AfD-Abgeordneter für WiderspruchslösungDie AfD wird ihrer vorherigen Ankündigung, dass es eine geschlossene Abstimmung gegen die Widerspruchslösung geben wird, wohl nicht gerecht. „Ich habe eine Menge überzeugender Argumente gehört, sowohl für die Widerspruchslösung als auch für die Zustimmungslösung“, sagt der AfD-Abgeordnete Alexis Giersch. Und erklärt: „Ich persönlich befürworte die Widerspruchslösung.“ Es gehe nicht mehr primär darum, die Bürger von der Bereitschaft zur Organspende zu überzeugen, sondern sie zu einer Entscheidung zu bringen. Die AfD hat die Ablehnung der Widerspruchslösung inklusive Skepsis an der Diagnostizierbarkeit des Herztods in ihr Wahlprogramm geschrieben, Giersch aber scheint das nicht zu kümmern. Er begreift die Debatte als eine ohne Fraktionszwang. „Der Antrieb, die Zustimmung zu erklären, ist nicht so stark wie der Antrieb, den Widerspruch zu erklären“, so sein Argument. Er fühle sich verbunden mit allen Menschen auf Wartelisten. Obwohl er von der Parteilinie abweicht, bekommt er Applaus aus der AfD-Fraktion – Applaus anderer Abgeordneter ist in der Übertragung des Bundestags nicht zu vernehmen. Damit ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass die Mehrheit für eine Widerspruchslösung mithilfe der Stimme eines AfD-Abgeordneten zustande kommt. Ein Problem für die anderen Fraktionen sieht der Vorsitzende des Ethikrates, Helmut Frister, in einer solchen Konstellation nicht, wie er zuletzt im Gespräch mit der F.A.Z. erklärte. Denn bio- und medizinethische Fragen ohne Fraktionszwang seien ein Sonderfall.Lauterbach macht sich für die Widerspruchslösung stark – wie vor sechs JahrenNun spricht der Sozialdemokrat und frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Er schlägt einen resignierten Ton an: „Wir drehen uns im Kreis mit dieser Debatte.“ Die Widerspruchslösung könne die Spenderzahlen verdoppeln; kein anderes Land habe eine Erhöhung ohne Widerspruchslösung geschafft. Er kritisiert zudem die Wortmeldungen, die sich für Verbesserungen in den Kliniken aussprechen. „Was glauben Sie, was in den Krankenhäusern geschieht?“, fragt er und bekommt Applaus. Die notwendigen Strukturen zur Verbesserung der Transplantationsmedizin seien geschaffen, was es nun brauche, sei die Widerspruchslösung. Sein Antrag für die Widerspruchslösung, damals gemeinsam mit Jens Spahn (CDU) eingereicht, scheiterte im Jahr 2020 deutlich: 382 Abgeordnete stimmten dagegen, 261 votierten dafür.Die Erwiderung von Lauterbachs Parteikollege Lars Castellucci macht den besonderen Charakter von Debatten ohne Fraktionszwang deutlich. Er greift die Worte des früheren Ministers auf, um sie gegen ihn zu wenden. „Lieber Kollege Lauterbach, wir drehen uns im Kreis, in der Tat, mit solchen Systemdebatten drehen wir uns im Kreis“, sagte er und argumentierte wie viele Vorredner mit dem Risiko, dass Menschen, die geistig nicht zu einer Willensbekundung in der Lage seien, letztlich unfreiwillig zu Organspendern werden. „Es kann nicht jeder Nein sagen“, sagt Castellucci.Eine Gegnerin betont das gemeinsame ZielZahlreiche Abgeordnete, die im Bundestag für die Beibehaltung der Zustimmungsregelung argumentieren, stellen zunächst einmal klar, dass sie selbst einen Organspendeausweis haben. Zu ihnen gehört die Grünen-Politikerin Swantje Michaelsen. Es verletze sie, wenn vonseiten der Unterstützer unterstellt werde, dass die Gegner der Widerspruchslösung keine Erhöhung der Spenderzahlen anstreben würden. „Uns eint das Ziel“, sagt sie, über den Weg dorthin gebe es aber unterschiedliche Auffassungen.Von Storch pocht auf Recht auf Ablehnung durch SchweigenBeatrix von Storch (AfD) bringt die Widerspruchslösung in Zusammenhang mit der elektronischen Patientenakte, die auch angelegt wird, sofern der Patient nicht widerspricht. Auch Impfungen erwähnt sie, wohl in Anspielung auf die in der Corona-Pandemie debattierte und letztlich nicht beschlossene Impfpflicht. Dabei gebe es in einer freiheitlichen Demokratie ein Recht auf Ablehnung durch Schweigen. Die Widerspruchslösung sei mit der Würde des Menschen nicht vereinbar.Vorzeigeland SpanienDie Linken-Abgeordnete Stella Merendino verweist auf das Organspende-Vorzeigeland Spanien. Dieses habe nicht deswegen so viele Spenderorgane, weil es eine Widerspruchslösung gebe, sondern weil es sich das Vertrauen in die Strukturen über Jahrzehnte erarbeitet habe. Dass die Deutsche Stiftung