Mit seiner Firma Grizzly Research nimmt Siegfried Eggert die Beteiligungsgesellschaft ins Visier. Je schlechter es den Zugern geht, umso besser läuft es für Eggert.28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Leerverkäufer Grizzly Research nimmt zunehmend Firmen aus Europa ins Visier.Alex S. / ImagoFünf Analysten, einen Privatdetektiv und ein Büro in New York – mehr braucht Siegfried Eggert nicht, um bei börsenkotierten Konzernen Panik auszulösen. Der 34-Jährige ist Leerverkäufer. Mit seiner Investmentfirma Grizzly Research wettet er auf den Kursverfall eines Unternehmens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Namen seiner Firma hat Eggert nicht zufällig gewählt. Bären stehen an der Börse für fallende Aktienkurse, und kaum einer ist so furchteinflössend wie eines der grössten Landraubtiere Nordamerikas.Nehmen aktivistische Leerverkäufer wie Eggert ein Unternehmen ins Visier, gehen sie meist nach einem ähnlichen Schema vor: Erst platzieren sie ihren Wetteinsatz. Mittels gezielter öffentlicher Attacken auf das Unternehmen – gerne über soziale Netzwerke oder Medien – sorgen sie dann dafür, dass die Kurse auch tatsächlich nachgeben.Dazu leihen sie sich die Aktien gegen eine Gebühr bei einer Bank aus und verkaufen sie, ohne sie zu besitzen – also «leer». Am Ende der Leihfrist müssen sie die Aktien zum aktuellen Preis zurückkaufen und der Bank zurückgeben. Fällt der Kurs, streicht der Leerverkäufer die Differenz zwischen Verkaufspreis und Kaufpreis als Gewinn ein.«Schlimmer als Wirecard»Beim Kurszerfall helfen Leerverkäufer tatkräftig mit. So wie jüngst bei der Partners Group. Ende April hat Grizzly Research einen Bericht veröffentlicht, in dem der Schweizer Beteiligungsgesellschaft vorgeworfen wird, dass in einem ihrer Fonds zahlreiche Investments zu hoch bewertet seien. Grizzly Research zitiert einen Professor mit der Aussage, die Situation sei «schlimmer als bei Wirecard». Der deutsche Zahlungsdienstleister kollabierte nach einem Betrug in Milliardenhöhe.Siegfried EggertPDDen Namen des Professors will Eggert im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» nicht preisgeben. Es handle sich aber um jemanden, der an einer Universität in einer europäischen Hauptstadt tätig sei. «Die Quelle ist verlässlich», behauptet Eggert. Der Vergleich mit dem Zahlungsdienstleister ist für ihn nicht abwegig. «Am Ende haben bei Wirecard rund 2 Milliarden Euro in der Kasse gefehlt. Bei der Partners Group geht es gemäss unseren Kalkulationen um viel höhere Geldbeträge», sagt er.Die Vorwürfe, die Eggert gegen die Partners Group erhebt, wiegen schwer. Sie sind laut der Einschätzung von Finanzanalysten auch haltlos. Die Partners Group hat den Bericht von Grizzly Research in einer ausführlichen Mitteilung denn auch vehement zurückgewiesen. «Wie in unserer Medienmitteilung dargelegt, erachten wir die Vorwürfe als haltlos und widerrechtlich und haben Strafanzeige gegen Grizzly eingereicht», schreibt die Beteiligungsgesellschaft auf Anfrage. Aufgrund der laufenden Strafanzeige seien keine weiteren Kommentare möglich.Für Siegfried Eggert ist die Rechnung aufgegangen. Allein seit der Publikation des Berichts Ende April haben die Aktien von Partners Group rund 27 Prozent ihres Wertes verloren. Grizzly Research dürfte damit einen erheblichen Gewinn erzielt haben. Alfred Gantner, einer der drei Gründer der Partners Group, machte den Leerverkäufer denn auch direkt für den Kurssturz verantwortlich. In einem Interview warf er ihm unlautere Methoden vor.Alfred GantnerNZZDie Attacke von Grizzly Research ist jedoch nur einer der Gründe für den starken Kurseinbruch der Partners-Group-Aktien. Seit Jahresbeginn handeln die Wertpapiere rund 37 Prozent im Minus. Für Firmen, die sich auf nicht börsenkotierte Anlagen spezialisiert haben, ist das Umfeld derzeit schwierig. Die höheren Zinsen trüben ihre Wachstumsaussichten. Wenig hilfreich war ausserdem, dass Partners Group in einem Fonds Kapitalrückzüge der Investoren beschränken musste.Geschäftsmodell ist grundsätzlich nicht verwerflichKein Wunder, dass Leerverkäufer bei Unternehmen äusserst unbeliebt sind. Sie gelten als Spekulanten, Kritiker bezeichnen sie gar als Aasgeier. Wer in dem Geschäft