PfadnavigationHomeGeschichteNS-Täter in Österreich„Seit Jahren wird mit aus der Luft gegriffenen irrwitzigen Zahlen herumgeworfen“Veröffentlicht am 19.09.2025Lesedauer: 5 MinutenDer einzige im engeren Sinne österreichische Kommandant eines KZ-Stammlagers war der gebürtige Wiener Amon Göth, hier das Polizeifoto von Ende August 1945Quelle: Wikimedia / Public DomainIm Streit um den Anteil von Österreichern an den NS-Verbrecher reagiert der Historiker Kurt Bauer im WELT-Interview auf Vorwürfe gegen ihn. Offenbar gehe es darum, diese Zahl „künstlich hochzupushen“, um „dem eigenen Geschäftsmodell gerecht“ zu werden.Erste Opfer oder besonders oft Täter? Sobald es um den Anteil von Österreichern an den Verbrechen des NS-Regimes geht, prallen entgegengesetzte Deutungen aufeinander. „Insgesamt lässt sich nicht erkennen, dass Österreicher an NS-Massenverbrechen mit einem Anteil beteiligt gewesen wären, der über ihren bevölkerungsmäßigen Anteil am Großdeutschen Reich hinausgegangen wäre“, bilanzierte der Wiener Historiker Kurt Bauer seine aktuelle Studie über NS-Täter aus Österreich. Erwartungsgemäß hat sein gut 250 Seiten starker Bericht Widerspruch ausgelöst – etwa des Grazer Soziologen Christian Fleck und des Leiters des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes in Wien, Andreas Kranebitter. WELT befragte Bauer zu deren Attacke in den renommierten Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, dem wichtigsten Medium für Forschungen über die jüngste Vergangenheit. WELT: Es gibt die These, Österreich sei „Hitlers erstes Opfer“ gewesen, aber ebenso die Meinung, Österreicher seien noch schlimmere Nazis gewesen als die Reichsdeutschen. Was stimmt denn nun? Kurt Bauer: Beides ist falsch. Weder können sich die Österreicher als Hitlers Opfer betrachten, noch waren sie an NS-Verbrechen im Vergleich zu den sogenannten „Altreichsdeutschen“ überproportional beteiligt. Damit soll nichts entschuldigt oder heruntergespielt werden, der Anteil von Österreichern an den Verbrechen der Nazis ist schlimm genug. Aber es ist nicht notwendig, ihn noch größer zu machen, als er ohnehin war. Als Historiker ist es meine Aufgabe, Geschichtsbilder, die ich als falsch erkannt habe, zurechtzurücken.WELT: Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Sie betrieben „die Rückkehr der Opferthese durch die Hintertür“ – das sehen Sie sicher anders, oder?Lesen Sie auchBauer: Allerdings. Und ich höre das nicht zum ersten Mal. Ich habe mich immer klar und deutlich gegen die Opferthese ausgesprochen, man kann das gerne nachschlagen. Wenn manche Kritiker etwas herauslesen wollen, was nicht drinnen steht, kann ich es nicht ändern.Lesen Sie auchWELT: Fleck und Kranebitter werfen Ihnen die „österreichische Obsession“ vor, den „Grad der Verantwortung in Anteilen zu messen“. Aber geht denn Täterforschung, ohne sich mit einzelnen oder vielen Lebensläufen zu befassen?Bauer: Nein. Deshalb habe ich mich intensiv mit vielen einzelnen Lebensläufen befasst, zum Beispiel im Detail mit den Täterkreisen um Eichmann und Globocnik, mit den Österreichern in der Lagermannschaft von Auschwitz etc. Mag sein, dass das in dem notwendigerweise stark verkürzten Beitrag in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte nicht so herauskommt. Aber seit Jahren wird in der Literatur mit aus der Luft gegriffenen irrwitzigen Zahlen herumgeworfen – 14 Prozent der SS-Leute und 40 Prozent aller Täter insgesamt sollen Österreicher gewesen sein. Alles natürlich ohne irgendwelche Belege. Und wenn man dann mal nachzählt und nachweist, dass das maßlos übertrieben ist, dann heißt es, das sei eine „Obsession“. Lesen Sie auchWELT: Können Sie ein Beispiel nennen?Bauer: Gern. In der WELT ist vor einigen Jahren ein interessanter Beitrag über die Waldheim-Affäre erschienen. Der Titel – und viele Leute lesen ja nur den Titel und die Einleitung –, der Titel lautete: „Überproportional viele KZ-Kommandanten