Es ist noch nicht lange her, da wetteiferten deutsche Politiker und regierungsnahe Medien um Lobeshymnen auf die „Wertegemeinschaft“ mit den USA. Mit den Vereinigten Staaten, so der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz, fuße die Beziehung „auf gemeinsamen Werten: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“. Zuvor hatte Altkanzlerin Angela Merkel davon gesprochen, die USA seien Deutschlands „wichtigster Partner“, mit dem man „so viele Werte und Interessen“ teile.

Doch diese Platte, jahrzehntelange Begleitmusik aller regierungstreuen Aufsteiger, hat jetzt einen Sprung. Die monotonen Freundschaftsbekundungen gegenüber dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekommen einen Zug ins Nekrophile. Denn das Amerika, dem sie galten, gibt es nicht mehr. Die USA von heute sehen Deutschland und Europa von heute nicht als Partner, sondern als Last. Da geht es zu wie in einer ruinierten Ehe. Der Partner wird vor vollendete Tatsachen gestellt und erlebt unerfreuliche Überraschungen.

Zweifel an der Nato-Garantie

Eine geheime Liste der amerikanischen Militärkapazitäten, welche die USA aus Europa abziehen wollen, wurde Anfang Juni in Teilen öffentlich. Die Zahl der Tankflugzeuge, Kampfjets und Drohnen, die Amerika als „Force Elements“ für die Nato bereithielt, wird erheblich reduziert. Bei den Kampfdrohnen des Typs MQ-9 wird der Nato sogar die Hälfte entzogen. Die traditionell USA-treue Zeitung Welt konstatierte erschreckt, diese Liste berge „gewaltigen politischen Sprengstoff für die Militärallianz“. Das Springer-Blatt kam zu dem Schluss, die Ankündigungen aus Washington zeigten, „dass die USA ihren außen- und sicherheitspolitischen Fokus auf den Pazifik legen“ – für den geopolitischen Konflikt mit dem aufstrebenden China.