Das Vereinigte Königreich ist in der Dauerkrise. Doch bald könnte es auch anders kommen. Zehn Gründe, warum Britannien wieder cool werden kannEigene Autos werden die Briten so bald nicht mehr bauen, dafür sind sie gross bei Quantencomputern, der Entwicklung neuer Medikamente und atombetriebenen U-Booten. Schreibt sie bloss nicht ab.Tessa Szyszkowitz28.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIllustration Silvan Borer für NZZaSOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Geschirrtuch, Pop-Songs und eine Prise Patriotismus: So entstand Cool Britannia. Geri Halliwell von den Spice-Girls, genannt Ginger Spice, inspirierte ein Geschirrtuch mit dem britischen Union Jack zu ihrem Outfit für die Brit Awards 1997. Bands wie Oasis und Blur schufen den Soundtrack jener Zeit. Der damals frisch gewählte Premierminister Tony Blair war klug genug, auf die Erfolgswelle der britischen Kulturszene zu springen. Er lud Pop-Stars nach Downing Street ein und nutzte die Aufbruchstimmung für sein Versprechen einer besseren Zukunft. Aus «Rule, Britannia!», der alten Kolonialhymne des britischen Empires, wurde «Cool Britannia».Damals dabei in Blairs Polit-Team war Andy Burnham, ein junger aufstrebender Politiker mit ähnlichem Polit-Talent und Charisma wie sein Chef. Burnham konnte in den Folgejahren Blair zwar nicht beerben, aber er machte sich als Bürgermeister von Greater Manchester einen Namen (übrigens das Zuhause der Oasis-Brüder Noel und Liam Gallagher). Nun, da Keir Starmer als Premierminister versagte, ist Burnham auf dem Sprung, Regierungschef zu werden, und er hofft natürlich, eine Aufbruchstimmung wie in alten Zeiten auszulösen. Zwar haben die Folgen einer lahmenden Wirtschaft, des Brexits und der Pandemie dem Königreich zugesetzt, doch bei den Briten ist noch viel Potenzial vorhanden. Andy Burnham muss es nur nutzen.Andy Burnham.AP1: Brat-Pop statt Brit-PopAm Anfang von Cool Britannia stand die Musik, der Brit-Pop. Auch heute dominiert Grossbritannien neben den USA das Musikgeschäft und produziert Megastars am laufenden Band: Robbie Williams, Adele, Dua Lipa und gerade im Moment enorm angesagt: Harry Styles. Sogar Oasis feierte im letzten Sommer ein Comeback. Und Charli XCX schaffte mit «Brat» nicht nur den Sommerhit von 2024, sondern traf den Zeitgeist. Die Britin definierte mit «brat» (Göre), wie man als junger Mensch in diesen Zeiten sein kann, sein soll: selbstbewusst, authentisch, das Gegenteil von perfekt. Es war ein Manifest, laut sein zu dürfen, seine Meinung sagen zu dürfen, Fehler machen zu dürfen.Charli XCX definiert das Wort um für eine neue Generation von jungen Frauen und Männern. Ihre Bühne am Glastonbury-Festival.Joseph Okpako / GettyDieser anhaltende Erfolg ist aber auch ein paradoxes Erbe des britischen Empires. Hatten die weissen Engländer erst mit den Kolonien und dem Sklavenhandel gut verdient, brachte die karibische Diaspora dann ihre Musik nach Grossbritannien mit. Von Punk und Ska bis Grime und UK-Rap wurzelt der britische Sound in der Musik der ehemaligen Kolonien, die sich mit den europäischen Klängen vermischte.2: We are the championsDer World Cup füllt derzeit die Pubs in ganz Grossbritannien – Schottland und England hatten sich qualifiziert, Fussballfans aller Nationen schauen bei den live übertragenen Spielen bei einem – oder zwei, drei – Pint zu.Doch das wahre Fussballwunder der Briten ist die Premier League. Sie schliesst die zwanzig besten englischen und walisischen Klubs ein. Es ist die am meisten geschaute Liga der Welt, die TV-Rechte sorgen für