Interview«Es ist doch richtig, wenn Xhaka klar ausspricht, dass eine solche Leistung nicht genügt. Da muss sich nicht gleich jeder angegriffen fühlen»Der frühere deutsche Nationalspieler Marcell Jansen traut der Schweiz Grosses zu. Er sagt, wer die beste Chance hat, Weltmeister zu werden, und überrascht mit einer Entdeckung.Sven Haist, Dallas28.06.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Die Entwicklung der Schweizer hat sich im Weltfussball herumgesprochen»: Marcell Jansen lobt das Team.Peter Klaunzer / KeystoneMarcell Jansen, Sie beobachten die WM als Experte. Vor dem Turnier bestand die Sorge, dass es durch die hohe Anzahl an Spielen an Qualität verliert. Hat sich das bewahrheitet?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nein, das ist aus meiner Sicht nicht eingetreten. Ich habe den Eindruck, dass diese vermeintlich kleinen Fussballnationen praktisch verschwunden sind – obwohl so viele Teams teilnehmen wie noch nie. Die Neulinge sind den etablierten Mannschaften nicht klar unterlegen, im Gegenteil: Die Partien sind eng, die Resultate knapp, selbst bei den Titelanwärtern. Es gi­bt mehr Überraschungen als früher. Das zeigt, dass die Aussenseiter hervorragende Arbeit leisten.Was sind die Gründe für das überraschend hohe Niveau der Aussenseiter?Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist gewachsen. Kleinere Nationen beginnen zu träumen und fragen sich, weshalb sie nicht selbst über neunzig Minuten mit den Grossen mithalten sollten. Die grössten Unterschiede liegen heute in der Mentalität und im Kopf. Hinzu kommt das Teamgefüge, das Unglaubliches bewirken kann. Der Stolz und die Geschichte eines Landes setzen enorme Kräfte frei. Es ist wie ein zusätzlicher Schub, wenn Historisches möglich ist und im Stadion zahlreiche Landsleute mitfiebern.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenWelche Rolle spielt, dass nahezu jedes Teilnehmerland über Spieler verfügt, die in ausländischen Ligen spielen?Das ist ein wichtiger Punkt. Das Wissen im Fussball ist durch den Austausch von Erfahrungen sowie durch Video- und Datenmaterial deutlich grösser geworden. Gleichzeitig müssen Spieler aus kleineren Ländern häufig mehr investieren, um den Sprung in die Topligen zu schaffen, da die Strukturen im eigenen Land weniger entwickelt sind. Dadurch bringen sie einen ausgeprägten Erfolgshunger mit – genau den braucht es, um sich auf höchstem Niveau durchzusetzen.Einige Favoriten sind in der Vorrunde gestrauchelt. Auch die Schweiz spielte nur 1:1 gegen Katar. Granit Xhaka sagte, seine Equipe müsse «mit beiden Beinen auf den Boden kommen» – und wurde dafür kritisiert. Zu Recht?Nein. Es ist doch richtig, wenn jemand klar ausspricht, dass eine solche Leistung nicht genügt. Genau das wollen wir hör­en. Da muss sich nicht gleich jeder angegriffen fühlen. Granit hat das nicht aus Selbstzweck gesagt, sondern weil er einen hohen Anspruch an sich und an seine Teamkollegen hat. Das ist Verantwortungsbewusstsein. Beeindruckend ist, wie er seine Mannschaften führt und mitnimmt. Er verfügt über einen ungebrochenen Ehrgeiz und ein feines Gespür dafür, wann er das Team schützen sollte und wann Kritik angebracht ist. Seine Aussagen hatten einen positiven Effekt: Die beiden folgenden Spiele wurden trotz dem Druck gewonnen. Das hat gezeigt, dass das Mannschaftsgefüge der Schweiz absolut intakt ist.Hohe Erwartungen: Das Schweizer Nationalteam ist für die nächste Runde qualifiziert.Peter Klaunzer / KeystoneTrauen Sie der Schweiz zu, weit vorzustossen, etwa bis in den Halbfinal?Auf jeden Fall. Die Schweiz hat sich grossen Respekt erarbeitet. Kein Gegner spielt besonders gern gegen sie in der K.