GastkommentarRachele De CaroDas Gespräch mit einem Menschen bleibt die gefühlvollste und befriedigendste Art der KommunikationDie Art und Weise, wie wir digital kommunizieren, verändert auch das persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch. Fehlen uns bald die Fertigkeiten, im Dialog Visionen zu bilden?17.07.2026, 05.20 Uhr5 LeseminutenIm direkten Gespräch trifft die eigene Rede auf Reaktion, Widerrede oder Bestätigung.Prathan Chorruangsak / GettyDas Bedürfnis, mit jemandem zu reden, verschwindet nicht einfach. Auch nicht nach einem Gesprächstrauma, wie wir es während der Pandemie erlebt haben. Auch nicht während Kriegen, wie wir sie heute erleben, mag es auch manchmal den Anschein machen. Das Gespräch rückt in den Hinter-, Taten in den Vordergrund. Aber der Wunsch zu reden ist uns einverleibt. Genauso der Wunsch, dass die eigene Rede auf empfänglichen Boden fällt, dass jemand zuhört und versteht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Zeiten einer Medienrevolution, wie sie heute vonstattengeht, stellt sich die drängende Frage, wie wir miteinander kommunizieren wollen. Wie wollen wir das so innig benötigte Gespräch führen?Mit Worten? Mit Gestik? Mit unseren Sinnen? In einem Dialog oder einem Monolog? Im Zwiegespräch oder im Selbstgespräch? Mit Briefen oder Texten? Mit einem Menschen oder einer Maschine? Von Angesicht zu Angesicht oder mit Tastenschlägen und Emojis? Mit Sprachnachrichten? Per E-Mail oder Messenger? Per Videotelefonie?Noch immer nehmen die Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, zu – neuen technischen Entwicklungen sei Dank. Doch unter der üppigen Auswahl gibt es fruchtbarere und weniger ertragreiche Arten der Kommunikation, sogar solche, die uns Fähigkeiten entziehen und uns in eine Art Sackgasse manövrieren. Wie bleiben wir miteinander im Gespräch? Das ist die Frage unserer Generation.Die Lust an der EinbahnkommunikationFür den Philosophen Michel de Montaigne war die Gesprächsführung eine Kunst. Seine Essays über den Wert des Gesprächs, die er zu Zeiten der Religionskriege in einem Turm niederschrieb, versprühen eine regelrechte Lust am Dialog. Wenn man sich heute umschaut und die Leute beobachtet, bekommt man das Gefühl, dass uns diese Lust abhandengekommen ist, dass das Gespräch zwischen zwei Menschen an Bedeutung verloren hat.Es ist gar eine allgemeine Abneigung gegenüber der physischen Eins-zu-eins-Kommunikation auszumachen, insbesondere zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Selbst das Telefonieren, welches eine Art Übersetzung dieser Urform der Kommunikation war, scheint aus der Zeit gefallen, wie jüngst in dieser Zeitung konstatiert. Hingegen erlebt die Sprachnachricht ein nicht antizipiertes Aufblühen. Warum diese zunehmende Lust an der Einbahnkommunikation?Im Gespräch, sei es physisch oder beim Telefonieren, trifft die eigene Rede auf eine Widerrede, zeitnah, und fordert eine erneute Aktion heraus. Hin und her wie bei einem Tanz. Dabei kann man seinem Gegenüber auf die Füsse treten, und dieses spürt sogleich den Schmerz. Nichts ist dazwischen, keine Verzögerung. Wir fühlen Mitleid oder Wut oder Scham. Heute fürchten wir dieses Unbehagen, und uns fehlen mehr und mehr die Fertigkeiten, aktiv an diesem Tanz teilzunehmen.Die unterschiedlichen Arten der Kommunikation sind nicht isoliert zu betrachten, sondern stehen in einer Art Wechselwirkung zueinander. So hat die Art und Weise, wie wir in den vergangenen fünfzehn Jahren digital kommuniziert haben, auch die Art und Weise, wie wir im analogen Leben miteinander sprechen, beeinflusst. Das Gespräch, wie es de Montaigne beschworen, ja verehrt hat, schwindet.Die Welt wird kleinerEntgegen der