GastkommentarLeopold FedermairDie Geister sind wir selbst – über das Antikommunikationszeitalter und die Sehnsucht nach einer Rückwendung zur realen WeltDas Smartphone hat unsere Art zu kommunizieren nachhaltig verändert. Wie sehr, kann fast nur ermessen, wer das vordigitale Zeitalter noch gekannt hat. Das Briefeschreiben war langsam und elaboriert, jetzt geht alles lässig und schnell. Das will verdaut sein.29.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAllzeit foto- und videobereit: Sieht man mit dem Handy eher mehr oder eher weniger? Kirschblüten im Washington DC.Tom Brenner / APMit dem Smartphone kann man hunderttausend nützliche Dinge tun. Fast die gesamte Weltliteratur ist in dem kleinen Ding gespeichert. Der durchschnittliche «User» hat von diesen Schätzen allerdings keinen blassen Schimmer. Er «gamt» lieber und surft und scrollt oder, um beim Nützlichen zu bleiben: bezahlt, reserviert, navigiert. E-Mails werden auch noch geschrieben, vor allem aber wird gepostet und getextet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor wenigen Jahrzehnten, in prädigitalen Zeiten, gab es noch Leute, die die im 18. Jahrhundert entstandene Briefkultur pflegten. Erstaunlich, wie viele Briefe etwa Ingeborg Bachmann schrieb – nicht so obsessiv wie einst Kafka, aber doch mit grosser Regelmässigkeit. Auch Briefe schreiben kann man mit dem Smartphone, aber das tut kaum jemand. Stattdessen werden Nachrichten und Messages verschickt, meist wenige Wörter, dafür in grosser Zahl, ein wildes Hin und Her, oder nur Bildzeichen, sogenannte Emojis, Gefühlszeichen. Der zeitliche Abstand zwischen Sendung und Empfang geht oft gegen null. In der analogen Welt der Briefe betrug er aus logistischen Gründen, aber auch, weil man Mitteilungen sorgsam gestaltete, Tage und Wochen.Hysterisches KommunizierenBriefe schrieb man in geringerer Zahl, auch weil es mit einigem Aufwand verbunden war. Nicht nur versuchte man in der Regel, ganze Sätze korrekt zu formulieren, man musste das Geschriebene in ein Couvert stecken, eine Adresse darauf schreiben, es zum Briefkasten bringen. Im Vergleich zu den «Chats», die heute im Rahmen polizeilicher Ermittlungen öffentlich werden, etwa im Fall Epstein, wo die «E-Mails» und «Posts» in die Millionen gehen, war Briefe zu schreiben eine Seltenheit, folglich mit besonderer Wertschätzung verbunden.Sorgfältige, seltene Briefe kann man auch auf der Handytastatur schreiben, und man kann mit dem Verschicken oder dem Antworten zuwarten. Doch man tut es nicht. Das Internet hat eine bestimmte Art des hysterischen «Kommunizierens» hervorgebracht, die Kommunikation im herkömmlichen Sinn zwar nicht unterbindet, aber doch sehr unwahrscheinlich macht.Das Ghosting kommt oft von uns selbst, oft unbeabsichtigt. Wir sind die Geister!Leute, die sich, meist am Computer, immer noch Briefe schreiben, sind meist über siebzig. Sie sind digitale Immigranten, «digital halves». Mit dem Computer und vielen Internet-Applikationen wie Electronic Banking können sie recht gut umgehen. Es gibt einige wenige, die bewusst auf das Smartphone verzichten, weil es die Probleme der digitalen Welt potenziert.Seit einiger Zeit lässt sich eine Gegenbewegung beobachten: digitale Emigration, auch «Detox» genannt; Ferien von der Dauerberieselung. