PfadnavigationHomeGeschichteSchiffswracks vor RügenSo verlor Schweden seine Hegemonie über die OstseeStand: 11:42 UhrLesedauer: 4 MinutenUnterwasserarchäologen haben im Greifswalder Bodden die Wracks von zwei schwedischen Kriegsschiffen entdecktQuelle: Georg Häussler/LAKDUm ihre Festung Stralsund zu sichern, versuchten die Schweden ab 1712 verzweifelt, die Verbindungen über die Ostsee offenzuhalten. Die Schiffe wurden nicht nur von feindlichen Flotten dezimiert, sondern auch von Eisgang, wie neue Funde zeigen.Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) versuchte Schweden, seinen Status als baltische Hegemonialmacht gegen Russland, Polen und Dänemark zu verteidigen. König Karl XII. konnte sich dabei auf ein schlagkräftiges Heer stützen, das sich aus Landeskindern rekrutierte, die weniger zur Desertion neigten als teure Söldner. Damit gelangen ihm in den ersten Jahren des Krieges eindrucksvolle Siege. Der Preis dafür aber war die Vernachlässigung seiner Flotte.Das sollte sich rächen, nachdem Schweden gegen die Russen 1709 bei Poltawa in der Zentralukraine eine vernichtende Niederlage hatte hinnehmen müssen. Denn nicht nur die dänische, sondern auch die russische Flotte dezimierte die schwedische Seemacht. Zar Peter I. hatte nicht nur zahlreiche Linienschiffe auf Kiel gelegt, sondern auch eine Flotte aus Galeeren, die in den Schären wesentlich besser navigieren konnten als die schwedischen Segler.Zwei Opfer des Krieges hat ein internationales Tauchteam jetzt zwischen Rügen und Usedom entdeckt. Es handelt sich um schwedische Kriegsschiffe, die im Winter 1714 von schwerem Eisgang zerdrückt wurden. Spuren der Wracks seien auf einer Länge von 200 Metern auf dem Meeresboden verteilt, heißt es in einer Mitteilung des Kulturministeriums Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Inventar sei sehr gut erhalten – von den Masten über die Ruder bis hin zu den Segeln. Da menschliche Knochen nicht entdeckt wurden, war es den Besatzungen offenbar gelungen, die Schiffe rechtzeitig zu verlassen. Der aktuelle Tauchgang war Teil eines mehrjährigen Projektes zur Erforschung der schwedischen Marinegeschichte unter der Federführung des in Stockholm ansässigen Wrackmuseums Vrak. Die beiden gesunkenen Kriegsschiffe waren Teilnehmer einer verzweifelten Operation, mit der Karl XII. seine Positionen in Pommern, das Schweden im Westfälischen Frieden 1648 gewonnen hatte, sichern wollte. Nach einem 15-tägigen Gewaltritt von Bender in Moldawien erreichte der König im November 1714 Stralsund. Umgehend erklärte er die Übergabe von Stettin an Preußen für nichtig, was dessen König Friedrich Wilhelm I. in das Lager seiner Gegner trieb. Stralsund war damals eine der stärksten Festungen Nordeuropas. Um den Zugang zum Hafen zu sichern, wurde 1712 von der Garnison ein Dutzend Handelsschiffe am Eingang des Greifswalder Boddens versenkt (die Untersuchung der Wracks ist ein Ziel der aktuellen Tauchgänge). Es handelt sich um Handelsschiffe, die von den Schweden angekauft worden waren. Zwar war es ihrer Flotte im September jenes Jahres gelungen, Verstärkungen und Kriegsmaterial über die Ostsee zu schaffen. Aber der Versuch, ein dänisches Geschwader zwischen Karlskrona und Rügen zur Schlacht zu stellen, endete in einem Desaster. „Dänemark erlitt keine Verluste, während sechs gegnerische Frachter aufs Ufer aufsetzten, weil sie befürchteten, es nicht in einen rettenden Hafen zu schaffen“, fasst der Historiker Stephan Lehnstaedt in seiner Darstellung „Der Große Nordische Krieg“ zusammen. Lesen Sie auchNachdem Karl XII. in Stralsund das Kommando übernommen hatte, versuchte eine schwedische Flotte im Frühjahr 1715 erneut, die Verbindungen zwischen Dänemark und Russland zu unterbrechen. Aber die Dänen blieben Sieger. Schweden musste seine Schiffe übergeben, nur dem Flaggschiff „Prinsessan Hedvig Sofia“ gelang die Flucht in die Kieler Förde, wo Unterwasserarchäologen das Ergebnis ihrer Selbstversenkung entdeckt haben.Lesen Sie auchIm Juni 1715 begannen 25.000 Sachsen, Dänen und Preußen mit der Belagerung von Stralsund, das von See aus nicht mehr entsetzt werden konnte. Sechs Monate hielt die 10.000 Mann starke Garnison stand. Nachdem Karl XII. am 19. Dezember mit dem letzten Boot und viel Glück durch die dänischen Sperren geflohen war, ergab sich die Festung. Nach dem Tod des Königs 1719 fand der Krieg endlich ein Ende. Stralsund blieb schwedisch, Stettin und die Odermündung gingen an Preußen, Russland gewann Teile des Baltikums und Südkarelien. Die beiden gefundenen Wracks sollen vor Ort bleiben. Gefährdete Stellen würden mit Sandsäcken gegen Strömungen gesichert. Gerade im küstennahen Bereich sei die Erhaltung von Unterwasserfundstellen eine enorme Herausforderung, heißt es: „Hier sind Wracks nicht nur durch Strömung, Wellengang und natürliche Erosion bedroht, sondern inzwischen auch durch die immer weiter in die Ostsee vordringende Bohrmuschel Teredo navalis, den sogenannten Schiffsbohrwurm, der exponiertes Holz regelrecht zerfrisst.“Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.