Roderick AichingerWo Adolf Hitler geboren wurde, zieht ein Polizeikommando ein. «Na und?», sagen die einen, das Leben gehe weiter. «Geht’s noch?», rufen die anderen, hier würden Erinnerungen getilgt. Eine Stadt in Österreich ringt mit ihrem toxischen Erbe.28.06.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenEs ist eine Strasse, wie es sie in der Provinz unzählige gibt. Eine Boutique für italienische Herrenmode. Ein Biobäcker mit wässrigem Kaffee. Waffengeschäft. Barbershop. Dönerbude.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer von nichts wüsste, würde mit dem Auto vorbeifahren, in aller Eile einen Döner verschlingen, ein Brot kaufen. Neue Schuhe vielleicht?Hier ist nichts Weltbewegendes geschehen. Zumindest kein Verbrechen. Ein Kind wurde geboren vor 137 Jahren. Sohn des Zollbeamten Alois, eines Hobbyimkers, und der Klara, geborenen Pölzl. Die Hebamme, die der Familie an jenem 20. April 1889 zugewiesen wurde, hiess Franziska Pointecker, so steht es im Stadtarchiv. Das Kind wurde wenige Tage nach der Geburt in der nahen Pfarrkirche St. Stephan, bekannt für ihren mächtigen Glockenturm, auf den Namen Adolf getauft.Das macht die Sache kompliziert.Es wirft einen Schatten über dieses hochgieblige Haus, über dieses Städtchen an der österreichisch-deutschen Grenze, das ausgerechnet Braunau heisst.Es verändert den Blick auf das Waffengeschäft und in die Gesichter der Menschen, die nichts getan haben, ausser an demselben Ort aufzuwachsen wie der mutmasslich grösste Massenmörder der Geschichte: Wie ist das, mit diesem Schatten aufzuwachsen?Wie sehr prägen uns die Orte, in denen wir leben?Im Barbershop: «Nazi-Touristen recken den Arm hoch und grinsen.»NZZAS – Magazin NZZaS«Ach, hörts doch auf!», das sagt Rotraud Steiger in ihrem gemütlichen Wohnzimmer. Sie lebt seit sechzig Jahren an dieser Strasse und hat sich neulich den grauen Star weglasern lassen.Wenn sie die Vorhänge vor den Fenstern beiseiteschiebt, sieht sie direkt auf Adolf Hitlers Geburtshaus. «Ist doch alles so lange her», sagt sie. In der Ukraine werde auch gestorben, dort passiere doch dasselbe wie damals bei uns. «Warum das Alte hervorholen?»«Jeden Tag kommen die Glatzen und die Typen in den Bomberjacken», das sagt einer der Jungs aus dem Barbershop und zeigt Fotos.Manche dieser Nazi-Touristen legen Kerzen nieder, andere recken ihren rechten Arm hoch und grinsen. ­«Einmal bin ich mit meinem Auto mit Braunauer Kennzeichen in Köln von einem Fremden angesprochen worden», erzählt er. «Ich sei immer willkommen, hat er mir gesagt und mir seinen privaten Parkplatz angeboten.»«Braunau ist eine Projektionsfläche», das sagt der amtierende Bürgermeister Johannes Waidbacher auf dem Balkon des Rathauses und blinzelt in die Sonne.«Unsere Stadt steht für immer und ewig in den Geschichtsbüchern und sorgt für mediale Aufmerksamkeit. Damit müssen wir umgehen.»Das Haus, das dieses Städtchen weltberühmt macht und Besucher aus aller Welt anlockt, weil Hitler hier seine ersten Monate verbrachte, Salzburger Vorstadt 15, hat eine weisse Fassade und kleine Sprossenfenster.Nach dem Krieg war es erst eine Schule, später eine Bibliothek, lange Zeit diente es als Behindertenwerkstätte. Seit 2011 steht es leer, wurde in den vergangenen Jahren für 20 Millionen Euro umgebaut und wird Ende Juli wieder eröffnet.Wo Hitler geboren wurde, zieht in wenigen Wochen das Bezirkspolizeikommando ein. Verhörzimmer. Schulungsräume. Zellen. Das ist entweder die bitterste Ironie oder die denkbar klügste Aneignung.Einige wollten es stattdessen abreissen. Andere forderten ein Museum, ein Haus der Verantwortung. Der Behindertenorganisation war das Hitler-Haus nicht rollstuhlgängig genug. Anwohner störten sich daran, nicht gefragt worden zu sein.