PfadnavigationHomeGeschichteTäter oder erstes Opfer HitlersWie schuldig waren Österreicher am Holocaust?Veröffentlicht am 21.08.2025Lesedauer: 5 MinutenOhne Frage Täter, aber auch Österreicher? Der NSDAP-Gauleiter von Wien Odilo Globocnik (Mitte) mit SS-Führern 1938 in WienQuelle: picture alliance/SZ Photo/ScherlDie Rolle von Österreich am Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus ist erstaunlich umstritten. Jetzt kommt eine scharfe Kontroverse über den Anteil von Österreichern an den eigenhändigen Tätern hinzu. Eine Rolle spielt dabei Adolf Eichmann.Die künftigen Siegermächte bauten einem Teil der absehbaren Verlierer eine goldene Brücke: Schon Ende Oktober 1943, noch war Europa von der Biskaya bis Kiew und vom Nordkap bis Mittelitalien von der Wehrmacht besetzt, beschlossen der britische, der sowjetische und der US-Außenminister die „Moskauer Deklaration“. Eine zentrale Passage lautete, man sei sich einig, „dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer gefallen ist, von deutscher Herrschaft befreit werden soll“. Auf diese „Opferthese“ stützte sich die im Sommer 1945 wiedergegründete Republik Österreich – erstaunlich angesichts der Herkunft Hitlers, der seinen österreichischen Pass erst am 30. April 1925 abgegeben hatte (und anschließend bis Ende Februar 1932 staatenlos blieb). Nicht nur deswegen löste dieses offizielle Selbstverständnis mit einiger Verzögerung Widerspruch aus: Ab den 1960er-Jahren entwickelte sich die Ansicht, Österreicher seien überdurchschnittlich häufig an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt gewesen. Seither stehen „Opferthese“ und „Täterthese“ einander gegenüber. Dass sie inkompatibel sind, ist offensichtlich; doch welche Deutung der österreichischen Zeitgeschichte ist seriös betrachtet überzeugender? Die Bilder von der Triumphfahrt Hitlers von Braunau nach Wien Mitte März 1938 sprechen auf den ersten und mindestens auch den zweiten Blick für die „Täterthese“. Dem ging der Wiener Publizist und Historiker Kurt Bauer, bekannt etwa für seine tief greifenden Recherchen zum Juli-Putsch österreichischer Nationalsozialisten gegen die Wiener Regierung 1934, in einem Forschungsprojekt des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz auf den Grund: Er untersuchte den konkreten Anteil von Österreichern an den NS-Tätern.Sein 2022 in österreichischen Medien und 2024 in den renommierten Vierteljahresheften für Zeitgeschichte veröffentlichtes Ergebnis fiel überraschend aus: Österreicher seien eben nicht überdurchschnittlich oft an NS-Verbrechen beteiligt gewesen. In der Juli-Ausgabe 2025 der Vierteljahreshefte attackieren nun der Grazer Soziologe Christian Fleck und Andreas Kranebitter, Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes in Wien, ihren Kollegen Bauer frontal. Er betreibe „die Rückkehr der Opferthese durch die Hintertür“, schreiben die beiden. Dahinter stehe „die österreichische Obsession, den Grad der Verantwortung in Anteilen zu messen“.Lesen Sie auchWaren Österreicher nun überrepräsentiert oder nicht? Nur scheinbar ist diese Frage leicht zu beantworten. Oft wird auf eine Feststellung des „Nazi-Jägers“ Simon Wiesenthal von Ende 1966 verwiesen: „Mindestens 3 Millionen ermordete Juden gehen zulasten der an den Verbrechen beteiligten Österreicher“ – also die Hälfte aller Holocaust-Opfer. Lesen Sie auchDazu passen Angaben wie die, 40 Prozent des Personals und sogar drei Viertel der Kommandanten der reinen Vernichtungslager im besetzten Ostpolen Belzec, Sobibor und Treblinka (bekannt als „Aktion Reinhardt“) seien in der ehemaligen Donau-Monarchie geboren worden. Und natürlich die Biografie von Adolf Eichmann, dem Organisator der Deportationen in den Tod: Er war zwar 1906 in Solingen auf die Welt gekommen, aber vom neunten bis zum 28. Lebensjahr in Linz aufgewachsen – und hatte hier zum Beispiel Ernst Kaltenbrunner kennengelernt, 1942 bis 1945 als Nachfolger von Reinhard Heydrich Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, also der Kerninstitution der NS-Verbrechen. Lesen Sie