Die milchige Glasfassade des Zumthor-Baus sollte man diesmal nicht achtlos ansteuern. Hinter ihr verbirgt sich eine gebrauchte Bauschuttrutsche, durch die Überreste abgerissener Häuser befördert wurden. Sie gibt den Ton vor für eine hintergründige Reflexion über Verfall, Ausgrenzung, Überwachungstechniken, mediale Verführung und die Zyklen städtischer Metamorphosen, die im Innern, unterlegt vom so erhabenen wie bombastischen Lärm, gleich im Foyer beginnt. Der Passionsweg des aufblasbaren Himmelstänzers, wie man ihn von Tankstellen oder Festivals kennt, wirkt hier wie ein in den Kunstraum eingeschleustes Spektakel, das sogleich an Trumps Kampfarena vor dem Weißen Haus denken lässt – nur dass der gegen sich selbst boxende Gigant ein schauriges Lamento anstimmt.Die seine Mobilität einschränkende Halle verwandelt sich dank der raumgreifenden Boxen-Wand des Killasan-Soundsystems, das Anfang der Neunzigerjahre in Berlin die Techno-Szene beschallte, zu einem klassikaffinen Klub. Schwermütige Musik von Bach bis Mozart ertönt in dröhnender Lautstärke, gesampelt und zersplittert, während sich die weiße Figur aufbläht, mit dem Kopf an die Decke stößt und in wilden Konvulsionen zu Boden fällt. Der gespensterhafte „Visitant“ (2021-2026) kommt zur Ruhe, bäumt sich ein letztes Mal auf, verfällt zuckend in Agonie und erschlafft in einer letzten Windung. Bereits in diesem Drama beginnt sich eine Erzählung abzuzeichnen, die, am markantesten im obersten Stock, um die Kontrolle des öffentlichen Raums durch den Einsatz von Zäunen, unbequemen Bänken oder die sanfte Waffe der klassischen Musik kreist. Letztere dient nicht etwa einer Aufwertung des jeweiligen Ortes, ob U-Bahn-Station oder Parkplatz, sondern der Abschreckung unerwünschter Menschen.Wenn man Flöten erwartet, hört man PfeifenDie wuchtige Installation aus Nylonhülle erweist sich beim Gang nach oben als ein kontrastreiches Präludium einer über die Stockwerke von Cyprien Gaillard wohldurchdachten Dramaturgie, denn auf der ersten Etage seiner Einzelausstellung „When you expect flutes, it's whistles“ überrascht eine Leere, die wohltuend zum Durchatmen einlädt. Der sechsundvierzigjährige Franzose, der in Paris und Berlin lebt, hat von Anfang an in seinem Werk nach den Hinterlassenschaften der Menschheit gefahndet und fand sie in der ewigen Zirkulation von Zerstörung und Wiederaufbau. Gaillard wechselt mühelos zwischen Film, Fotografie, Skulptur und Installation, immer auf der Suche nach mit Bedeutung aufgeladenen Spuren von Vergänglichkeit. Die dominieren auch seine minimalistische Präsentation der inzwischen unzähligen Male ausgestellten Serie der „Geographical Analogies“ (2006–2010) auf an den Wänden lose befestigten Ablagen.Der kaleidoskopische „Ruinen-Atlas“ des rastlos reisenden Atelier-Flüchtlings aus verblassenden Polaroids, die er rund um den Globus aufgenommen hat, umfasst Hunderte von dokumentarischen Aufnahmen, darunter Betonwüsten, Kriegsbunker, Gruften, Heldendenkmäler oder der inzwischen abgerissene Nakagin Capsule Tower aus Tokio. Nicht nur formale Analogien in Form, Farbe oder Motiv halten die Fotoskulpturen in diamantförmig collagierten Rastern zusammen. Es ist der Betrachter selbst, der zum enzyklopädischen Dechiffrierer dieser vom Verfall gezeichneten Unorte mutiert, inklusive der Polaroids selbst, deren fragile Existenz mangels nicht mehr hergestellter Kameras bedroht ist.Die Ruhe täuschtNach dieser Epiphanie aus Luft und Leere sieht man sich, ausgehend von der Sage „Der Rattenfänger von Hameln“, im zweiten Stockwerk mit auseinandergeschraubten Querflöten und teilweise zusammengerollten Null-Euro-Scheinen konfrontiert, die mit der Erlaubnis der Europäischen Zentralbank gedruckt wurden und den Rattenfänger und die Stadt Hameln abbilden. Flankiert werden diese so verführerischen wie wertlosen Rauschobjekte, die als Werkzeuge des Drogenkonsums durch ihr Arrangement sogleich zu erkennen sind, von gefächerten Skulpturen aus Edelstahl, die italienische Beschattungsvorrichtungen für Bankautomaten nachahmen. Dazu gesellen sich Reste von Einbrüchen, darunter Farbpatronen, die bei einem Aufbrechen die Geldscheine blau färben und damit den kapitalistischen Wertekreislauf unterbrechen.Das forensische Setting wirkt seltsam unaufgeregt, doch die Ruhe nach dem Gewaltakt täuscht. „Deterrent“ (2026), der 35 Minuten dauernde Film im dritten Obergeschoss, eine Neuproduktion für Bregenz in Zusammenarbeit mit der Fondazione Prada Milano, spinnt die sorgsam gelegten Fäden weiter zu einem gewaltigen dystopischen Crescendo. Am Anfang fixiert die Kamera die Fassade einer Filiale der US-amerikanischen Diner-Kette 7-Eleven, die rund um die Uhr geöffnet hat. Um Obdachlose fernzuhalten, gönnt sich die Leitung offenbar im Außenbereich nicht nur Kameras, sondern auch eine Dauerberieselung mit Klassik, während drinnen poppige Musik als den Konsum befeuerndes Lockmittel fungiert.Im Rhythmus der Dystopie: Cyprien Gaillards Film „Deterrent“ aus dem Jahr 2026Timo OhlerDann zoomt die Kamera mit Getränken gefüllte Regale heran und entdeckt eine quirlige Ratte. Es folgen elegisch gleitende Bewegungen über Graffiti an den Wänden des Los-Angeles-Flusses, die immer wieder von der Kommune übermalt werden und als abstrakte Farbfelder zum neuen Leben erwachen, Myriaden von Verbotsschildern und von untoten Schattenwesen frequentierte Drogenumschlagsplätze in Skandinavien, die man aus Köln, Frankfurt oder Berlin allzu gut kennt und sich sogleich fragt, warum diese den urbanen Alltag bestimmenden dantesken Tristesse-Szenen so selten im Kunstkontext aufgegriffen werden.Verstärkt wird diese gänzlich unsentimentale Reise in Randgebiete der unwirtlichsten Unordnung durch eine grandios Kontrapunkte setzende Opernmusik im Wechsel mit Presslufthammer-Lärm und Hundegebell, bevor das letzte Bild auf dem Rattenfänger-Glockenspiel in Hameln verharrt. Nicht zufällig stellt Gaillard diese mit Flötenklang hypnotisierende Figur, die erst unerwünschte Ratten aus der Stadt entfernt, um sich dann auch an den Kindern der Bewohner zu vergreifen, ans Ende seiner Abrechnung mit einer Architektur, die Menschen in soziale Klassen aufteilt, den Vertreibungsauswüchsen der US-Einwanderungsbehörde ICE oder Tech-Konzernen, die Jugendliche bewusst in Social-Media-Sucht treiben. In diesem Finale fügt sich alles scheinbar Disparate zusammen, getragen von einem sakral düsteren Frauengesang, der ganz tief aus den Abgründen der Gegenwart kommt.Cyprien Gaillard. When you expect flutes, it's whistles. Im Kunsthaus Bregenz, bis zum 4. Oktober. Katalog folgt.
Kunsthaus Bregenz zeigt Cyprien Gaillard: Gegen unaufhaltsame Kreisläufe
Mit Null-Euro-Noten gegen die Rattenfänger und den kapitalistischen Kreislauf: Cyprien Gaillard im Kunsthaus Bregenz