Organtransplantation nicht denselben Transparenzanforderungen unterliegt wie eine staatliche Behörde, sei ein großes Problem – man müsse dabei ansetzen, mehr Vertrauen herzustellen. Dafür sei das Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung kontraproduktiv, weil es mehr und nicht weniger Personal in den Krankenhäusern geben müsse. Ricarda Lang zitiert BonhoefferNun argumentiert die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang mit Zitaten von Dietrich Bonhoeffer. Der habe festgestellt, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehörten. „Was nicht mehr möglich wäre, ist, keine Entscheidung zu treffen, ohne dass es Konsequenzen hat“, so Lang. Sie könne es gut verstehen, dass man die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod scheue. Dies sei schmerzhaft, insbesondere in einer Gesellschaft, in der es kaum Auseinandersetzung mit dem Tod gebe und in der das Sterben in Pflegeheime und Krankenhauszimmer verbannt worden sei. Dennoch müsse man sich fragen, ob die Freiheit zur Nichtentscheidung mehr wiege als der „Schutz des Lebens“, der mit der Chance auf höhere Spenderzahlen einhergehe.Ein früherer Befürworter hat seine Meinung geändertDer Linken-Abgeordnete Ates Gürpinar ist für die Befürworter einer Widerspruchslösung ein besonders ärgerlicher Fall: Er war lange dafür, ist inzwischen aber dagegen. Er habe seine Meinung geändert, sagt er und kritisiert dann insbesondere den vorliegenden Antrag. Dieser sehe Maßnahmen bei der Aufklärung vor, die bereits beschlossen sind, aber nicht umgesetzt worden seien. „Die Bereitschaft zur Organspende wird mit der Widerspruchslösung nur erhöht, weil zu wenig aufgeklärt wird“, sagt er. Er bringt das Thema mit dem Sparpaket der gesetzlichen Krankenversicherung in Verbindung, hier seien Kürzungen bei Hausärzten geplant, die auch die Aufklärung erschweren würden. Überhaupt argumentiert er als bislang Erster sozialpolitisch: Ärmere Menschen würden seltener ihren Willen bekunden, ergo beträfe sie die Widerspruchslösung besonders.Andersherum ergeht es der Sozialdemokratin Kerstin Griese. Sie hat 2020 gegen die Widerspruchslösung gestimmt, spricht sich nun aber dafür aus. Sie sei zu dem Schluss gekommen, dass es zumutbar ist, einmal im Leben über Ja oder Nein zu entscheiden. Sie verweist dabei auf ihren Glauben – Griese ist evangelische Christin – und argumentiert damit, dass sich mit dem Treffen einer Entscheidung auch Nächstenliebe ausdrücke. Sie verweist auf eine entsprechende Stellungnahme der EKD. Ihre Kollegen ruft sie dazu auf, ihr Gewissen zu befragen. Wie werden die Abgeordneten abstimmen?Neue Argumente kommen in der Debatte kaum vor. Es werden für beide Seiten grundsätzliche, ethische Argumente sowie Statistiken zu den Auswirkungen der Widerspruchslösung ins Feld geführt. Auch Schicksale von Wartelistenpatienten kommen immer wieder vor. Grundsätzliche Zweifel an der Diagnose Hirntod und an der Aufrichtigkeit der zuständigen Organisationen äußert allein die AfD. Die Redner der verschiedenen Fraktionen, die sich schon in den vergangenen Wochen und Monaten öffentlich positioniert haben, sind in ihrer Meinung festgelegt – entscheidend wird sein, wie sich die vielen Abgeordneten, die selbst nicht zu dem Thema sprechen, entscheiden werden. Die Initiatoren des Antrags zur Widerspruchslösung sind optimistisch, dass zahlreiche Politiker ihre Meinung im Laufe der vergangenen Jahre geändert haben oder es noch tun werden, eben weil die niedrige Zahl der Organspenden trotz verschiedener Maßnahmen zur Steigerung stagniert. Erschwert wird die Mehrheitsbildung dadurch, dass die AfD geschlossen gegen den Antrag stimmen will. Unter den übrigen Abgeordneten braucht es daher etwa zwei Drittel der Stimmen.Der Patientenbeauftragte Stefan Schwartze warb schon unter der Ampelregierung für eine Neuregelung der Organspende, über die zur Stunde im Bundestag debattiert wird. Im Porträt stellen wir ihn vor:CDU-Politiker Brand will Zustimmungslösung erhaltenMichael Brand (CDU) ist gegen die Widerspruchslösung. Er verweist auf die lange Warteliste: 8004 Menschen würden aktuell auf Spenderorgane warten – und stellt sie den 80 Millionen Deutschen gegenüber, die mit einer Widerspruchslösung zu potentiellen Spendern werden würden. Er hinterfragt, ob wirklich genug gemacht worden ist, um die Spenderzahlen auf weniger invasive Weise zu steigern. Das Thema könne bei Amtsgängen