auchDemgegenüber legte Bauer dar, dass der Anteil von Österreichern sowohl an den NSDAP-Parteimitgliedern wie am SS-Personal unter- bis maximal durchschnittlich gewesen sei: Den – seinen Kalkulationen zufolge – 8,8 Prozent Bevölkerungsanteil standen je nach Berechnungsmethode 700.000 bis 820.000 von insgesamt knapp zehn Millionen „Parteigenossen“ gegenüber, also knapp über sieben bis gut acht Prozent. Beim SS-Personal der Konzentrationslager, insgesamt 4455 identifizierbaren Personen, fanden sich 210 gebürtige Österreicher, also 4,71 Prozent – sogar deutlich weniger als der Durchschnitt. Beim Personal der Vernichtungslager kam schon 2013 die Historikerin Sara Berger in ihrer Doktorarbeit „Experten der Vernichtung“ auf elf Österreicher von etwa 120 SS-Leuten, und von den sieben Kommandanten dieser Mordfabriken stammten drei aus Österreich (nämlich Franz Stangl, Franz Reichleitner und Irmfried Eberl), aber eben nicht drei Viertel. Jedoch räumte Bauer ein, dass bei den Höheren SS- und Polizeiführern, faktisch Himmlers Stellvertretern in den Regionen, Österreicher mit 14,9 Prozent Anteil deutlich überrepräsentiert waren.Lesen Sie auchDie Kritik von Fleck und Kranebitter konzentriert sich erstens auf die zugrundeliegenden Definitionen Bauers, der Täter aus dem Sudetenland (also den zum großen Teil deutschsprachigen Randgebieten Böhmens) oder Jugoslawien trotz ihrer Geburt in der Habsburger-Monarchie nicht als Österreicher zählt. Damit fällt auch Odilo Globocnik durch das Raster, der Kopf der „Aktion Reinhardt“ – wobei man fairerweise sagen muss, dass Bauer gerade seinen Fall ausführlich behandelt. Zweitens halten sie seine Zahlengrundlage für fragwürdig, bezog Bauer doch auch die jüdische Bevölkerung ein, die allerdings weder zur NSDAP noch zur SS gehören konnten. Drittens monieren sie schwankende Definitionen des zentralen Begriffs „Täter“ und viertens die Fokussierung der Detailuntersuchung auf SS-Mitglieder.An Bauers Aufsatz stört Fleck und Kranebitter im Ergebnis einerseits, dass er fragwürdigen „Trends der Geschichtswissenschaft“ folge: Weitreichende Thesen würden ohne Rücksicht auf die grundlegende Frage nach der Relevanz der genutzten Daten aufgestellt. Andererseits verdränge die quantitative Analyse die qualitative Beschäftigung.An beiden Punkten ist grundsätzlich etwas dran. So schlossen 2018 zwei Politikwissenschaftler aus dem Vergleich der Wahlergebnisse in Orten mit und ohne Hitler-Auftritten zwischen 1928 und 1932, der Einfluss seiner Rhetorik werde überschätzt. Eine abstruse Annahme, die zu Recht im Nirwana verschwunden ist. Der Fehler, qualitativ interessante Informationen nur quantitativ auszuwerten, machte in den 1970er-Jahren der deutsch-amerikanische Sozialwissenschaftler Peter H. Merkl mit den „Nazi-Biograms“ der Sammlung Abel, 583 Selbstzeugnissen von Nationalsozialisten aus dem Sommer 1934. Doch so eine Datengrundlage ist per se ungeeignet für repräsentative Hochrechnungen. Die qualitative Auswertung dagegen erbrachte hoch spannende Erkenntnisse etwa über weibliche Hitler-Anhänger. Hat Kurt Bauer nun Recht oder Unrecht mit seiner These, Österreicher seinen unter den Tätern der NS-Verbrechen zumindest nicht überrepräsentiert? Das ist so einfach nicht zu sagen. Manche seiner Punkte überzeugen, in anderen Details argumentieren seine Kritiker einleuchtender. Hinzu kommt die unvermeidliche Unschärfe, denn an Haupttätern wie Eichmann oder Globocnik sieht man, dass es mit der einfachen Zuordnung nach Geburtsorten nicht getan ist. Vielleicht ergibt die Konfrontation eine spannende wissenschaftliche Auseinandersetzung. In jedem Fall gilt weiterhin: Die „Opferthese“ von 1943 bleibt erledigt. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
Wie schuldig waren Österreicher am Holocaust? - WELT
Die Rolle von Österreich am Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus ist erstaunlich umstritten. Jetzt kommt eine scharfe Kontroverse über den Anteil von Österreichern an den eigenhändigen Tätern hinzu. Eine Rolle spielt dabei Adolf Eichmann.