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 versuchten mehr als 70 000 Schüler in Österreich, drei Wochen ohne ihr Handy auszukommen. Anscheinend bestand ein reales Bedürfnis nach einer solchen Erfahrung. Mittlerweile dürften die meisten von ihnen in ihre angestammte Virtualumwelt zurückgekehrt sein. Das Experiment wird eine schöne Erinnerung an reale Freude an Kommunikation und Einsamkeit bleiben.Ein anderes Phänomen, dem die Massenmedien gern nachspüren, ist «Ghosting». Zunächst kannte man es von Dating-Plattformen, wo ein Partner in spe plötzlich spurlos abtauchen konnte. Dann auch aus der Arbeitswelt, wo angeblich Arbeitnehmer von einem Tag auf den anderen auf Nimmerwiedersehen verschwanden.Mittlerweile haben die Firmen den Spiess umgedreht, sie selber betreiben Ghosting, Arbeitswillige versuchen sie zu kontaktieren, junge «Digital Natives» schicken verzweifelt Bewerbungen, doch der Arbeitgeber antwortet nicht. Eine Stelle, an die man sich bei Reklamationen wenden könnte, findet sich nicht. Die Arbeitswelt wird zunehmend geisterhaft, angetrieben von Algorithmen, die Bewerbungsschreiben lesen, beantworten oder unbeantwortet lassen – zumeist Letztgenanntes. «Ausgesteuert» nannte man früher die Arbeitslosen; jetzt werden schon die Bewerber ausgesteuert. Die meisten kommunikativen Aufgaben gegen aussen erledigen in der Geschäftswelt wohl fortan Agenten der künstlichen Intelligenz.Jede Menge BlablaDie sozialen Netzwerke sind virtuelle Orte des Blabla, also von gehaltlosem Austausch bzw. Scheinkommunikation. Und sie regen jede Menge Blabla in den traditionellen Medien an. Wenig wird so viel «reflektiert» wie die sozialen Netzwerke, welche Extremismus, Hass und Spaltung generieren und die Demokratie unterminieren.Das grundlegende Problem liegt aber darin, dass sie mit ihren Algorithmen menschliche Kommunikation schematisieren, da sie eine eigene Internet-Rhetorik entwickelt haben, an die sich sämtliche «User» halten und die sie in ihre reale – analoge – Kommunikationswelt hineintragen. Freunde sind Facebook-Freunde, Beziehungen und Status werden nach der Facebook- oder Instagram- oder Tinder-Rhetorik gebildet.Kompakter Ausdruck der Restrukturierung von Kommunikation sind die Emojis, die rhetorischen Gefühlszeichen, die sich von ein paar Smileys und ähnlichen Bildchen zu einem riesigen Arsenal entwickelt haben. Um zu «texten», also eine «Message» zu versenden, die sogleich verstanden wird, genügt es, ein paar solcher Zeichen aneinanderzufügen. Viele Chats finden auf diese Weise statt. Die schriftliche Kommunikation ist illiterat geworden. Auf diese Weise können auch sekundäre Analphabeten jederzeit «schriftlich» kommunizieren. Man telefoniert nicht mehr, sondern «textet», ohne Texte zu schreiben.Durch die Durchdringung des Internets mit künstlicher Intelligenz ist eine weitere posthumane Kommunikationsform entstanden. Man spricht mit einem nichtmenschlichen Agenten, als wäre er ein Mensch. Diese abstrakten Einheiten werden vielen Leuten zum Freund oder zur Freundin. Die rasche Befragung der «KI» in allen Lebenslagen ist fast schon allgemeine Praxis. Der Agent, ein Schmeichler, passt sich dem Nutzer an, und gleichzeitig übernimmt dieser, ohne es zu merken, seine Denk- und Kommunikationsweisen. Wir stellen keine Fragen, sondern geben Befehle, indem wir «prompten». Dabei wird die Kommunikation nicht von uns gesteuert, sondern von der Maschine.Briefe waren selten, die Seltenheit forderte und formte Bedeutsamkeit. An E-Mails, Chats und Postings gibt es stets zu viel, viel zu viel. Jeder, der auch nur einen simplen E-Mail-Account besitzt, kennt das. Man erhält Junk-Mails aller Art, versucht sie auszublenden, zu gruppieren, auch hier greift ein hilfreicher Algorithmus ein, doch das ändert nichts am Zuviel.Die Mailbox ist stets überfüllt, dem einen oder anderen «Partner» möchte man antworten, einen «echten» Brief schreiben, doch bald schon rutscht seine Mail nach unten, sie verschwindet im Nirgendwo, bis schliesslich der Partner nachfragt (oder auch nicht) und man sich mit der Antwort beeilt (oder auch nicht). Das Ghosting kommt oft von uns selbst, oft unbeabsichtigt. Wir sind die Geister! Die Kommunikation wird uns zu viel, und aus diesem Zuviel erwächst die strukturelle Nichtkommunikation, die unser Zeitalter in Wahrheit prägt. Wir fühlen uns überflüssig und sind es auch.