Schweigen in der Leitung: Jahrzehntelang war das Telefon das zentrale Medium der Gesellschaft. Jetzt stirbt es einen leisen TodHotlines werden durch KI-Chatbots ersetzt, die Gen Z verschickt lieber Text- und Sprachnachrichten, als zu telefonieren. Reden wir noch miteinander?Adrian Lobe12.06.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Hallo, Darnell am Apparat»: Die Schauspieler Kim Delaney und Darnell Williams bei der Emmy-Awards-Verleihung, 1983.Vinnie Zuffante / GettyWer mit offenen Ohren im öffentlichen Raum unterwegs ist, dem fällt auf, dass junge Menschen in ihr Smartphone sprechen, aber nicht mehr telefonieren, sondern Sprachnachrichten diktieren oder abhören. Man merkt diesen Unterschied daran, dass die Dauer der Wortbeiträge deutlich länger ist als in einem Telefonat, das für gewöhnlich weniger monologisierend ist. Die anekdotische Evidenz scheint einen Trend zu bestätigen: Die Gen Z leidet unter Telephobie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut einer Erhebung, die das Vergleichsportal Uswitch 2024 in Grossbritannien durchführte, bevorzugten über ein Drittel der Befragten im Alter zwischen 18 und 34 Jahren Textnachrichten gegenüber Telefonanrufen. 23 Prozent der Befragten gaben sogar an, nie ans Telefon zu gehen.Der Grund: die Angst vor schlechten Nachrichten. Mehr als die Hälfte befürchtet, dass ein unerwarteter Anruf unliebsame Überraschungen mit sich bringt. Die Gen Z hat sich eine Kommunikationssperre auferlegt. Das «phone» im Smartphone ist für die Jugend nur noch ein historisches Rudiment. Asynchrone Kommunikation verspricht Zeitsouveränität: Man entscheidet selbst, wann man etwas schreibt oder sagt.Dieser Wandel des Kommunikationsverhaltens zeigt sich auch andernorts. Die Erzieherin schickt morgens eine kurze Sprachnachricht, wenn sie zu spät kommt. Der Optiker versendet eine SMS, wenn die Brille abholbereit ist. Und die Wissenschafter, die gemeinsam eine Studie verfassen, stimmen sich nicht telefonisch, sondern über die Kommentarfunktion von Google Docs ab. Das Telefon? Wirkt seltsam antiquiert.Die Nummer EuropasTeletext, Teleshopping, Telebanking – jahrzehntelang war das Telefon das zentrale Medium der Gesellschaft. Der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger soll einst die Frage gestellt haben: «Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?» Bevor es soziale Netzwerke gab, gab es Telefonketten, wo man Rundrufe startete. Wer etwas wissen wollte, rief bei der Auskunft oder der Kundenhotline an. Wenn sich der Bayern-Manager Uli Hoeness über die Gäste im «Doppelpass» aufregte, setzte er keinen Tweet ab, sondern griff zum Hörer und rief direkt im Studio an.Die Infrastruktur der Telefonleitungen war so dominant, dass man sich in den Anfangszeiten des Internets per Modem über die Telefonleitung ins World Wide Web einwählen musste. Doch in der eng getakteten Aufmerksamkeitsökonomie, wo Tech-Plattformen um unsere Zeitkonten buhlen und diverse Social-Media-Kanäle bespielt werden müssen, gilt das Telefon heute als ineffiziente Kommunikationsform.Es unterbricht einen bei der Arbeit, die Verbindung ist schlecht, und was einem der Kollege aus einer lauten U-Bahn zuruft, könnte man auch in zwei Sätzen in einer E-Mail klären. Das Telefon ist ein Produktivitätskiller. Viele Unternehmen haben deshalb das Festnetztelefon abgeschafft. Facebook hat schon gar keine Telefonnummer mehr. Wer mit dem Social-Media-Konzern Kontakt aufnehmen will, muss dies per Mail oder Formular tun.Bei Banken und Versicherungen werden Kundenhotlines durch KI-Chatbots ersetzt. Die Telefonkabinen, die vom Smartphone absorbiert wurden, sind aus den Innenstädten längst verschwunden, und die Callcenter werden