In der Rungholt-Sage heißt es, Gott habe die Menschen wegen ihrer Sünden und Dekadenz bestraft. Ist diese Erklärung typisch für diese Zeit?Die überlieferten Fassungen stammen vermutlich aus dem 16. und 17. Jahrhundert und sind stark von protestantischen Vorstellungen beeinflusst, die sich damals in Norddeutschland ausgebreitet haben. Solche Geschichten sind immer geprägt von der Region, von den Volkssagen, die es dort gibt – und von den Autoritäten, die sich einmischen. Die Kirche nutzte die Katastrophe, um das Volk zu belehren.Warum?Wir sind eine christliche Kultur, daher ist es erst einmal klar, dass es in diese Richtung ging. Die Kirche hat die Deutungshoheit oft zum eigenen Vorteil ausgelegt, zur Aufrechterhaltung der moralischen Ordnung. Mit der Flut ging ja auch eine bestehende Ordnung unter.Warum werden solche Geschichten über Naturkatastrophen erzählt?Wir erzählen Geschichten, um das Ereignis zu verarbeiten. Es ist wichtig, diese Geschichten zu erzählen und sich an vergangene Katastrophen zu erinnern. Sie sind Teil der Erinnerungskultur. Rungholt ist ja tatsächlich untergegangen, die Menschen leben weiterhin in dieser prekären Gegend – und die Nordsee ist eine permanente Bedrohung.Welche Geschichten werden noch erzählt?Da ist die Glocke der untergegangenen Kirche, die im Watt läutet. Das erzählen sich die Menschen bis heute, und es ist einfach, sich darüber lustig zu machen. Aber man wird dadurch permanent daran erinnert, dass es im Wattenmeer untergegangene Siedlungen mit Tausenden von Toten gibt. Das Wattenmeer ist voller Geschichten, die bei jeder Katastrophe wieder aufgegriffen werden. Das Gedenken hat einen Sinn: die Mahnung an die Katastrophe.Reicht das?Die Katastrophe löst ein Machtvakuum aus, aber oft entsteht auch Neues. Die Katastrophe kann die Menschen ins Handeln bringen. Nach der Weihnachtsflut 1717 setzten sich die Deichbauer zusammen und fragten sich: Was haben wir falsch gemacht, wie kann man Deiche verbessern? Dasselbe nach den großen Fluten 1953 oder 1962.Welche Spuren hinterlassen Katastrophen?Der Tod durch Ertrinken ist fürchterlich – und der Schrecken solcher Ereignisse ganz zentral, sie prägen die Erinnerungskultur und kollektive Vorstellungen. Man darf niemals das Drama dieser Katastrophen unterschätzen.Heute ist jede Naturkatastrophe ein Medienereignis. Ist unser Umgang mit Katastrophen anders?Wir kriegen mehr mit, aber Katastrophen waren und sind immer medial. Manche sagen, wir leben im Anthropozän, da ist die Bedrohung durch Extremereignisse fester Bestandteil. Es ist naheliegend, dass Katastrophen so präsent sind. Wir haben lange in dem Glauben gelebt, dass wir technisch alles bewältigen können. Wenn das Meer kommt, bauen wir einen großen Deich, dann ist Ruhe. Und heute steht man da, das Land hinter dem Deich ist abgesunken, der Meeresspiegel steigt – und man weiß: Das geht nicht gut auf Dauer. Das hört nie auf.Macht der Klimawandel das Bewusstsein für die Bedrohungslage wieder deutlicher?Wir leben in einer gefährlichen Welt. Das Bewusstsein dafür haben wir durch unseren Wohlstand und hohe Technik verloren. Das erfordert neue Erzählungen.Früher strafte Gott, heute schlägt die Natur zurück.Da gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Rungholt-Sage deutet ein vergangenes Ereignis moralisch, die heutigen apokalyptischen Erzählungen beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über zukünftige Risiken. Wir fragen uns, was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt. Wir berufen uns dabei weniger auf Gott als auf die Wissenschaft.Ist der Kampf gegen die Natur zu gewinnen?Ich bin kein Freund der Kampfmetapher, die Zweispaltung Natur/Kultur wird schon lange hinterfragt. Wenn schon Kampf, würde ich eher eine Aikido-Technik empfehlen: Wie können wir die Kräfte aufnehmen und ins Gegenteil verwandeln? Denn den Kampf können wir niemals gewinnen. Die Erde kommt nie zur Ruhe, wir sind in einer prekären Situation.Beim Klimawandel kämpfen wir nicht mehr gegen die Natur. Sondern gegen uns. Weil wir den Klimawandel verursacht haben.Ja, wir stehen nicht der Natur gegenüber, wir sind Teil der Natur, wir gestalten unsere Umwelt. Daher finde ich den Begriff der Anpassung auch nicht gut. Wir sollten eine Umwelt konstruieren, in der wir leben können.Werner Krauß arbeitet am artec Forschungszentrum für Nachhaltigkeit an der Universität Bremen und forscht zur Ethnologie von Landschaften, zu politischer Ökologie, zu Anthropozän und Klimawandel.
Umgang mit Katastrophen: „Den Kampf können wir niemals gewinnen“
Im Wattenmeer sind schon viele Menschen und Orte versunken. Früher wurde darin eine göttliche Strafe gesehen. Der Landschaftsethnologe Werner Krauß erforscht, wie wir heute mit Katastrophen umgehen.












