Der Hafen von Haithabu, wie er in der Ausstellung „Wikingerdämmerung“ in Schloss Gottorf gezeigt wirdQuelle: Picture Press/Jochen Stuhrmann und Tim Wehrman/GEOObwohl Haithabu nur wenige tausend Einwohner zählte, war es im Frühmittelalter das größte Wirtschaftszentrum Nordeuropas. Von hier gelangten Luxuswaren und Sklaven bis nach Bagdad. Der Untergang der Stadt 1066 markiert das Ende der Wikingerzeit.König Harald der Harte trug seinen Beinamen nicht ohne Grund. Als der norwegische König um 1050 die Stadt Haithabu an der Schlei überfiel, feierte ein Skalde (Hofdichter) die Tat: „Verbrannt wurde von einem Ende zum anderen ganz Haithabu im Zorn, eine vortreffliche Tat, meine ich.“ Mit dem Versuch, England zu erobern, hatte Harald weniger Erfolg, er fiel am 25. September 1066 in der Schlacht an der Stamford Bridge bei York. Nur drei Wochen später, am 14. Oktober, verlor der Sieger, Harald Godwinson, König von England, bei Hastings Heer und Leben gegen Herzog Wilhelm von der Normandie. Da im selben Jahren ein slawisches Heer dem wiederaufgebauten Haithabu endgültig den Garaus machte, markiert 1066 das Ende einer Epoche, in der die Wikinger Weltgeschichte schrieben. Nicht umsonst haben Historiker Harald den Harten den „letzten Wikinger“ genannt. Seine schillernde Karriere – er überlebte die Machtkämpfe in Norwegen, führte in Konstantinopel die Warägergarde des byzantinischen Kaisers, heiratete eine Prinzessin aus Kiew und gewann schließlich die Krone – bot noch Stoff für Heldenlieder. Aber in der Realität reihten sich die wilden Nordleute im 11. Jahrhundert in den Kreis der Königreiche ein, die sie über 250 Jahre hinweg mit ihren Beutezügen terrorisiert hatten. Lesen Sie auch„Wikingerdämmerung. 1066 – Zeitenwende im Norden“ ist auch der Titel der großen Ausstellung, die das Archäologische Landesmuseum Schleswig-Holstein zusammen mit dem Wikinger Museum Haithabu und dem Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) derzeit in Schloss Gottorf bei Schleswig präsentiert. Sie erklärt mit einer reichen Fülle an Exponaten, Illustrationen und Animationen, welche Rolle die Bewohner Skandinaviens im Europa des Frühmittelalters gespielt haben und warum sie diese schließlich aufgaben. Der Ort für diese ebenso spannende wie unterhaltsame Lektion könnte kaum besser gewählt sein. Denn von der einstigen Residenz der Herzöge von Schleswig bis zum Ausgrabungsareal von Haithabu am südlichen Ufer der Schlei sind es nur wenige Autominuten. Viele Funde, die in den vergangenen Jahren dort gemacht und aufwendig restauriert wurden, werden nun erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.Lesen Sie auchWenn der Gesandte des Kalifen von Córdoba, Ibrahim ibn Yaqub, um 965/6 Haithabu als „eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres“ beschrieb, war das Übertreibung und Superlativ zugleich. Übertreibung, weil in der Stadt fast alles fehlte, was Bagdad, Konstantinopel oder Córdoba zu Metropolen machte: Herrscher, Behörden, viele Bewohner und ein die Versorgung sicherndes Hinterland. Dagegen begründeten die Warenströme, Handelswege und ihre auf Luxuswaren spezialisierten Handwerker Haithabus Rang als größtes Wirtschaftszentrum Nordeuropas. Das war die andere Seite der Nordleute. Seit ihre Boote 793 erstmals in England erschienen waren und das berühmte Kloster Lindisfarne ausgeplündert hatten, verdienten sie sich ihren Namen „Wikinger“ (von altnordisch vikingr) zurecht, bedeutete er doch „Seeräuber“. Als gefürchtete Piraten tauchten sie mit ihren „Drachen“, wie die Kriegsschiffe wegen ihrer schrecklichen Figuren am Bug genannt wurden, blitzartig an den Küsten von Meeren und Flüssen auf und „töteten jeden, den sie trafen ... Das übrige Volk wurde verschleppt, Hausfrauen wurden von vielen vergewaltigt, alle Mädchen wurden schamlos ihrer Jungfräulichkeit beraubt“, klagte der Chronist Dudo von St. Quentin. Da halfen weder die langsamen Ritteraufgebote der angegriffenen Reiche noch Gebete: „Beschütze uns, gütiger Herr, vor dem Zorn und der Raserei der Nordleute.