PfadnavigationHomePolitikAuslandÖsterreich„Sieg Heil“-Rufe und Hitlergrüße – Wo Neonazis immer ungenierter auftretenStand: 11:06 UhrLesedauer: 5 MinutenKundgebung der rechtsextremen Identitären Bewegung in WienQuelle: picture alliance/EXPA/APA/picturedesk.comÖsterreich verzeichnet so viele antisemitische und rechtsextremistische Vorfälle wie noch nie. Längst sind es nicht mehr nur heimliche Schmierereien oder anonyme Drohungen: Immer häufiger zeigen Neonazis ihre Sympathien in aller Öffentlichkeit – oft ohne Konsequenzen.In Österreich werden Personengruppen mit nationalsozialistischem Gedankengut offenbar immer ungenierter. Laut übereinstimmenden Berichten ist es allein im Mai und Juni im Nachbarland zu mehreren Vorfällen gekommen, bei denen Personen im öffentlichen Raum teilweise minutenlang unbehelligt „Sieg Heil!“ grölten. Laut Gesetz ist die „nationalsozialistische Wiederbetätigung“ in Österreich streng verboten und kann mit Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren bestraft werden.Vor gut einer Woche hatte sich der letzte Vorfall dieser Art in Leoben in der Steiermark ereignet. Dort feierten Hunderte Mitglieder der konservativen Studentenverbindung „Leder“, die zur Montanuniversität Leoben gehört. Gastredner war nach Angaben der österreichischen Zeitung „Der Standard“ der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich. Die AfD Nordrhein-Westfalen führt wegen Nähe zu nationalsozialistischen Positionen ein Parteiausschlussverfahren gegen Helferich.Gegen 2 Uhr rief eine Frau ein Taxi, um sich von der Feier abholen zu lassen. Was dann passierte, schilderte der 57-jährige Taxifahrer dem „Standard“, der als erster über den Vorfall berichtete. „Eine Dame hatte angerufen und eine Dame und ein Herr stiegen in meinen Wagen. Und dann ging es bald los und sie riefen: ‚Sieg Heil‘!“ Der Taxifahrer, der seit 40 Jahren in Österreich lebt, forderte sie auf, das Auto unverzüglich zu verlassen. Die Antwort kam prompt: „Du kleine fette Ausländersau.“Lesen Sie auchDann stiegen die beiden Fahrgäste aus und gingen zur Festhalle zurück. Der Taxifahrer alarmierte die Polizei und lief den Fahrgästen hinterher, um sie zur Rede zu stellen. An der Eingangstür zur Halle verprügelten ihn dann drei Männer. Nach Darstellung des Taxifahrers bekam er Tritte gegen den Oberkörper und den Kopf ab. Noch in der Nacht fotografierte die Polizei seine Blessuren. Der Taxifahrer berichtete weiter, dass er bereits wenige Tage zuvor zwei Burschenschafter befördert habe, die ihm unaufgefordert „ein Gedicht über Juden aufgesagt“ hätten. Lesen Sie auchDie Vorfälle haben in Österreich Kritik im politischen und gesellschaftlichen Raum ausgelöst. Rechtsextremistische Straftaten nehmen in dem Land seit Jahren zu, wie auch der kürzlich präsentierte Verfassungsschutzbericht gezeigt hat. Danach ließ sich im Vergleich zum Vorjahr eine intensivierte Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut feststellen. Insbesondere in Studentenverbindungen kommt es immer wieder zu solchen Vorfällen.Lesen Sie auchDie Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die Umfragen zufolge mit derzeit 37 Prozent die größte Zustimmung im Land genießt, hat zahlreiche Anhänger in den Burschenschaften, insbesondere in schlagenden Verbindungen. Ob die Täter von Leoben FPÖ-Mitglieder sind, ist allerdings nicht bekannt.Wie der „Standard“ weiter berichtet, soll Anfang Juni eine Gruppe aus drei Männern und einer Frau an der Neuen Donau in Wien minutenlang Nazi-Parolen gerufen haben. Der Zeitung liegt ein Video vor, das „Sieg Heil!“-Rufe und Hitlergrüße zeigt. Die beiden Zeuginnen haben nach eigenen Angaben zweimal die Polizei verständigt, die ihnen aber geraten habe, einfach weiterzugehen. „Ist es denn okay, mitten in Wien den Hitlergruß zu zeigen?“, zitiert das Blatt eine empörte Zeugin. Nach einer Anzeige hat die Polizei inzwischen Ermittlungen eingeleitet.„Nur ein kleiner Tropfen der antisemitischen Flutwelle“Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Religionsgesellschaft in Österreich (IRG), überraschen die Ereignisse nicht. „Diese Vorfälle sind nur ein kleiner Tropfen der antisemitischen Flutwelle, die mit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 begann“, sagte er WELT.„Jüdisches Leben ist nur dank umfassender Sicherheitsmaßnahmen möglich, die in enger Kooperation mit den Sicherheitsbehörden erfolgen.“ Klar sei aber auch, „dass bei der Strafverfolgung von Straftaten alle rechtsstaatlichen Mittel ausgeschöpft werden müssen“.Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien verzeichnete im vergangenen Jahr 1532 antisemitische Vorfälle. Österreichs schwarz-rote Bundesregierung betont, es sei aber von einer „erheblichen Dunkelziffer auszugehen“.Lesen Sie auchNach Angaben der IKG wurde 2025 der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen festgestellt. Im Jahresdurchschnitt waren täglich 4,2 Vorfälle zu verzeichnen. Die Delikte reichten von physischen Angriffen über Sachbeschädigungen bis zu „verletzendem Verhalten“. Stark gestiegen, so die IKG, seien auch die Relativierung und Leugnung des Holocausts. Der zuständige Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Alexander Pröll, bezeichnete die Zahlen als „dringenden Weckruf“.Bereits Anfang Mai ereignete sich in der Zillertaler Regionalbahn in Tirol ebenfalls ein Vorfall. Der Zug fuhr von Jenbach zum Gauder Fest, Österreichs größtem Trachtenfest, in Zell am Ziller. Nach Angaben von Fahrgästen stiegen drei junge Erwachsene in Jenbach ein. Sie hätten zunächst Volkslieder gesungen und andere Fahrgäste zum Mitsingen animiert. Mehrere Fahrgäste hätten mitgesungen. Dann soll der Anführer plötzlich „Sieg. Sieg. Sieg. Heil. Heil. Heil.“ gerufen haben.Lesen Sie auchDie Sieg-Heil-Rufe sollen sich während der 40-minütigen Fahrt mehrfach wiederholt haben. Niemand sei dagegen eingeschritten. Laut Berichten hat auch eine Gruppe junger Männer am Rande des Gauder Festes in einer Hotelbar die Zeichen „SS“, „HH“ (Heil Hitler) und ein Hakenkreuz auf einen Tisch gemalt. Die Tiroler Nationalratsabgeordnete Barbara Neßler (Grüne) sagte dazu, die Vorfälle seien „eine Schande für das Volksfest, auf dem es um das Miteinander geht“. Es sei aber „nur die Spitze des Eisbergs“. Die sozialdemokratische Nationalratsabgeordnete Sabine Schatz betonte: „NS-Wiederbetätigung ist kein Burschenspaß, sondern ein Verbrechen und gehört konsequent verfolgt und bestraft.“Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.