«Digital halves» empfinden mit der Sehnsucht nach echter Kommunikation auch eine Nostalgie der Seltenheit. Sie betrifft auch die Daten. In prädigitalen Zeiten musste man sich die Dinge erarbeiten, manchmal erkämpfen. Jetzt ist alles verfügbar in einem 24/7-Online-Globalsupermarkt. Musikstücke oder Filme, Wissensdaten oder Fremdsprachentools warten darauf, abgerufen zu werden, wir müssen sie uns nicht aneignen, weil sie ausgelagert besser aufgehoben sind.Früher sagte man: «Ich habe noch einen Weg», und meinte damit, dass man noch etwas zu erledigen hatte, oft auf einem Amt. Inzwischen möchten Institutionen, Firmen, Banken, Universitäten, Unternehmen, Reisebüros, dass wir, die Kunden, Bewerber und User, alles online selber erledigen. Das geht nicht ohne spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten, die man sich allerdings selber aneignen muss.Schematisierung der KommunikationDie Dienstleistung ist schematisiert und automatisiert, nur noch selten sind Menschen an ihr beteiligt, so dass man sich fragt, wer in diesen Institutionen und Ämtern überhaupt noch tätig ist. All diese Akteure könnten oder müssten längst eingespart worden sein, doch anscheinend sind sie immer noch da, manchmal erwischt man – als Kunde – sogar noch einen am Telefon. Grundsätzlich aber soll vermieden werden, dass sich ein Bürger realiter in ein Büro begibt, und ebenso, dass gesprochen wird.Die Schematisierung der Kommunikation auf den Websites äussert sich nicht zuletzt in den Listen von «häufig gestellten Fragen» – auf denen man seine Fragen selten wiederfindet. Vieles von dem, was man will, wird vom Schema nicht erfasst, vieles passt nicht hinein, und oft sind die Anleitungen widersprüchlich. Manchmal wird der Weg vom System blockiert, und es gibt keine Gesprächspartner, um sich zu erkundigen, wie das Hindernis zu überwinden wäre. Wählt man die auf der Site angegebene Telefonnummer und hat das Glück, Antwort zu bekommen, stellt sich heraus, dass wir mit einem «Bot» sprechen. Wir werden vom System befragt, sollen aber – bei all der «Personalisierung» ringsum – nicht persönlich antworten, sondern wieder nur eine Antwortkategorie auswählen.«Sonderbar ist, dass in manchen Fällen auch das Verlöschen von Kommunikation zu den Symptomen des Kommunikationszeitalters zählt», schrieb der Schriftsteller Peter Glaser vor sieben Jahren. Das kann immer noch und mehr denn je als Fazit dieser Betrachtung gelten. Das Verlöschen braucht seine Zeit. Experimente wie das der 70 000 österreichischen Schüler deuten auf eine Rückwendung zur realen Welt. Die Sehnsucht bleibt bestehen: nach draussen, nach Mitmenschen, nach dir selber. Es ist wie das Licht eines Sterns, der gar nicht mehr existiert.Leopold Federmair, Schriftsteller und Übersetzer, in Oberösterreich geboren, lebte lange in Japan und lebt heute in Wien.Passend zum Artikel
Das Antikommunikationszeitalter und die Sehnsucht nach einer Rückwendung zur realen Welt
Das Smartphone hat unsere Art zu kommunizieren nachhaltig verändert. Wie sehr, kann fast nur ermessen, wer das vordigitale Zeitalter noch gekannt hat. Das Briefeschreiben war langsam und elaboriert, jetzt geht alles lässig und schnell. Das will verdaut sein.
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