-o.-Phase. Seit Jahren liefert das Nationalteam konstant starke Leistungen, das zeigt sich auch in den Duellen mit Deutschland, die immer enger werden. Die Entwicklung der Schweizer hat sich im Weltfussball herumgesprochen und lässt sich daran ablesen, wie viele Spieler inzwischen bei ambitionierten Vereinen unter Vertrag stehen. Die Schweiz hat ein Niveau erreicht, das sie klar ins erweiterte Spitzenfeld bringt – dafür muss sie aber an ihr Leistungslimit gehen.Zur PersonGettyDer 40-Jährige bestritt 45 Länderspiele für Deutschland und nahm an zwei Weltmeisterschaften teil, 2006 und 2010. Er wäre wohl auch beim WM-Titel 2014 dabei gewesen, riss sich aber in einem Testspiel zuvor das Aussenband. Mit der Verletzung endete seine Karriere im Nationalteam. Seinen Durchbruch feierte Jansen bei Mönchengladbach, später trug er das Trikot des FC Bayern sowie vom Hamburger SV. Dort war er nach seinem Rücktritt als Spieler von 2019 bis 2025 Präsident. An der WM analysiert er für ein Online-Fussball-Portal die Spiele der Deutschen.Welche weiteren WM-Trends fallen auf?Wie körperlich, dynamisch und schnell der Fussball geworden ist. Die Zahl der Sprints, intensiven Läufe und erreichten Spitzengeschwindigkeiten in den Matches hat deutlich zugenommen. Das betrifft nicht nur die Weltspitze, sondern auch Nationen wie die USA, Ecuador, Côte d’Ivoire oder Marokko. Der Fussball war im athletischen Bereich lange ein Nachzügler, er hinkt anderen Sportarten auffallend hinterher. Erst in den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat er athletisch entscheidend aufgeholt.Wie war es denn zu Ihrer Zeit?Ich erinnere mich noch an die WM 2006, als unser Trainer Jürgen Klinsmann für Trainingseinheiten mit Gummibändern belächelt wurde. Heute gehört es zum Standard, mit Athletiktrainern gezielt an der Schnellkraft zu arbeiten.Ist die Fitness am Ende womöglich der entscheidende Faktor für den WM-Sieg?Davon bin ich überzeugt – erst recht gegen Ende eines Turniers, das länger dauert als jedes zuvor. Jeder Spieler wird körperlich und mental an seine Grenzen gehen.Kann Deutschland in dieser Hinsicht mithalten? Gegen Côte d’Ivoire (2:1) und Ecuador (1:2) hatte die Mannschaft des Bundestrainers Julian Nagelsmann jedenfalls grosse Mühe mit der Aggressivität und der Robustheit der Gegner. Im Sechzehntelfinal trifft das DFB-Team mit Paraguay auf einen physisch starken Gegner.Wir tun uns schwer gegen Mannschaften, die hartnäckig verteidigen, konsequent in die Zweikämpfe gehen und nach Ballgewinnen schnell umschalten. Immerhin hat die Schlussphase gegen Côte d’Ivoire gezeigt, dass das Team dagegenhalten kann. Insofern war die Vorrunde ein wertvoller Test.Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?Die Franzosen. Sie verfügen mit Abstand über die besten Einzelspieler und das stärkste Kader. Dahinter sehe ich Spanien, Argentinien und England auf einem ähnlichen Niveau. Sehr gefestigt scheint mir auch Marokko zu sein. Ich halte die Nordafrikaner für einen äusserst unangenehmen Gegner. Für mich bietet Marokko die schwierigste Aufgabe für die etablierten Topnationen.Turnierfavoriten mit Frankreich: Ousmane Dembélé, Jules Koundé und Kylian Mbappé (von links).Justus Stegemann / ImagoTrotz der zunehmenden athletischen Bedeutung gelingt es Lionel Messi, 39, und Cristiano Ronaldo, 41, auch im hohen Alter noch, Spiele bei dieser WM zu prägen. Wie machen die beiden das?Die Leistungsfähigkeit älterer Spieler steigt – ähnlich wie die allgemeine Lebenserwartung. Das lässt sich auch in anderen Sportarten beobachten. Heute wird vieles optimiert, um den natürlichen Leistungsabbau möglichst lange hinauszuzögern. Einen grossen Anteil daran haben die medizinischen und athletischen Betreuerstäbe sowie die professionelle Lebensweise der Spieler.Und sportlich?Fussballspielen verlernt man nicht – auch mit 60 nicht. Durch ihre enorme Erfahrung verfügen die beiden über ein aussergewöhnliches Spielverständnis und können Situationen intuitiv antizipieren. Dieses Unterbewusstsein ist über Jahrzehnte hochtrainiert worden, weil sich ihr Leben seit frühester Kindheit fast ausschliesslich um Fussball dreht. Dazu kommt, dass Nationalteams weniger eingespielt sind als Vereinsmannschaften. Dadurch entstehen eher Stellungsfehler oder Abstimmungsprobleme in der Defensive, die Spieler mit den Qualitäten von Messi und Ronaldo konsequent ausnutzen.Gibt es einen talentierten jungen Spieler, der Ihnen besonders gefällt?Der Sechser von Marokko! Wie heisst er nochmals?Sie meinen: Ayyoub Bouaddi von OSC Lille?Ja, genau. Ich habe ihn erstmals gegen Brasilien gesehen. Nach zehn Minuten hatte ich das Gefühl, ich müsse meine früheren Vereine anrufen und ihnen sagen, sie sollen ihn verpflichten. Aber da war es bereits zu spät, weil er natürlich auch anderen aufgefallen war. Diese Physis, die Ballsicherheit, die Aggressivität, dazu das herausragende Raumgefühl – und die Art, wie er das Tempo des Spiels bestimmte. Ich hatte den Eindruck, da steht ein 28-jähriger Mittelfeldspieler eines europäischen Spitzenklubs auf dem Platz. Dabei ist er erst 18.Herausragendes Raumgefühl: Der Marokkaner Ayyoub Bouaddi (links) – hier im Zweikampf mit dem Schotten Kieran Tierney – ist eine Entdeckung des Turniers.Martin Rickett / PA Images / GettyBouaddi ist einer von insgesamt 98 Spielern bei dieser WM, die in Frankreich geboren wurden. Was ist das Besondere an der Spielerausbildung in Frankreich?Ich habe vor einigen Jahren eine Analyse aus dem französischen Jugendfussball gesehen, wonach die Intensität in Training und Spielen viel höher ist als in anderen Ländern. Es geht um alle Bereiche: Physis, Technik, Geschwindigkeit. Aus den Statistiken liess sich etwa verifizieren, dass bei Spielen zwischen gleichaltrigen französischen und deutschen Jugendmannschaften das deutsche Team zwei, drei Jahre jünger wirkt.Wie kommt dieser gravierende Unterschied zustande?Es wird nicht nur ein paar Stunden trainiert, sondern täglich alles dem Fussball untergeordnet. Spieler aus weniger privilegierten Gegenden in Frankreich wissen, dass der Fussball ihre grosse Chance auf eine bessere Zukunft ist. Entsprechend ausgeprägt ist der Wille, Profi zu werden. Das Nachdrängen von jungen Spielern hebt das Niveau insgesamt – und trägt letztlich auch dazu bei, dass WM-Turniere ausgeglichener werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel