Auf dem Wiener Stephansplatz steht eine Bühne mit rot-weiß-roten Fahnen, rundherum blaue Luftballons. Eine Band spielt Schlager, Menschen in Trachten schwenken rot-weiß-rote Fähnchen. Für die Touristen, die sich am Samstag in der Hitze durch die Innenstadt schieben, sieht das vermutlich genauso aus, wie sie sich Österreich immer vorgestellt haben, ein Land wie aus „Sound of Music“.Das ist aber kein Musical, sondern eine Veranstaltung der extrem rechten FPÖ. Die feiert vor dem Dom ihr 70-jähriges Bestehen, und sie tut das in dem Selbstbewusstsein einer Partei, an der man nicht mehr vorbeikommt. Die nichts weniger zum Ziel hat als das politische System in seiner bisherigen Form zu stürzen. Die FPÖ brauche „nur mehr eine Wahl“, sagt Parteichef Herbert Kickl gerne. Es ist eine Aussage, die wenig Deutungsspielraum lässt.Welchen Stellenwert die FPÖ inzwischen international hat, zeigte sich an der Gästeliste. Zu einem Festakt in der Hofburg waren angereist: der rechtsradikale Politiker Geert Wilders aus den Niederlanden und der frühere ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán. Tschechiens rechtspopulistischer Ministerpräsident Andrej Babiš schickte eine Videobotschaft. Die AfD war sogar mit ihrem Führungsduo Alice Weidel und Tino Chrupalla vertreten.Die Redner hielten sich nicht lange damit auf, in die Vergangenheit einer Partei zu blicken, die 1956 von ehemaligen Nazis für ehemalige Nazis gegründet worden war und die über die Jahrzehnte immer wieder von Korruptionsfällen erschüttert war. Sie beschworen allesamt eine für die extreme Rechte äußerst erfolgreiche Gegenwart.Vor allem für die AfD ist Österreich ein Best-Practice-Beispiel. Die FPÖ ist seit vielen Jahren dort, wo die AfD hinsteuert. Sie hat Regierungserfahrung auf Bundesebene. Sie stellt einen Landeshauptmann, also Ministerpräsidenten, in einem Flächenbundesland. Sie hat ein professionelles Netzwerk an Parteimedien aufgebaut. Und nicht zuletzt hat sie immer wieder bewiesen, dass man selbst nach Parteispaltungen, zerbrochenen Regierungen und Skandalen zurückkommen kann. An der Person von Herbert Kickl, der gerne eines Tages als „Volkskanzler“ durchregieren möchte, zeigt sich, wie weit sich eine ohnehin schon rechte Kraft radikalisieren und von ihren Wählerinnen und Wählern doch als Volkspartei wahrgenommen werden kann. Dementsprechend nannte Alice Weidel die FPÖ „Inspiration“ und „Ansporn“.Auch Viktor Orbán saß nicht zufällig da oder weil er nach seinem Wahlverlust im April keinen vollen Terminkalender hat. Orbán ist derjenige, zu dem selbst die FPÖ ehrfürchtig aufschaut. Denn er hat vorgemacht, wie man innerhalb weniger Jahre eine Demokratie umbaut, die rechtsstaatliche Institutionen schwächt und die Medien so unter Kontrolle bringt, dass sie den Zielen der regierenden Parteien dienen. Orbán mag eine Person der Vergangenheit sein, einem neuen ungarischen Verfassungsgesetz zufolge darf er nicht mehr Ministerpräsident werden. Sein „autoritäres Playbook“ aber ist für viele politische Kräfte in Europa die Zukunft.Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Gleich kostenlos anmelden.