Noch heute, erzählen sich die Menschen an der Nordseeküste, hört man bei ruhigem Wetter die Glocken der untergegangenen Kirche Rungholts läuten. Sagenhaft reich soll die Siedlung vor der Küste Nordfrieslands gewesen sein. Die Rungholter sollen mit Tuchwaren, Garn und Torfsalz gehandelt haben, geschäftliche Beziehungen unterhielten sie von Spanien über Flandern, Südengland bis nach Dänemark und Südnorwegen. Doch am 16. Januar 1362, dem Tag des heiligen Marcellus, sei eine Sturmflut hereingebrochen. Rungholt ging unter.Mythen halten sich bis heute hartnäckig. Einer Sage aus dem 17. Jahrhundert zufolge soll Rungholts Untergang eine Strafe Gottes gewesen sein. Bauern sollen ein Schwein betrunken gemacht und mit Schlafmütze in ein Bett gelegt haben, den gerufenen Prediger zwangen sie zur letzten Salbung. Entsetzt bat der Prediger anschließend Gott, die Gotteslästerer zu bestrafen. Sein Gebet wurde erhört: In der darauffolgenden Nacht spülte eine verheerende Sturmflut Rungholt fort. Die „Grote Mandränke“ schlug in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1362 erbarmungslos zu, Tausende Menschen starben. Seither trägt die untergegangene Handelsstadt den Spitznamen „Atlantis der Nordsee“.Hanna Hadler kann „das böse Wort mit A“ nicht mehr hören. Nein, Atlantis habe man nicht gefunden, sagt die Geomorphologin von der Universität Mainz: „Rungholt ist nicht das Atlantis der Nordsee.“ Die Vorstellung, dass die Siedlung wie eine mittelalterliche Stadt mit Mauer von einem Tsunami fortgespült wurde, sei Unsinn. Die Deutung, die Menschen seien für ihren sündhaften Lebenswandel bestraft worden, ist Teil einer religiösen Strafvorstellung, die die Menschheit bis heute als universalen Erklärungsansatz für Katastrophen anwendet.