«Warum kein Café?», fragt der Inhaber des Herrenmodegeschäfts.«Braunau ist eine Projektionsfläche», sagt Bürgermeister Johannes Waidbacher. Sicht auf den Innenhof des Hitler-Hauses (rechts).Im Architekturwettbewerb, der dem Umbau vorausging, stand: «Durch die äusserliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt werden.»Der damalige Innenminister Wolfgang Peschorn sprach davon, dem Hitler-Geburtshaus die Erinnerung «zu entziehen». Zudem war von einer «völligen Neutralisierung» die Rede.Soll man Erinnerungen denn löschen? Die Geschichte verschwinden lassen? Verliert dieses Städtchen am Inn mit seinen 18 000 Einwohnern seinen Schatten, wenn das berühmteste Haus der Gegend eine strahlend weisse Fassade erhält?Blick vom Stadttor in die Strasse des Geburtshauses.Die Debatte um die Zukunft des Hauses fällt zusammen mit einem weitverbreiteten Wunsch nach einem «Schlussstrich unter die NS-Zeit». In der sogenannten Memo-Studienreihe der Universität Bielefeld, einer repräsentativen Meinungsumfrage zur Erinnerungskultur in Deutschland, spricht sich zum ersten Mal eine Mehrheit dafür aus, das Gedenken an den Holocaust auch einmal ruhen zu lassen. Achtzig Jahre seien genug.Ähnliches berichtet Willi Mernyi aus Österreich, Vorsitzender des Mauthausen-Komitees, eines Vereins, der sich für die Opfer des NS-Regimes einsetzt und von einer «Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte» spricht. Immer öfter höre er, was auch die Nachbarin Rotraud Steiger sagt: Alles lange her! Immer diese Schuldzuweisungen! Warum ständig im Vergangenen bohren?Was in Braunau geschieht, sei «typisch für dieses Land», sagt Mernyi. «Am liebsten hätte man das Haus abgerissen und die Geschichte unter den Teppich gekehrt. Aber weil das nicht geht, macht man halt einen Polizeiposten.» Da könne man die Nazis, die sich auf der Strasse fotografierten, gleich einbuchten. «Passt schon», sagten die Leute, das sei der österreichischste aller Sätze.Einfach sei der richtige Umgang mit diesem Haus nicht, gibt Mernyi zu. «Es gibt keine Normalität in Braunau», so wie es keine Normalität in Mauthausen gebe, dem Ort des grössten Konzentrationslagers auf österreichischem Boden, wo Hunderttausende erschossen und vergast wurden.Lange Zeit habe man in Österreich versucht, die Geschichte zu verdrängen, habe geschwiegen, weil die Tätergeneration noch gelebt habe und die alten Nazis von damals hohe Ämter bekleidet hätten.«Heute, wo alle Verbrecher tot sind, kämpfen wir gegen etwas viel Schlimmeres», klagt Willi Mernyi, «diese Geschichtsapathie», eine Abgestumpftheit gegenüber den Ereignissen im Nationalsozialismus.Und wenn der Antisemitismus zunehme, wie in jüngerer Zeit, wenn Autokraten gefeiert würden und von Remigration die Rede sei, «wird der Aufschrei leiser, die Empörung geringer». Die Leute kümmere es nicht mehr, oder sie winkten ab. Passt schon.Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf: «Man kann sich nicht von seiner Geschichte trennen.»130 Kilometer vom österreichischen Braunau entfernt sitzt Eva Umlauf auf dem beigefarbenen Sofa ihrer Dachwohnung in München, in einem Villenviertel an der Isar. Umlauf ist Psychotherapeutin. Die 83-Jährige arbeitet mit den Erinnerungen der Menschen und ringt schon ihr ganzes Leben lang mit den eigenen.Sie zieht den Ärmel ihres flaschengrünen Pullovers hoch, der zu ihren Augen passt, und zeigt auf verwaschene Häftlingsnummern auf ihrem Unterarm, verzerrt von all den Jahren, seit man sie ihr in Auschwitz unter die Haut stach, als sie noch ein Baby war.A26959.Gehe sie zum Arzt und mache für die Blutentnahme ihren Unterarm frei, werde sie von jungen Krankenschwestern gefragt: «Was haben Sie sich denn da hingeschmiert?» Für die sei das alles so lange her. Manche machten Witze: «In ihrem Alter ein Tattoo?»«Man kann die Geschichte nicht ungeschehen machen, kann nicht von ihr davonlaufen», sagt Umlauf. Sie lebe mit diesen Nummern und konfrontiere sich täglich damit. «Man kann sich nicht von seiner Geschichte trennen.»Sie habe einige Patienten, Nachkommen von Tätern, die zu ihr in die Therapie kämen, im Wissen darum, dass sie Auschwitz überlebt habe, und ihr ihre Familiengeschichte erzählten. Opas, die mordeten; Omas, die den Führer verehrten; Väter, die ihr Leben lang nur schwiegen und das Kriegstrauma im Suff ertränkten.«Sie erwarten von mir eine Absolution», sagt Umlauf, «aber die erteile ich ihnen nicht. Ich höre nur zu.»Die Auseinandersetzung mit unseren Erinnerungen sei fundamental, sagt Umlauf. «Es macht uns zu Menschen.» Man müsse seine Geschichte reflektieren, müsse wissen, was in der Vergangenheit passiert sei, um zu verhindern, dass sich in Zukunft Ähnliches wiederhole.Wenn sie sich heute umblickt, fröstelt es sie. «Ich sehe Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in den dreissiger Jahren.» Sie warnt, ähnlich wie Willi Mernyi, vor Autokraten allerorts, die mit einer Diktatur liebäugeln. «Die Juden töten Kinder in Gaza», schreiben ihr Fremde nach Fernsehauftritten wie jüngst in der Talkshow von Markus Lanz. «Viele sind froh, dass die Juden auch so schlimm sind wie die Deutschen damals. Sie brauchen eine Rechtfertigung.»Deshalb besuche sie Schulen und rede mit Teenagern über den Holocaust. «Ich bezweifle, dass ich viel bewirken kann. Aber ich möchte verhindern, dass Jugendliche die AfD wählen.»Eva Umlauf hat ein Buch geschrieben, einen Appell mit dem Titel: «Genau so fängt es an»: «Die Angst ist wieder da. Juden werden wieder bedroht, Synagogen werden wieder angegriffen», schreibt sie. «Und mit der AfD greift eine Partei nach der Macht, die laut Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem gilt.»«Nie wieder?», fragt Umlauf in ihrem Buch. Sie zitiert den berühmten Schwur der befreiten Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald und liefert gleich die Antwort: «Schon wieder!»Im Herbst des vergangenen Jahres fuhr Eva Umlauf zum ersten Mal nach Braunau und erzählte an den «Zeitgeschichte-Tagen», einem jährlich stattfindenden Kongress, ihre Lebensgeschichte: Von den 232 000 Kindern, die nach Auschwitz deportiert wurden, überlebten rund 600. Eva war eines davon.Sie befand sich 1944 auf einem der letzten Züge nach Auschwitz. Einen Tag zuvor wurden die Kinder von der Rampe noch direkt «ins Gas geschickt». Doch ihr Transport hatte Verspätung, es fand schon keine Selektion mehr statt, wie Umlauf mit zitternder Stimme im Braunauer Veranstaltungszentrum erzählt: «Nur deshalb bin ich am Leben.»Am Morgen nach dem Referat besuchte sie das Hitler-Haus, das damals noch mit Gerüsten und Planen verdeckt war. Kameras bewachten die Baustelle, weil Fremde von weit hergereist waren, um Steine aus Hitlers Geburtsort herauszumeisseln, wie einst aus der Berliner Mauer.Umlauf steht in ihrer Küche und macht Kaffee. «Ein Polizeiposten in Hitlers