bald folgen. Das Telefon, ein Relikt des analogen Zeitalters, stirbt einen leisen Tod. Allein in Grossbritannien ist laut einer Untersuchung der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom die Zahl der Gesprächsminuten (mobil und Festnetz) zwischen 2008 und 2022 um 54 Milliarden gesunken. Das sind fast 103 000 Jahre, die man sich nicht erzählt hat. Eine Ewigkeit!Home-Office im Jahr 1995: Der amerikanische Politiker Andrew Cuomo hat die Welt am Draht und betreut zugleich seine neugeborene Tochter.Ana Walker / GettyWer spricht da?Zum Bedeutungsverlust des Kommunikationsmittels trägt auch die künstliche Intelligenz bei. Seitdem sich mithilfe von KI-Werkzeugen im Handumdrehen Stimmen klonen lassen, schwingt bei jedem Anruf der Verdacht des Telefonbetrugs mit. Gehört die Stimme, die man am anderen Ende der Leitung hört, auch wirklich zu der Person, die sie vorgibt, zu sein?Die Opfer von Voice-Scams und Enkeltricks sind zahlreich, und mit jedem Fall, den man in der Zeitung liest, wird man misstrauischer. Seinen Augen und Ohren kann man im KI-Zeitalter nicht mehr trauen. Also schützt man sich selbst, indem man erst gar nicht ans Telefon geht, auch wenn man die Nummer kennt. Die Rufnummernanzeige lässt sich schliesslich auch manipulieren. So führt KI zu einer Legitimations- und Vertrauenskrise des Telefons.Technologien verschwinden in der Regel dann, wenn sie nutzlos werden. Und es ist erstaunlich, wie weit man heute ohne Telefon kommt: Arzttermine kann man online buchen, und die Reklamation einer Amazon-Sendung klärt man einfach im Chat. Gewiss, es ist kein Vergnügen, stundenlang in der Warteschleife einer Hotline zu hängen und das Gedudel anzuhören, um dann einem begriffsstutzigen, vielleicht auch übellaunigen Mitarbeiter sein Problem zu erklären. Doch mit dem Niedergang des Telefons geht auch eine wichtige Kulturtechnik verloren.Es geht ja nicht nur um die Technik, einen Telefonapparat zu bedienen, sondern auch um kommunikative Kompetenzen: sich mit Namen melden, Dinge auf den Punkt bringen, den anderen aussprechen lassen. Das Telefon schuf Etikette und Höflichkeitsformeln, die das Internet nie etablieren konnte – und denen sich die Gen Z verweigert, indem sie auf das «Hallo» beim Gesprächsbeginn verzichtet.Lachen, Glucksen, Stöhnen, SeufzenIn den 1920er Jahren, als Telefonistinnen («Das Fräulein vom Amt») noch Verbindungen steckten, war Telefonieren ein formeller, fast schon offizieller Akt. Man stand vor einem Wandapparat und kommunizierte behördensprachlich. Erst als die Tastentelefone mit längerer Schnur in den 1980er Jahren die privaten Wohnstuben eroberten und mehr Bewegung im Raum ermöglichten, wurde das Setting intimer.Telefonieren ist viel privater als Texten. Und sinnlicher: Man hört die Reaktionen des Gegenübers, das Lachen, Glucksen, Stöhnen, Seufzen oder Schweigen in der Leitung. Diese Unmittelbarkeit von Emotionalität geht in den fermentierten Text- und Sprachnachrichten unter. Man weiss nicht, ob der andere lacht oder weint, wenn er die Sprachnachricht abruft, ob er das Gejammer mit doppelter Geschwindigkeit laufen lässt. Und ob er die Nachricht überhaupt vollständig anhört beziehungsweise liest.Die spontan geäusserte, ungeskriptete Wahrheit – sie verschwindet still und leise aus dem Alltag. Vielleicht liegt die kollektive Gereiztheit auch daran, dass Menschen heute viel mehr Sender als Empfänger sind – und taub für die Dinge, die man sich früher am Telefon mitteilte.Passend zum Artikel
Kein Anschluss mehr? Warum das Telefon langsam verschwindet
Hotlines werden durch KI-Chatbots ersetzt, die Gen Z verschickt lieber Text- und Sprachnachrichten, als zu telefonieren. Reden wir noch miteinander?