kamen aus Österreich“. Das war ein Zitat der Wiener Schriftstellerin Eva Menasse. Wenn ich jetzt die entsprechende Fachliteratur hernehme, dann kann ich 36 KZ-Kommandanten identifizieren, Leute wie Höß, Kramer, Koch, Ziereis etc. Und wissen Sie was? Einer, ein einziger davon war ein Österreicher (Amon Göth, seit Februar 1943 Kommandant des Arbeitslager Plaszow bei Krakau, das Anfang 1944 eines der rund 20 KZ-Stammlager war, die. Red.). Das sind schiefe und verfälschte Geschichtsbilder, die ständig gedankenlos und, weil es einem halt in den ideologischen Kram passt, reproduziert werden und sich verfestigten.WELT: Tatsächlich aber können auch handwerklich saubere statistische Auswertungen in die Irre führen. Entscheidend für die Ergebnisse bei Ihren Forschungen ist doch, wen man als Österreicher definiert. Je nachdem kommen sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus.Lesen Sie auchBauer: Österreicher sind Personen, die zwischen 1918 und 1938 die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen oder in diesem Zeitraum in Österreich ihren Lebensmittelpunkt hatten. Deshalb werte ich den reichsdeutschen Staatsbürger Adolf Eichmann übrigens als Österreicher. Sudetendeutsche – und um die geht es den Kritikern ja – sind wegen des unter ihnen stark verbreiteten radikalen Deutschnationalismus, der von den Nationalitätenkämpfen der alten Monarchie herrührt, in Bezug auf den Täteranteil eine interessante Gruppe. Aber sofern sie nach 1918 Staatsbürger der Tschechoslowakei waren, dort lebten, in der Armee dienten etc., sind sie keine Österreicher. Dass man sie partout als solche werten will wie überhaupt alle sogenannten „Volksdeutschen“ der Monarchie, kann nur dem Willen entspringen, den österreichischen Täteranteil künstlich hochzupushen, damit er dem eigenen Geschäftsmodell gerecht wird. WELT: Frühere Arbeiten von Ihnen behandeln etwa den sozialistischen Februaraufstand 1934 oder den Nazi-Putsch wenige Monate später. Gegenwärtig arbeiten Sie an einer Biografie über den Mussolini nahestehenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der gemeinhin als Austrofaschist bezeichnet wird. Wie bewerten Sie – ganz gerafft – Österreichs Weg 1933 bis 1938?Lesen Sie auchBauer: Das ist eine schier unendliche Debatte in Österreich. Ich gehöre zu jenen, die die Bezeichnung „Austrofaschismus“ für grundfalsch halten. Es war ein autoritäres Regime, eine Kanzlerdiktatur, aber kein Faschismus. Keine der gängigen Faschismusdefinitionen lassen sich auf den sogenannten Ständestaat anwenden. Der berühmte Faschismusforscher Stanley Payne etwa spricht von einem katholischen autoritären System, ähnlich dem Portugals. Ja, und eines sollte man zumindest erwähnen, wenn man den Vergleich zu Deutschland zieht: In Österreich, unter Dollfuß, wurde die NSDAP 1933 verboten, in Deutschland erst 1945. In den fünf Jahren bis 1938 konnten sich Juden im katholischen, autoritären Österreich sicher fühlen.WELT: Wie geht es mit Ihren Forschungen zu österreichischen Tätern weiter?Bauer: Die Kontroversen und das Interesse ermutigen mich, den schon länger vorliegenden Projektbericht so zu überarbeiten, dass ein lesbares Buch daraus wird. Einen Arbeitstitel habe ich schon: „Täter. Österreichs Anteil an den NS-Verbrechen“. Und Sie können sicher sein, dass da absolut nicht heruntergespielt oder beschönigt wird.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Sein allererster wissenschaftlicher Aufsatz behandelte 1996 den Juli-Putsch österreichischer Nationalsozialisten gegen Engelbert Dollfuß.
NS-Täter in Österreich: „Seit Jahren wird mit aus der Luft gegriffenen irrwitzigen Zahlen herumgeworfen“ - WELT
Im Streit um den Anteil von Österreichern an den NS-Verbrecher reagiert der Historiker Kurt Bauer im WELT-Interview auf Vorwürfe gegen ihn. Offenbar gehe es darum, diese Zahl „künstlich hochzupushen“, um „dem eigenen Geschäftsmodell gerecht“ zu werden.