erfolgreich sein will, braucht starke Überzeugungen, einen langen Atem und viel Selbstbewusstsein. Über diese Eigenschaften verfügt Eggert zweifellos. Kritik an seinem Geschäft weist er von sich. «Ich kann die negativen Emotionen der Unternehmen zumindest teilweise verstehen», sagt er. Grundsätzlich müsse er sie aber einfach hinnehmen.Privates ist von Siegfried Eggert kaum bekannt. Einzig, dass er laut seinem Profil auf Linkedin einst Handballtrainer beim VfL Handball Gummersbach war. Bevor er 2019 seine Firma gegründet hat, arbeitete er bei einer kleinen Investmentfirma. Damals sei ihm klargeworden, dass auch bei Firmen, die an der Börse kotiert seien, viel mehr Dinge falsch liefen, als Privatanleger sich vorstellen könnten. Mit Grizzly Research hat er eine Möglichkeit gefunden, wie er davon profitieren kann.Grundsätzlich sei das Geschäftsmodell aber nicht verwerflich, sagt der Zürcher Rechtsanwalt Merens Cahannes. Für ihn sind Leerverkäufer Teil eines effizienten Finanzmarktes, ungeachtet der gängigen Vorbehalte. «Sie schaffen ein ökonomisches Gleichgewicht.» Gäbe es keine Leerverkäufer, könnten alle Aktien kaufen, aber nur bisherige Aktionäre verkaufen. Märkte wären systematisch überbewertet. Die Leerverkäufer bilden sozusagen das Gegengewicht. Sie sorgen dafür, dass pessimistische Erwartungen gleichberechtigt im Markt abgebildet werden, was zu effizienteren Preisen führt.Zudem gelingt es ihnen zuweilen tatsächlich, Missstände aufzudecken. Im Fall Wirecard war der Leerverkäufer Fraser Perring mit seinem Unternehmen Viceroy Research massgeblich daran beteiligt, den Skandal um den deutschen Zahlungsdienstleister aufzudecken. Auch beim Zusammenbruch von Enron im Jahr 2001 sorgten Leerverkäufer dafür, dass die Bilanzfälschungen des Energiekonzerns ans Tageslicht kamen.Die Risiken sind für beide Seiten hochGefragt nach seinem grössten Erfolg verweist Siegfried Eggert auf den Fall der chinesischen Online-Universität GSX Techedu. 2020 wies Grizzly Research nach, dass das Unternehmen seine Studentenzahlen frisiert hatte. «90 Prozent der Schüler existierten einfach nicht», sagt Eggert. Selbst die amerikanische Börsenaufsicht SEC schaltete sich ein. Seit der Publikation des Berichts haben die Aktien der Online-Uni ihren Wert fast vollständig eingebüsst.Seine Attacken haben Siegfried Eggert bereits mehrere juristische Auseinandersetzungen eingebracht. Neben der Partners Group droht ihm auch der deutsche Prothesenhersteller Ottobock. Das Unternehmen, das im Mai ins Visier von Grizzly Research geriet, hat angekündigt, juristische Schritte zu prüfen. 2025 hat die brasilianische Finanzgesellschaft XP in den USA Klage gegen Grizzly Research eingereicht. Diese wurde aber wenig später wieder zurückgezogen.Das zeigt das Dilemma, in welchem Firmen sich befinden, die von Leerverkäufern attackiert werden. Klagen sie, riskieren sie ein Verfahren, das möglicherweise zusätzliche Öffentlichkeit mit sich bringt. Versuchen sie hingegen, die Attacke auszusitzen, kann dies das Vertrauen der Anleger unter Umständen nachhaltig beschädigen.Für Unternehmen ist es schwierig, sich gegen Angriffe von Leerverkäufern zu schützen, besonders wenn der Angriff aus dem Ausland kommt. Immer wieder geht es um Vorwürfe wegen Insiderhandels sowie Kurs- oder Marktmanipulation. Diese untersuchen in der Schweiz die Finanzmarktaufsicht (Finma) und die Strafverfolgungsbehörden. «Der beste Schutz ist, wenn ein Unternehmen ein hohes Vertrauen am Markt geniesst», sagt der Rechtsanwalt Cahannes.Auch für die Leerverkäufer sind die Risiken hoch. Schaffen sie es nicht, die Märkte von ihrer Meinung zu überzeugen, verlieren sie ihr eigenes Geld und das ihrer Kunden. Wie viel Geld Grizzly Research verwaltet und wer die Kunden der Investmentgesellschaft sind, gibt Eggert allerdings nicht bekannt. Auch wenn Eggert der Meinung ist, dass es Grizzly Research gelingt, einiges an Missständen aufzudecken, sieht er sich nicht als Robin Hood. «Wir sind in erster Linie Investoren.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Mit seiner Firma Grizzly Research nimmt Siegfried Eggert die Beteiligungsgesellschaft ins Visier. Je schlechter es den Zugern geht, umso besser läuft es für Eggert.