gigantische Umsätze. Hier spielen die besten Spieler der Welt, hier werden die höchsten Transfersummen gezahlt. Zuletzt überwies Liverpool für den schwedischen Stürmer Alexander Isak beeindruckende 150 Millionen Euro an Newcastle United.Zusammen generierten die Vereine fast 7 Milliarden Euro in der Saison 2023/24. Die zweitgrösste Liga, die deutsche Bundesliga, kommt auf 3,8 Milliarden Euro.Der Erfolgsstürmer Alexander Isak wechselte für viel Geld von Newcastle nach Liverpool.Chris Radburn / ReutersSchaut man auf den gesamtwirtschaftlichen Fussabdruck, trägt die Premier League jährlich etwa 9 Milliarden Euro zur britischen Wirtschaft bei und unterstützt 100 000 Vollzeitstellen.3: Cheques and the cityErst kam der Brexit, am Ende dann noch die Labour-Regierung. Der Londoner Finanzplatz hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Nach dem Brexit verlagerten geschätzte 440 Banken und Finanzfirmen Teile ihres Geschäfts auf den europäischen Kontinent – Frankfurt, Paris, Amsterdam profitierten vom Brexit. Vermögenswerte von 900 Milliarden Pfund flossen Richtung Kontinent. Die Bank of England gibt an: Der Brexit hat in der britischen Wirtschaft langfristig ein vier Prozent niedrigeres Wachstum verursacht. Auch die gesamte Finanzindustrie mit ihren Steuerberatern und Rechtsanwaltskanzleien erlebte einen Dämpfer, obwohl diese laut den Brexitbefürwortern von weniger EU-Regulierungen hätten profitieren sollen.Dann kam 2024 Keir Starmer mit Labour an die Macht und setzte das schon vorher geplante Ende des «non-domiciled status» um – des Rechts für Ausländer, in London zu wohnen, ohne auf weltweite Einnahmen Steuern zahlen zu müssen. Eine Millionärsflucht setzte ein: Allein 2024 verliessen Tausende ultrareiche Londoner, unter ihnen viele russische und arabische Staatsbürger, die Insel Richtung Dubai und Mailand. Das hat vor allem einem geschadet: dem Immobilienmarkt. Für Briten ohne dickes Bankkonto ist das Leben in ihrer Hauptstadt nun immerhin etwas erschwinglicher geworden.Weder der Brexit noch die Aufhebung von Steuerschlupflöchern können dem Londoner Finanzdistrikt etwas anhaben.Mike Kemp / GettyInsgesamt aber hat sich der Finanzstandort London als robust erwiesen. In der City waren im Jahr 2025 675 000 Menschen im Finanzsektor beschäftigt, im Brexit-Jahr 2016 waren es dagegen bloss 525 000 im Jahr.4: Das goldene Dreieck glänztDie Universitäten in London, Oxford und Cambridge gehören bis heute mit zum Besten, was Britannien hervorgebracht hat. Britische Forscher aber lehren nicht nur, sie kooperieren seit langem mit kommerziellen Unternehmen. Wie beim Fussball gilt die kapitalistische Devise: Geld stinkt nicht. Ende 2020 punkteten die Briten mit einem früh zugelassenen Covid-19-Impfstoff: Der Pharmakonzern AstraZeneca hatte ihn gemeinsam mit dem Jenner Institute der Universität von Oxford entwickelt.Die Briten waren sehr schnell bei der Entwicklung von Covid-Impfstoffen.Dominic Lipinski / WPA / GettyNeben der renommierten Queen Mary University of London und dem Barts Cancer Institute in Ostlondon entsteht jetzt gerade der hypermoderne One North Quay: ein Hub für Lebenswissenschaften, bei dem die niederländische Firma Kadans Science Partner in einem Joint Venture mit der britischen Canary Wharf Group agiert und schon bald auf Durchbrüche in der Krebsforschung hofft. Eine der wichtigsten Errungenschaften des goldenen Dreiecks ist indirekt auch das Medikament Humira. Es wird gegen Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn eingesetzt und wurde vom Unternehmen Cambridge Antibody