“Die Beute und noch viel mehr kamen in Haithabu zusammen. Der von einem dänischen Häuptling um 811 gegründete Handelsplatz lag an einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Europas. Hier kreuzte der Ochsenweg, die uralte Heer- und Handelsstraße von der Elbe in den Norden, die Route, die von der Schlei über nur 18 Kilometer ins Flussnetz der Eider führte. Mit Karawanen oder geschleppten Booten konnten die Waren, die in Haithabu angelandet wurden, leicht über die Schleswiger Landenge transportiert werden. Damit sparte man sich den gefährlichen Umweg durch Skagerrak und Kattegat.Jüngste Ausgrabungen zeigen, dass zur Sicherung dieser Trasse bereits in der Spätantike eine Befestigung entstand, die bis ins 19. Jahrhundert die traditionelle Südgrenze Dänemarks markierte, das Danewerk. Zusammen mit Haithabu handelt es sich um die größten Bauwerke, die aus der Wikingerzeit auf uns gekommen sind. 2019 wurden sie in die Welterbe-Liste der Unesco aufgenommen.In seiner Blütezeit erstreckte sich Haithabu auf etwa 24 Hektar. Obwohl davon erst fünf Prozent systematisch ausgegraben wurden, ergaben Sondierungen ein rechtwinklig angelegtes Siedlungsarea, in dem bis zu 2000 Bewohner ihre Produktionsstätten unterhielten. Archäologen bargen zahlreiche Belege für die Verarbeitung von Gold, Silber, Messing, Edelsteinen, Kristall, Glas sowie Spuren von Seide oder Keramik. Schmuckstücke oder exotische Textilien waren wichtige Handelsgüter, dienten sie doch den Eliten als Ausweise ihrer herausgehobenen Stellung. Mit derart wertvollen Geschenken stärkten die nordischen Häuptlinge auch die Loyalität ihrer Anhängerschaft, mit der sie auf ihre Beutezüge und Erkundungsfahrten ging, die sie bis nach Konstantinopel und Bagdad führten.Fußfesseln aus Metall sowie die zahlreichen Dirham-Münzen aus der muslimischen Welt verweisen in der Ausstellung auf ein höchst einträgliches Handelsgut: Menschen. Vor allem der noch von Heiden besiedelte Osten Europas diente als unerschöpfliches Reservoir für den Handel mit Sklaven. Ein wichtiger Kunde war das muslimische Kalifat von Córdoba, dessen Bedarf etwa an Eunuchen immens war. Andere lukrative Handelswaren waren Pelze, Felle, Walrosselfenbein, Metalle, Rentiergeweihe aus dem Norden, sowie Textilien und Luxuswaren aus dem Orient.Lesen Sie auchAuf den Zwischenhandel hatten sich die Waräger spezialisiert, aus Schweden stammende Nordleute, die in Kiew und Nowgorod die Herrschaft der Rus etabliert hatten. Sie kannten die Wege ins Arabische Weltreich und nach Byzanz, wo sie sich gern als Söldner anheuern ließen. Eine drastische Beschreibung dieser Nordleute stammt von dem arabischen Botschafter Ahmad Ibn Fadlan aus dem 920er-Jahren: „Jeder von ihnen hat unter den Augen seiner Gefährten sexuellen Umgang mit einer Sklavin. Manchmal vereinigen sich ganze Gruppen … Wenn in diesem Augenblick ein Kaufmann eintritt, um einem von ihnen ein Mädchen abzukaufen, und ihn beim Beischlaf mit ihr vorfindet, löst sich der Mann erst von ihr, wenn er sein Bedürfnis befriedigt hat.“ Auch der Andalusier Ibrahim ibn Yaqub hielt mit seiner Verachtung nicht hinter dem Berg: „Die Stadt (Haithabu) ist arm an Gütern und Segen … Die Hauptnahrung ihrer Bewohner besteht aus Fischen … Werden einem von ihnen Kinder geboren, so wirft er sie ins Meer, um sich die Ausgaben zu sparen … und nie hörte ich einen grässlicheren Gesang, wie das Bellen von Hunden, nur schlimmer.