So viel Lob bekommt das politische Spitzenpersonal im Frankfurter Römer zu Lebzeiten selten zu hören. Das sollte normalerweise misstrauisch machen. Was den freundlichen Worten am Donnerstagabend folgte, stand allerdings schon auf der Tagesordnung: Die neue Koalition aus CDU, Grünen, SPD und dem Kooperationspartner Volt hat Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg, Stadtkämmerer Bastian Bergerhoff (beide die Grünen), Ordnungsdezernentin Annette Rinn und Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst abgewählt. Ihre Ämter verlieren sie erst nach einem zweiten Wahlgang nach der Sommerpause.Der Blick richtete sich im Stadtparlament vor allem auf die Grünen, die erst am Tag zuvor nach einer heftigen parteiinternen Auseinandersetzung ihr Personaltableau festgelegt hatten und zwei ihrer eigenen Dezernenten abwählen mussten. Die Fraktion zeigte in offener Abstimmung dennoch Geschlossenheit. Eskandari-Grünberg, die sich bis zuletzt gegen ihre Abberufung als Diversitätsdezernentin gewehrt hatte, fehlte in der Stadtverordnetensitzung. Bergerhoff war auf der Magistratsbank anzusehen, dass ihn die Entscheidung der Mitglieder mitgenommen hat. Diese hatten sich für den Verbleib des bisherigen Mobilitätsdezernenten Wolfgang Siefert im Hauptamt ausgesprochen. Er soll für Bauen und Immobilien zuständig werden.Tränen vor der PersonalentscheidungDie Abwahlen sind nötig, um Platz für die Neubesetzung von vier hauptamtlichen Stadtratsstellen für den Wahlsieger CDU zu machen. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Dimitrios Bakakis sprach von der „schwersten Rede meines Lebens.“ Die Sitzungen des mit der Personalauswahl und den Dezernatszuschnitten befassten Gremiums hätten teils unterbrochen werden müssen, weil „zu viele Tränen zu vielen von uns die Stimme wegbrechen ließen.“ Eskandari-Grünberg habe wie keine andere das Thema Diversität in Stadtgesellschaft und Verwaltung verankert. „Niemand von uns kann die Lücke füllen, die ihre Abwahl hinterlassen wird.“ Bergerhoff wiederum sei „unser Fels in der Brandung“, der mit Engelsgeduld Zahlen, Daten und Fakten erklärt habe.Nicht nur Bakakis, auch fast alle anderen Redner würdigten außerdem den Einsatz der FDP-Dezernentinnen. Ordnungsdezernentin Rinn, die Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) bei ihrem Vorstoß für ein Suchthilfezentrum unterstützt hatte, bekam von den Grünen lang anhaltenden Applaus. Voitl, die neben ihr saß, umarmte sie. An Rinn schätze er ihren liberalen Geist und ihre Unaufgeregtheit, sagte SPD-Fraktionschef Kolja Müller. In ihren Ämtern habe man gut über sie gesprochen, diese Perspektive der Arbeitnehmer sei für die SPD wichtig. Wüst habe sich mit Leidenschaft für die Wirtschaft eingesetzt. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Sebastian Papke sagte, Wüst habe die Wirtschaft zu einem Zukunftsthema gemacht, weshalb die CDU sie jetzt zur Chefsache erklärt habe.Die Zuständigkeit für Wirtschaft soll der CDU-Fraktionsvorsitzende Nils Kößler als neuer Bürgermeister übernehmen. Er hatte zu Beginn der Debatte den Ton gesetzt: „Heute ist nicht der Tag der Abrechnung“, sagte Kößler, sondern es gehe um einen geordneten Übergang der Macht. Er sei überzeugt, dass die neue Mehrheit liefern werde. „Und Abberufungen gehören dazu.“ Eskandari-Grünberg verdiene Dank und Anerkennung für ihren Einsatz gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit. Kämmerer Bergerhoff, den Kößler in Zusammenhang mit dem Haushalt oft mit kritischen Fragen angegangen war, gestand er „finanzpolitische Verantwortung“ zu.Markus Fuchs (AfD) hatte nach eigenen Worten bei allen ideologischen Differenzen keinen Zweifel an der Kompetenz des Kämmerers und sah auch bei Wüst und Rinn keinen Grund, sie abzuwählen. Die AfD stimmte folglich bei allen Dreien gegen die Abberufung. Mathias Pfeiffer (BFF-DFRA-Freie Wähler) fand, dass Bergerhoff kompetent, aber auch immer fair und ansprechbar gewesen sei. Er dankte zudem Eskandari-Grünberg für ihren Einsatz.Während Pfeiffer das Wahlversprechen der CDU für einen Politikwechsel mit dem „Frankfurter 3+1-Modell“ aus CDU, Grünen, SPD und Volt als gescheitert ansah, kritisierte Daniela Mehler-Würzbach (Die Linke) eine „Koalition des kleinsten Nenners“, der eine Idee für Frankfurt fehle. „Wir bekommen eine Stadtrandpolitik mit mehr Autos und Einfamilienhäusern.“
Frankfurt: Vor der Abwahl der Dezernenten gab es Lob und Tränen
Die neue Mehrheit im Frankfurter Römer kostet drei Frauen und einen Mann das Amt. Zuvor hält der Grünen-Fraktionsvorsitzende die „schwerste Rede seines Lebens“.