Technology und BASF entwickelt.5: Das britische DeepmindDie kapitalistische Risikobereitschaft in Kombination mit universitärer Bildung hat das Vereinigte Königreich auch zu Europas führender Startup-Nation gemacht. Es hat zwar nicht den Ruf, das europäische Silicon Valley zu sein, weil es weit hinter den USA zurückfällt, aber im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gibt es unter anderem mehr innovative Fintech-Gründungen als anderswo. Hilfreich dabei: staatlich gestützte Förderprogramme.Der britische KI-Forscher Demis Hassabis steht hinter Deepmind, doch die Firma ist jetzt Teil des amerikanischen Konzerns Google.Jung Ui-Chel / Matrix / ImagoRisikokapital für Startups in der Frühphase gibt es genug. Das Problem liegt eher in den notwendigen Grossinvestitionen, um die Projekte marktfähig zu machen. Zum Beispiel bei Deepmind. 2010 vom ehemaligen Schachwunderkind Demis Hassabis in London gegründet, wurde das KI-Startup bald von Google geschluckt. Heute fördern Deepmind und Demis Hassabis die KI-Entwicklung beim amerikanischen Technologieriesen.6: Hard statt softBei der Softwareentwicklung – zum Beispiel mit Chat-GPT von Open AI – hatte Amerika die Nase vorn, aber Europa, und dabei besonders die Briten, punktet gerade bei innovativer Hardware. Computer brauchen viel Zeit und Energie, um künstliche Intelligenz zu trainieren. Wer KI-Algorithmen auf Quantencomputern laufen lässt, könnte in Zukunft KI exponentiell schneller wachsen sehen. Die Hardwareentwicklung von Quantum-Computing steht aber noch am Anfang. Wieder helfen dabei in Grossbritannien die exzellenten Labs an den Elite-Unis in Kombination mit finanzkräftigen Technologiekonzernen. Entscheidend für die britische Volkswirtschaft wird sein, ob die Entwickler von Quantencomputern wie Oxford Quantum Circuits oder Orca Computing dann in der späteren Wachstumsphase noch britisch bleiben oder auch wieder von potenten amerikanischen Konzernen aufgekauft werden. Oxford Ionics wurde zum Beispiel bereits von der amerikanischen IonQ geschluckt.Geistreich, witzig, stilvoll. König Charles findet zu seiner Rolle.Mark Kerrison / Getty7: Nehmen Sie Lizzie!Der Grossraum London hat rund zehn Millionen Einwohner. Da braucht es natürlich nicht nur gut ausgebaute Fahrradwege, mit deren Entwicklung sich gerade Stadtpräsident Sadiq Khan abmüht. Es braucht auch Investitionen in den öffentlichen Verkehr. Ein Vorzeigeerfolg ist dabei die neue Londoner Elizabeth Line. Sie ist ein bisschen mehr als eine gemeine U-Bahn, reicht vom Flughafen Heathrow bis auf die Docks von Ostlondon und verbindet so den grössten Flughafen Londons mit dem wichtigsten Finanzplatz Europas in nur vierzig Minuten. Und das für 15 Pfund 50 pro Fahrt. Billiger und schneller als jedes Taxi.In vierzig Minuten von Heathrow in die City: Die neue Elizabeth-Tube-Linie ist ein Hit.Mike Kemp / GettyDer Bau dauerte zwar länger und kostete mehr als geplant: 19 Milliarden Pfund statt 14, und die Eröffnung konnte statt 2018 erst 2022 stattfinden. Im Vergleich mit baulichen Planungskatastrophen wie Stuttgart 21, einem Bahnhofsprojekt, dessen Kosten fünfmal so hoch sind wie budgetiert und dessen Fertigstellung in den Sternen steht, klingt dies jedoch geradezu wie eine Meisterleistung. Und noch wichtiger, die Königin Elizabeth konnte die ihr gewidmete Tube auch noch selber einweihen, bevor sie verstarb.8: Rolls-Royce unter Wasser und in der LuftDie Luxuslimousinen von Rolls-Royce (RR) sind heute längst nicht mehr im britischen Besitz, wie so viele britische Traditionsautomarken. Rolls-Royce wurde 2003 an BMW verkauft. Die Karossen werden aber immer noch im englischen Goodwood händisch zusammengeschraubt.Nicht verkauft und nach wie vor unter britischer Aufsicht ist der zweite Arm von RR, die Rolls-Royce Holdings plc. Sie baut Triebwerke für Flugzeuge und Kampfjets, entwickelt industrielle Energiesysteme, und vor allem baut Rolls-Royce Submarines das Herz der britischen Atom-U-Boote: die Nuklearreaktoren.Dieser Auftrag ist vom Verteidigungsministerium garantiert und mit Milliarden unterstützt. Im Rahmen der Aukus-Sicherheitsallianz (ein Militärbündnis mit den USA und Australien) liefert Rolls-Royce diese Reaktoren auch nach Australien.Ein britisches atomgetriebenes Angriffs-U-Boot, die «HMS Astute», auf dem Stützpunkt der Royal Australian Navy in Perth.Richard Wainwright / AAP / ImagoGefahr für die britische Rüstungsindustrie und ihren Vorzeigekonzern Rolls-Royce drohte allerdings von der Labour-Regierung unter Starmer. Der letzte Verteidigungsminister John Healey trat Anfang Juni aus Protest darüber zurück, dass er von seinem Regierungschef nur die Hälfte der geforderten Mittel zugesprochen bekam. Jetzt wird nachgebessert. Burnham muss sich gut überlegen, wie knausrig er bei der Rüstung wirklich sein möchte.9: Der Hammer unter den KriegsspielenNicht nur Computerspiele erfreuen sich grosser Beliebtheit. Der Zinnsoldat feiert sein Comeback. Warhammer ist ein analoges Strategiespiel, bei dem zwei oder mehrere Spieler an einem Tisch gegeneinander antreten. Die Armeen sind aus Zinn oder Plastik, die Soldaten bauen die Spieler vorher und bemalen sie auch. Entwickelt von der britischen Spielefirma Games Workshop aus Nottingham, bildet das analoge Tischspiel die Grundlage für eine ganze Produktpalette. Geschätzter Kernumsatz von Games Workshop im vergangenen Jahr: 625 Millionen Pfund.Echte Fans des analogen Spiels Warhammer.K.C. Alfred / The San Diego Union / Getty10: Der gute KönigAls Charles III. nach dem Tod seiner Mutter Elizabeth 2022 das Zepter übernahm, redeten einige schon den Niedergang der Krone herbei. So übergross war die Queen im Vereinigten Königreich, aber auch in der Welt. Doch der 77-jährige Charles überrascht in seiner neuen Rolle als King. Er ist humorvoll und woker als seine Untertanen. Er war lange vor der derzeitigen Hitzewelle in seinem Königreich ein grüner Aktivist, sprach sich schon früh für den Bau von Windfarmen aus und war auch klug genug, sich einen Teil der Einnahmen zu sichern. Der Gewinn aus der Windkraft fliesst grossteils in die Staatskasse. Ein Teil davon aber geht an den Sovereign Grant, mit dem Charles seine erheblichen Kosten bezahlt. Anders als so mancher Oligarch aber zahlt der König sogar auf Teile seines Einkommens Steuern. Gerade liess der Buckingham-Palast verlauten: seit 2022 30 Millionen Pfund aus privaten Einkünften. Und als er kürzlich bei einem Staatsbesuch in den USA eine Rede vor dem Kongress hielt, war diese so geistreich und verschmitzt, dass er immer wieder Standing Ovations erhielt. Zurück im Vereinigten Königreich lobte ihn auch der britische Altrocker Rod Stewart: «Sie waren grossartig in Amerika – Sie haben diesem kleinen Mistkerl ordentlich die Leviten gelesen.» Cool Britannia!König Charles und Königin Camilla mit dem US-Präsidenten Donald Trump und seiner Gattin Melania bei einem Staatsdinner im Weissen Haus.Evelyn Hockstein / ReutersEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Cool Britannia 2.0? Zehn Gründe, weshalb sich das Vereinigte Königreich neu erfinden kann
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