“ Dass zivilisierte Zeitgenossen sich dennoch nicht scheuten, mit derartigen Zeitgenossen Geschäfte zu machen, macht die Ausstellung deutlich: Weil sie nicht den Regeln der etablierten Reiche folgten, sondern um diese herum ein interkontinentales Handelsnetz aufgebaut hatten, waren die Wikinger die erfolgreichsten Unternehmer ihrer Zeit. Grundlage dafür waren ihre Schiffe, zum einen die „Drachen“, die bis zu 80 rudernde Krieger aufnehmen konnten, zum anderen die „Knorr“, gesegelte Transporter, die das Rückgrat des Handelsverkehrs bildeten. Mit diesen Schiffen erreichten die Nordleute Island, Grönland und um 1000 sogar Nordamerika.Bevorzugtes Ziel waren die britischen Inseln. Litten diese zunächst als leichte Opfer für Beutezüge, gingen zupackende Wikinger-Führer im 10. Jahrhundert dazu über, hohe Schutzgeldzahlungen, das sogenannte Danegeld, einzuziehen. Das machte England wiederholt zum Schlachtfeld, auf dem Männer wie die Dänen Sven Gabelbart oder Knut der Große regelrechte Imperien errichteten. Die Erfolge als Gewaltunternehmer verdankten die Nordleute der Fähigkeit, die militärischen Innovationen ihrer Geschäftspartner und Opfer zu übernehmen. Viele Schwerter, von denen Exemplare auch in der Ausstellung zu sehen sind, stammten aus dem Frankenreich, dessen Könige sogar ein Exportverbot dafür erließen. Lesen Sie auchNicht nur die Normannen, die sich ab 911 in der Normandie niederließen, sondern auch die Kämpfer in Skandinavien glichen sich den gepanzerten Reiterkriegern an, die West- und Mitteleuropa beherrschten. Mit welchen Folgen zeigt eine Replik des Teppichs von Bayeux in der Ausstellung. Die im Original 68 Meter lange Stickarbeit beschreibt in 52 Szenen die Landung von Wilhelm, Herzog der Normandie, 1066 in England und seinen Sieg. Seine Soldaten, mit denen er bei Hastings Harald Godwinson schlug, sind als Ritter dargestellt, mit denen der Normanne umgehend daranging, ein – nach den Maßstäben der Zeit – ordentlich verwaltetes Königreich zu errichten. Auch in Norwegen und Dänemark, etwas später auch in Schweden, hatten Leute vom Schlage Haralds des Harten ausgespielt. Könige konnten ihren Herrschaftsanspruch in immer größeren Teilen des Landes durchsetzen und die Häuptlinge, die bis daher gern ihr eigenes Ding gemacht hatten, unter ihre Kontrolle bringen. Steuern aus dem Inland ersetzten zunehmend die Beute aus dem Ausland.Als wichtigster Helfer erwies sich dabei die Kirche. Noch im 10. Jahrhundert hatte sich der Diplomat Ibn Fadlan über blutige Rituale bei einer heidnischen Trauerfeier echauffiert: Nachdem ein Häuptling gestorben war, wurden die Sklavinnen gefragt, welche bereit sei, ihm in den Tod zu folgen. Daraufhin hätten die Gefolgsleute des Toten der Reihe nach mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt. Schließlich sei ein „hässliches Weib“ mit dem Beinamen „Todesengel“ gekommen und habe ihr einen Dolch „wiederholt zwischen die Rippen“ gestoßen, „während die Männer sie mit dem Seil erdrosselten“. Lesen Sie auch100 Jahre später hatte das Christentum derartige Sitten weitgehend verdrängt. Mit seiner Annahme gewannen die Könige in der Kirche einen Partner, der seine Organisation bis in alle Winkel des Landes vorantrieb und dabei die Botschaft verkündete, dass der eine Herrscher von Gott in sein Amt berufen worden sei. Damit entstanden Staaten, die bestrebt waren, sich in die europäische Familie einzureihen. Da die jüngsten Gräber, die Archäologen auf den weitläufigen Friedhöfen von Haithabu ergraben konnten, kaum noch oder gar keine Beigaben enthielten, darf man von davon ausgehen, dass zahlreiche Bewohner bereits den christlichen Glauben angenommen hatten. Kirchen sind zwar in schriftlichen Quellen bezeugt, doch dürfte es sich nicht um repräsentative Bauten gehandelt haben. Als sich nach Haithabus endgültiger Zerstörung 1066 das Handelsgeschäft in das nahe Schleswig verlagerte, dokumentierte dessen Bischof seinen Rang mit einem respektheischenden Steinbau. Im Schatten derartiger Machtsymbole verschwand die Wikingerzeit in der Dämmerung.„Wikingerdämmerung. 1066 – Zeitenwende im Norden“, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum für Archäologie in Schloss Gottorf, bis 2. November 2025, Katalog: Michael Imhof Verlag, 29,95 EuroSchon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.