Vermutung, dass unsere Welt durch die Eroberung der digitalen Welt grösser geworden sei, wird sie kleiner. Die digitalen Kommunikationskanäle haben uns dazu gebracht, zu verkürzen, zu übertreiben, zu überladen. Übertreibung mag auch ein stilistisches Mittel in der gesprochenen Rede sein, doch die Funktionsweise digitaler Medien hat die Übertreibung zum heiligen Gral erkoren, so dass eine Übersetzung in das analoge Gespräch missglücken muss.Was auf digitalen Plattformen oder in digitalen Kanälen fruchtet, führt im realen Gespräch in eine Sackgasse. Das Gespräch zwischen zwei Menschen unterliegt anderen Grundregeln, die wir mehr und mehr vergessen. Es scheint fast so, als ob wir gefangen sind in den Limitationen einer digital verzerrten Sprache. Und wer sich mit Worten nicht mehr wehren kann, der greift zum Knüppel.Mit der Sprache lassen sich bestenfalls Utopien formen, Visionen bilden für eine bessere Welt. Verkümmert unsere Sprache, verkümmern unsere Visionen. Wollen wir das? «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Ludwig Wittgenstein wusste um diese eminent wichtige Beziehung. Die heutige Sprache mag gesellschaftlich sozial und demokratisch anmuten. Alle haben Zugang zu ihr und können an ihr teilhaben. Doch die unsägliche Reduktion legt uns in Ketten, ohne dass wir merklich davon Kenntnis nehmen. Sie macht unsere Welt kleiner, als sie sein könnte.Gegen die Verpromptung, so wie SokratesAnstatt neue Visionen zu formulieren, stehen wir vor einer weiteren Reduktion: Wir führen Gespräche mit Maschinen, die aus allem bereits Gedachten vermeintlich Neues errechnen. Das Bedürfnis zu reden verschwindet nicht einfach. Wir sehnen uns danach, selbst wenn unser Gegenüber nur eine Abbildung menschlicher Fähigkeiten ist. Vielleicht wird unser Verlangen gestillt, zumindest kurzfristig, doch unsere Fertigkeiten, ein Gespräch zu führen, schwinden weiter, unsere Angst vor Gegenrede bleibt bestehen, wenn wir uns im Safe Space der KI-Interaktion keinem menschlich fühlenden Wesen gegenübersehen.Schon Sokrates lebte in einer Zeit, in welcher das Gespräch eine neue Form annahm. Die Entwicklung der Schrift mutete ihn an wie ein feindlicher Eingriff in eine herrschende Gesprächskultur. Doch das Gespräch ist nicht verschwunden, nur weil wir angefangen haben, unsere Gedanken und Gespräche aufzuschreiben, so wie es Sokrates vielleicht befürchtete. Trotzdem verstehen wir seine Worte heute vielleicht besser: «Wer Inhalte in Schriften verfasst und auch wer sie liest, in der Meinung, dass etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, ist einfältig.» Sokrates war gegenüber der Verschriftlichung kritisch und schrieb keine seiner Reden auf.Denken ist Sprechen und Sprechen ist Denken, Denken ist Schreiben und Schreiben ist Denken – oder bald: Denken ist Prompten und Prompten ist Denken? Viele intensive KI-Nutzerinnen und -Nutzer wissen wahrscheinlich heute schon nicht mehr, ob ihre Gedanken ihre eigenen sind oder diejenigen der Maschine. Denken wir in Zukunft in Prompts? Tun wir das jetzt schon?Erkenntnisgewinn durch Schreiben ist möglich und durch Prompten sicherlich auch. Doch auch wenn der Medienrevolution positive Aspekte abzugewinnen sind, so ist und bleibt doch die Kunst der Verständigung und der Wahrheitssuche im Kern das Gespräch zwischen zwei Menschen. So sind uns denn heute alle technischen Kommunikationsmittel Hilfe und Behinderung zugleich. Denn geht es um Gefühle, um Menschliches, den Widerhall, um die Vision einer besseren Welt, ist der zwischenmenschliche Dialog nach wie vor der ertragreichste.Rachele De Caro ist Verlegerin und Autorin.Passend zum Artikel
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