vorkommen, die Onlinedatenbank könne verbessert werden. Brand möchte „als erklärter Organspender“ fragen, ob Deutschland nicht auf einem falschen Weg sei. Eine Widerspruchslösung helfe aus seiner Sicht nicht, sie werde eher ein negativeres Bild von Organspenden erzeugen. „Ich bin einigermaßen entsetzt von dieser grundsätzlichen Debatte. Sie lenkt ab von den Lösungen“, so Brand. Er ist Initiator eines konkurrierenden Antrags, der die Zustimmungslösung erhalten und stärker für das Thema werben will. Grünen-Politiker Grau spricht von „Angehörigenlösung“Der Bundestagsabgeordnete und Neurologe Armin Grau (Grüne) weist auf den Druck hin, unter dem Angehörige nach dem Hirntod eines geliebten Menschen stehen. Er habe dies häufig in Patientengesprächen festgestellt und habe die Angehörigen überfordert erlebt. Sie würden die Spende in solchen Fällen in der Regel ablehnen, woraus ihnen kein Vorwurf zu machen sei. „Wir haben in Deutschland weniger eine Entscheidungslösung als eine Angehörigenlösung“, sagt Grau. Nur über jeden Dritten, der einen Hirntod erleidet, sei der Wille ohne Angehörige klar erkennbar. Dann kommt er zu dem strittigen Punkt der Evidenz. Grau sagt, einzelne Studien würden darauf hindeuten, dass es keine relevanten Effekte gebe, die Mehrzahl aber zeige eindeutig eine klare Zunahme der Spenderraten. Dafür gibt es Applaus. Von Gegnern der Widerspruchslösung wird die Evidenz für höhere Spenderzahlen scharf bestritten, was auch im Verlauf der Debatte eine Rolle spielen dürfte.SPD-Abgeordnete Dittmar: „Wir sollten alles Mögliche tun, um Leben zu retten“ Sabine Dittmar (SPD) weist darauf hin, dass Deutschland trotz diverser Maßnahmen zu den Schlusslichtern gehört, wenn es um die Organspendezahlen geht. Einen Mangel, wie er in diesem Feld besteht, „würden wir in keinem anderen Feld der Medizin akzeptieren“. Es sei Zeit für den nächsten Schritt; in Ländern mit Widerspruchslösung seien die Spenderzahlen zwei- bis dreimal so hoch wie hierzulande. Deutschland sei innerhalb des Eurotransplant-Verbunds, in dem mit Nachbarländern über Grenzen hinweg nach passenden Empfängern gesucht wird, das einzige Land ohne Widerspruchslösung. „Wir sollten alles Mögliche tun, um Leben zu retten“, ruft Dittmar und nennt die Namen einzelner Patienten auf Wartelisten für Organspenden. AfD will geschlossen gegen Widerspruchslösung stimmenAls Nächste spricht die AfD-Abgeordnete Christina Baum. Ihre Fraktion hat angekündigt, geschlossen gegen die Widerspruchslösung zu stimmen, obwohl der Fraktionszwang aufgehoben ist. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit stehe der Widerspruchsregelung diametral entgegen. Sie spricht von einem „Zwang“. Natürlich könnten Organe Leben retten, sagt sie, dennoch habe jeder Mensch zuallererst das Recht darauf, diese Erde so zu verlassen, wie er sie betreten habe. Baum wirft den Antragstellern vor, im Interesse der Pharmaindustrie und der beteiligten Organisationen zu denken, wenn sie sich für die Widerspruchslösung aussprechen. Zudem stellt sie infrage, ob Menschen nach einem Hirntod womöglich noch Schmerzen spüren könnten. Medizinisch ist erwiesen, dass dies bei einer korrekten Diagnose, die von mehreren Ärzten unabhängig voneinander ausgestellt werden muss, nicht der Fall sein kann. Connemann: „Es gibt Menschen, die kein Morgen mehr haben“ Die Debatte zur Organspende beginnt. Erste Rednerin ist Gitta Connemann (CDU), die einen Patienten, der bis zu seinem Tod vergeblich auf ein Spenderorgan wartete, persönlich kannte und sich für die Widerspruchslösung einsetzt. „Wir verschieben diese Entscheidung immer wieder auf morgen, aber es gibt Menschen, die kein Morgen mehr haben“, sagt sie. Es sei vieles getan worden, um zu helfen: Onlineregister, Transplantationsbeauftragte, Kampagnen. „Das alles war richtig, aber es reicht nicht.“ Connemann verweist darauf, dass Umfragen zufolge der weit überwiegende Teil der Deutschen eine positive Meinung zu Organspenden hat und diese auch in Anspruch nehmen würde, ein deutlich kleinerer Teil aber über die eigene Bereitschaft zur Spende bereits entschieden hat. Die Widerspruchsregelung erhalte das Recht auf ein Nein, aber sie nehme dem Schweigen seine brutale Konsequenz, so Connemann. Aus allen Fraktionen – bis auf die AfD-Fraktion – gibt es vereinzelten Applaus für ihre Rede. Verfolgen Sie die Debatte hier im Liveblog.Mehr ladenTickarooLive Blog Software