächendeckendes Restaurantformat bleibt der Automat eine Nische. Als Akquisitions-, Test- und Ergänzungskanal digitaler Marken hat er Zukunft.“ Denn für E-Commerce-Marken rechne sich reines Onlinewachstum über Werbebudgets immer seltener. „Omnichannel wird Pflicht – und Probieren senkt die Hürde für den Erstkauf von Tiefkühlgerichten“, sagt Schu.Juit reaktiviert aktuell auch seine Verkaufsautomaten in Unternehmen – als „Rund-um-die-Uhr“-Alternative zur Kantine. Diesen Verkaufskanal hatte Juit 2019 gestartet, aber wegen der Pandemie pausiert.Gerichte von Juit: Die Deutschen kaufen mehr tiefgekühlte Fertiggerichte. Foto: JuitTiefkühlkost hat „Schmuddel-Image“ abgeschütteltTiefkühlkost liegt im Trend. Der Konsum erreichte 2025 mit 51,6 Kilo pro Kopf einen Rekord, ermittelte das Deutsche Tiefkühlinstitut. Der Umsatz stieg um 4,5 Prozent auf 23,6 Milliarden Euro, bei 2,5 Prozent Mengenwachstum. Fertiggerichte legten mit 4,7 Prozent sogar überdurchschnittlich zu. Tiefkühlkost habe ihr altes „Schmuddel-Image“ nicht nur abgeschüttelt, sondern gedreht, sagt Schu: „Schockfrosten gilt heute zu Recht als Frischetechnologie ohne Konservierungsstoffe.“Der Preis von Juit-Gerichten im Pop-up-Store – 7,99 Euro vor Ort statt 9,49 Euro online – zeige, was die Tiefkühl-Versandlogistik koste. Juit verschickt ab einer Mindestmenge von sechs Gerichten für 56,94 Euro Pakete mit Trockeneis. Hinzu kommen Versandkosten. „Es gibt einen Markt für hochpreisige Tiefkühlgerichte. Er ist und bleibt aber ein urbanes Premiumsegment für gut verdienende, gesundheitsaffine Haushalte, kein Massenmarkt“, sagt Schu.Dass Kunden für Tiefkühlkost im Direktvertrieb Premiumpreise akzeptieren, beweise Bofrost seit Jahrzehnten, sagt Schu. „Unsere Kunden vergleichen Juit nicht mit Tiefkühlmarken aus dem Supermarkt, sondern mit Restaurant- oder Lieferessen“, sagt Co-Gründer Knudsen, 42, der früher bei Online-Modehändler Zalando arbeitete.Zudem seien die Gerichte ausgewogen, frei von Zusatzstoffen und aus hochwertigen Zutaten wie antibiotikafreien Hähnchen aus Deutschland hergestellt. „Und vieles wird bei Juit per Hand zubereitet – wie der Kartoffelstampf“, sagt Mansour Azar, 41, zuvor Gründer eines Müsliversands in Istanbul.Juit in Berlin: Vom Tiefkühler in die Mikrowelle und auf den Mittagstisch. Foto: JuitGekocht wird in einem Werk in Ettlingen, wo Dr. Oetker früher Soßen und Suppen für die Gastronomie herstellte. Auch wenn Juit zum Nahrungsmittelhersteller gehöre, der mit Pizza und Torten von Coppenrath & Wiese jahrzehntelange Tiefkühlkompetenz hat, agiere Juit unabhängig, sagen die Gründer. „In allen Prozessen sind wir komplett selbstständig“, sagt Mansour Azar.Markt für Ready-to-heat-Gerichte wächstJuit konkurriert mit diversen Anbietern. Der sogenannte Ready-to-heat-Markt gliedert sich Schu zufolge in drei Typen: erstens skalengetriebene Frische-Anbieter aus großen Abo-Ökosystemen wie Hellofresh. Factor aus Chicago wurde 2020 vom Kochboxen-Versender für 277 Millionen Dollar übernommen. Seit Februar 2025 verschickt Factor seine gekühlten, aber nicht gefrorenen Mahlzeiten auch in Deutschland. Hellofresh hat sein Werk in Verden dafür auf Fertiggerichte umgerüstet.Zweitens spitz positionierte Direct-to-Consumer-Marken aus dem Fitnessbereich wie PrepMyMeal oder für vegane Kost wie Every Foods.Drittens Premium-Tiefkühlanbieter, die wie Freda primär über den Lebensmittelhandel skalieren. Preislich spielen alle in derselben Liga, um die acht und zehn Euro. „Entschieden wird dieser Wettbewerb deshalb über Positionierung, Wiederkaufrate und Kanalmix“, sagt Schu.Nahrungsmittel Freda will mit Premium-Pizza Restaurants und Dr. Oetker Konkurrenz machen Anfang des Jahres leitete Juit einen Strategiewechsel ein. Die Gerichte sind nun auf besondere Ernährungsanforderungen zugeschnitten: von Muskelaufbau, Muskeldefinition, Abnehmen und Ausdauertraining bis Wochenbett.„Der Anspruch der Menschen wächst, sie wollen Essen, das funktional ist“, sagt Knudsen. Juit kooperiert heute mit Runclubs, die sich am Berliner Pop-up-Store treffen – oder mit dem Eliminationsrennen 99Laps.
Start-up: Essen selbst aufwärmen – warum Juit auf Automatenrestaurants setzt
Das Food-Start-up Juit verkauft Tiefkühlkost bisher online. Nun testet die Oetker-Tochter ein automatisiertes Selbstbedienungslokal in Berlin. Die Idee ist 130 Jahre alt.