Geburtshaus?» Sie pausiert und schaut aus dem Fenster: «Wäre etwas Harmloseres und weniger Symbolhaftes nicht besser? Ein Getränkemarkt?»Man nennt Menschen wie Eva Umlauf Zeitzeuginnen, aber ist sie das auch? Sie war zwei, als man sie und ihre Mutter aus dem slowakischen Sammellager Sered ins Vernichtungslager Auschwitz deportierte. Sie verlor ihren Vater, den Grossteil ihrer Familie. Sie ist ein Opfer der Shoah, aber sie kann sich an den Krieg nicht erinnern.Wenn die letzten Zeitzeugen gehen und bald niemand mehr da ist, der von den Greueln erzählt, was bleibt dann noch?Orte wie Braunau.Idyllisches Braunau.In welcher Etage Familie Hitler wohnte, ist unklar. Überliefert ist, dass der Vater, Alois, Zöllner im Innviertel am Rand der k. u. k. Monarchie, der die Tiertransporte von Braunau nach München überwachte, möglichst nahe bei seinen Bienenstöcken leben wollte und deshalb noch zweimal innerhalb des Städtchens umzog. So erzählt es Florian Kotanko auf einem Spaziergang durch die Altstadt, der Stadthistoriker, der hier die Geschichte jedes Pflastersteins kennt.Adolf Hitler kehrt später nur noch einmal nach Braunau zurück. Auf seinem umjubelten Weg nach Wien 1938, wo er den «Anschluss» Österreichs verkündet, macht er halt auf dem Stadtplatz. Er erwähnt seine Geburtsstadt auch in seiner Hetzschrift «Mein Kampf». Während des Krieges wird das Haus von Martin Bormann, dem Reichsleiter der NSDAP, im Auftrag der Partei gekauft und in eine Galerie zu Ehren des Führers verwandelt.«Es gibt das Gerücht, dass Hitler hinter dem Haus in einem Stall geboren worden sei», sagt Kotanko, eine Mythenbildung, aus Braunau sollte das Bethlehem des «Dritten Reiches» werden, aber das sei alles Quatsch. So wie die Legende, er sei in einer Sturzgeburt mitten auf der Innbrücke zur Welt gekommen.Tatsache ist, dass das Haus nach 1945 erst eine Schule beherbergte, später eine höhere technische Lehranstalt. Lange Zeit war es an die Lebenshilfe vermietet, eine Organisation zur Betreuung von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.Bis weit in die achtziger Jahre hinein war es nur ein Haus unter vielen an einer Strasse, wie es sie in der Provinz unzählige gibt. Braunau war Braunau – und nicht «Hitlertown», wie internationale Medien die Stadt heute nennen, weil der Name Aufmerksamkeit garantiert.«Es war den Bewohnerinnen und Bewohnern völlig egal, wer in diesem Haus zur Welt gekommen ist», sagt Kotanko. «Man ist hier zur Schule gegangen, nicht ins Hitler-Haus.» Was man heute Erinnerungskultur nennt, entstand erst später, und mit ihr bekam der Ort eine symbolische Aufladung.Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen verlief in Österreich schleppender als in Deutschland. Auch die Entnazifizierung war weniger konsequent, mit der Folge, dass viele Täter nach dem Krieg wieder hohe Funktionen besetzten.Braunaus Bürgermeister etwa, der die Stadt von 1967 bis 1989 regierte, ein gewisser Hermann Fuchs, soll Mitglied der örtlichen Hitlerjugend gewesen sein und sich persönlich angegriffen gefühlt haben, sobald er auf die Geschichte der Stadt angesprochen wurde. Kein Wunder, dass alle schwiegen.Und so hüllte man sich, nicht nur in Braunau, sondern im ganzen Land, in eine wohlige Decke des Schweigens, machte es sich bequem im tief verankerten Opfermythos, wonach Österreich durch «den Anschluss» im März 1938 zum ersten Opfer Nazideutschlands wurde.Und verschwieg, dass Hitler von 250000 Menschen auf dem Wiener Heldenplatz bejubelt worden war: ein Land im Führer-Rausch.