Flugzeuge aus Plüsch und Abschiebungen als Mitgröl-Schlager – die FPÖ provoziert mit ihrem «Remigrationssong»Österreichs stärkste Partei sorgt für Kontroversen mit einem Lied, das Ausschaffungen feiert. Sie banalisiert damit einen rechtsextrem konnotierten Begriff, der anderen Rechtsaussenparteien zu radikal ist.23.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Parteichef Herbert Kickl kommt im Video von «Der Remigrationssong» prominent vor. Er hat keine Berührungsängste mit dem Begriff.Daniel Scharinger / ImagoDer Begriff «Remigration» ist selbst bei Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums umstritten. Die AfD nahm ihn zwar 2025 in ihr Wahlprogramm auf, die Parteispitze nutzt ihn aber kaum noch. Beim Rassemblement national in Frankreich versteht man nicht einmal, was damit gemeint sein soll, wie der Europaabgeordnete und ehemalige Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, jüngst in einem NZZ-Interview sagte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Österreichs Freiheitliche (FPÖ) verwenden die Bezeichnung jedoch schon länger ohne Berührungsängste. Der Parteichef Herbert Kickl fordert in seinen Auftritten oder in politischen Debatten jeweils vehement die «Remigration» uneingeladener Fremder, wie es auch im derzeitigen Wahlprogramm heisst. «Na selbstverständlich, was denn sonst?», fügt er manchmal nonchalant an.Ein Schlager und Abschiebeflugzeuge aus PlüschNun ging die Partei noch einen Schritt weiter und präsentierte auf ihren vielen Medienkanälen ein Lied namens «Airbert One – Der Remigrationssong». In dem dazugehörigen Video besteigen Frauen mit Kopftuch und Männer mit Rollkoffern die «Airbert One», die Anzeigetafel einer Abflughalle listet als Destinationen Kabul, Bagdad und Damaskus auf. Aus österreichischen Postkartenlandschaften winken strahlende Menschen dem Flugzeug hinterher, dazwischen sieht man immer wieder Herbert Kickl. «Remigration – tschüss, tschüss, tschüss. Österreich ist frei, lalala», heisst es im Refrain. Und weiter: «Zu den Kriminellen sagen wir bye-bye, Airbert One hebt ab, die Problemfälle sind dabei.»Dazu kann man die in der Parteifarbe Blau gehaltene «Airbert One» auch bestellen, als grösseren «Plüschflieger» oder kleiner als Schlüsselanhänger. Die Nachfrage sei riesig, heisst es auf der Website der Partei.Der eingängige Schlager löste in Österreich wenig überraschend eine Kontroverse aus. Verstörend sei die «Deportation als Sommerhit», fand die Zeitung «Der Standard». «Platz eins in den Charts der Geschmacklosigkeit», titelten die «Salzburger Nachrichten». Wo die «Airbert One» gewesen sei, als Kickl Innenminister war, fragte derweil die konservative ÖVP, die damals zusammen mit der FPÖ eine Koalition bildete. Sie verwies auf die Anzahl Ausschaffungen ihres Innenministers Gerhard Karner. Für eine erfolgreiche Asylpolitik brauche es die FPÖ und ihre KI-Propaganda nicht, schrieb die Partei.Die Provokation, auf die es die FPÖ anlegte, ist damit gelungen. Das Video zum Lied wurde auf dem parteieigenen Youtube-Kanal mittlerweile über hunderttausend Mal angesehen. Es ist der mit Abstand am meisten angeklickte Beitrag der letzten Wochen.Die vormals wissenschaftlich genutzte Bezeichnung «Remigration» hat spätestens Anfang 2024 breite Bekanntheit erlangt, als das Recherchenetzwerk «Correctiv» über ein einige Wochen zuvor abgehaltenes Treffen von Rechten und Rechtsextremen in Potsdam berichtete. Als Gast war der bekannte österreichische Rechtsextremist Martin Sellner geladen, der dort über einen «Masterplan Remigration» referierte.Der vormalige Kopf der Identitären Bewegung propagiert die massenhafte Ausschaffung von Migranten seit Jahren. Gegenüber dem Magazin «Profil» sprach er anlässlich eines «Remigrationsgipfels» in Portugal vor drei Wochen von einer Zahl von rund einer Million Menschen allein für Österreich. Damit ist klar, dass er nicht nur illegal Eingereiste oder straffällige Ausländer meint. Sellner will auch «nicht integrierbare und unerwünschte» Menschen rückführen.Der 37-Jährige spricht zwar jeweils von einem Prozess, der mehrere Jahrzehnte dauern werde und geordnet ablaufen müsse. Dennoch sehen Experten darin ein Konzept für Massendeportationen und «Remigration» als verharmlosende Umschreibung für «Ausländer raus».Sellner gilt über den deutschsprachigen Raum hinaus als Taktgeber rechtsextremer Aktivisten. Die Identitäre Bewegung pflegte stets ein Nahverhältnis vor allem zur Jungpartei der FPÖ. Kickl bezeichnete sie einmal als «NGO von rechts» und als unterstützenswertes Projekt. Sellner wiederum lobt diesen, weil er Konzepte wie das der «Remigration» in den politischen Mainstream hebe.Die FPÖ spielt mit den Unschärfen des BegriffsDas zeigt sich etwa im Parlament, wenn FPÖ-Vertreter in ihren Reden von «Remigration» sprechen. Als stärkste Partei stellen die Freiheitlichen selbst den Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz, der dafür jüngst keinen Ordnungsruf erteilte – anders als seine beiden Stellvertreter es handhaben. Rosenkranz argumentierte, der Wortkern sei nicht rechtsextremistisch konnotiert. Um das zu verstehen, reiche es, das Wort ins Deutsche zu übersetzen. Die anderen Parlamentsparteien reagierten darauf mit Empörung.Die FPÖ versteht laut ihrem Wahlprogramm unter «Remigration» die Rückführung illegal Eingereister «auf Grundlage gesetzlicher Bestimmungen», die Sicherung von Grenzen und eine Reform des Asyl- und Migrationsrechts. Sie spielt aber sehr bewusst mit den Unschärfen des Wortes, das längst zu einem politischen Kampfbegriff geworden ist.Innenminister Karner sprach in einem Interview mit «Profil» am Wochenende denn auch von einer rechtsextremen Bezeichnung. Sie sei von den Identitären geprägt worden, und diese würden vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Er verwies darauf, dass dies auch schon im Verfassungsschutzbericht 2018 der Fall gewesen sei, den Kickl als Innenminister noch selbst unterschrieben habe.Die Strategie der Rechtsextremen sei es, mit der Verwendung des Begriffs «Remigration» die Grenzen in der Sprache zu verschieben, so der Innenminister. Zudem verniedliche die FPÖ mit blauen Plüschfliegern und Schlagermusik Abschiebungen, die tatsächlich harte und teilweise gefährliche Arbeit seien. Das sei erbärmlich.Passend zum Artikel
Plüschflugzeuge und Abschiebungen als Schlager – FPÖ provoziert mit «Remigrationssong»
Österreichs stärkste Partei sorgt für Kontroversen mit einem Lied, das Ausschaffungen feiert. Sie banalisiert damit einen rechtsextrem konnotierten Begriff, der anderen Rechtsaussenparteien zu radikal ist.










