Wir verdanken Japan eine Moderevolution: Issey Miyake beim Finale seiner Pariser Modeschau, März 1993. Getty Images Was der Japonismus einst für die Kunst tat, das taten japanische Designer von Miyake bis Kawakubo ab den achtziger Jahren für die Mode. Bis heute.Aus Japan kommen nicht nur Kirsch­blütenträume, Bonsais, eine Durchästhetisierung des Alltäglichen, die ausgesuchte Höflichkeit. Nach den besonders in der Porzellanmalerei ausgeprägten Chinoiserien des 18. Jahrhunderts wurde Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Japan-Fieber erfasst.So trägt die Geliebte Bel Amis im Roman Maupassants einen kirschfarbenen, seidenen Kimono, und Bel Ami schmückt sein Zimmer mit japanischen Fächern. Édouard Manets berühmtes Porträt von Émile Zola zeigt einen japanischen Holzschnitt sowie einen japanischen Faltparavent und ein fernöstliches Tintenfass. Der Japonismus war mehr als ein Hype; strukturell beeinflusste er die Pariser Avantgarde, so den Malstil Manets.Ein fruchtbares Hin und HerHeute verdanken wir Japan eine Moderevolution. Ohne Japan ist die westliche Mode nicht mehr denkbar. Ganz grundsätzlich haben die japanischen Designer unser Verhältnis zur Mode, unser Verständnis von Schönheit und Perfektion, das Verhältnis von Kleid und Körper verändert. So wurde von einer schockierten Presse die erste Pariser Modenschau von Comme des Garçons 1981 mit dem Einschlag einer Atombombe verglichen. Man befand, es sei zynisch, sich wie eine «homeless lady» anzuziehen und absichtlich fehlerhafte Pullover – den berühmten «lace sweater» von Comme des Garçons – herzustellen. Weit weg von Tracht: Rei Kawakubo bei der Eröffnung ihres ersten Verkaufsstandorts in New York, 1983. Getty Images Das Hin und Her in Sachen Mode zwischen Japan und Europa hat eine lange Tradition. So erliess die japanische Regierung während der Meiji-Restauration 1868 ein Dekret, das japanischen Beamten das Tragen der traditionellen Kleidung untersagte und das Anlegen europäischer Beinkleider anordnete. Japan sollte so zeigen, dass es die alten Hüte hinter sich liess und mit grossen Schritten der westlichen Moderne entgegeneilte. Die Damen legten den traditionellen Kimono irgendwann freiwillig ab, und Japan entwickelte sich zu einem umkämpften Absatzmarkt für europäische Luxusmode.Die Big Three kommenDann kamen die sogenannten Big Three, Issey Miyake, Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo für Comme des Garçons. Sie machten nicht etwa traditionelle Kleider, die auch als Tracht eher in ein ethnologisches Museum gehört hätten, sondern stellten raffiniert und kunstvoll im Dialog mit der westlichen Mode deren Codes auf den Kopf. Alles wurde umgekrempelt. Die perfekte Passform, das sorgfältig gefertigte Kleid, dem Spuren der Herstellung nicht mehr anzusehen waren – Schnee von gestern. Das Bunte, Farbenfrohe der Damenmode wurde durch tiefes Schwarz in allen Schattierungen ersetzt. Die perfekte Passform war Schnee von gestern: Yohji Yamamoto, Herbst/Winter 1997. Getty Images Die Geschichte der westlichen Mode wurde buchstäblich verkehrt, der Stoff, aus dem die Kleider sind, waren Zitate aus der Geschichte der Mode: Reifröcke, aus aufblasbaren Gummischläuchen, kehrten das Unterste witzig nach oben, die «Queue d’écrevisse», die als Untergestell für den ausladenden Po der Frauen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte, wurde über dem Kleid getragen. Der En-biais-Schnitt, von Vionnet zur Perfektion gebracht, der Frauen in klassische Statuen verwandelte, kam als steinerner Faltenwurf, der nicht die seidige Illusion von Nacktheit erweckte, sondern in wollene Stoffpakete verpackte.Dann pilgerten die Antwerp Six nach Japan, und nichts war danach in der westlichen Mode wie zuvor. Heute kommen viele der angesagten Modetrends aus Japan. Man denke nur an den auf uralten Webstühlen gewebten Selvedge Denim, ohne den kein modebewusster Mensch mehr auf die Strasse geht.Barbara Vinken ist Professorin für allgemeine Literaturwissenschaft und romanische Philologie an der LMU in München. Ein breites Publikum erreichte sie mit ihren Überlegungen zur deutschen Familienpolitik und zur Mode. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.